Donnerstag, 4. März 2021

Über Stiftungen und Amazon-Algorithmen mit Ohren

Annegret Schult ist nicht nur Buchhändlerin bei Felix Jud, sondern auch in unterschiedlichen Stiftungen tätig. Mit Robert Eberhardt sprach Sie über Ihre Aufgaben, die Bedeutung von Stiftungen und Literaturpreisen und vieles mehr.

Mitglieder der Siegfried Lenz Stiftung von links nach rechts:
Annegret Schult, Ulrich Greiner, Monique Schwitter, Prof. Dr. Rainer Moritz

Eberhardt: Liebe Frau Schult, seit vielen Jahren sind Sie im Kuratorium der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich für eine vielfältige Verlagslandschaft u.a. einsetzt. Was hat die Stiftung seit ihrer Gründung erreicht und was ist Ihre Aufgabe in Ihrer Funktion?

Schult: Die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene, so die genaue Bezeichnung der Stiftung, wurde im Oktober 2000 von unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern sowie dem damaligen Kulturstaatsminister Dr. Michael Naumann gegründet. Der Name der Stiftung erinnert an den bedeutenden Verleger des deutschen Expressionismus, der von 1887 bis 1963 lebte und mit dem Kurt Wolff Verlag unter anderem in Leipzig wirkte. Unterstützt wird diese Einrichtung vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, von der Bundesregierung, vom Freistaat Sachsen und der Stadt Leipzig.

Die Stiftung versteht sich als Interessenvertretung unabhängiger deutscher Verlage und macht seit ihrer Gründung deutlich, dass in der Vielfalt unserer unabhängigen Verlagslandschaft ein enormer kultureller Reichtum steckt. Die Stiftung bemüht sich um die Bewahrung dieser Vielfalt, fördert und unterstützt sie, bietet ihnen ein Netzwerk und prämiert sie. Jährlich wird der Kurt Wolff Preis verliehen. Der Bund stockte die Preisgelder für die Gewinner des Kurt Wolff Preis gerade auf: der Hauptpreis ist mit 35.000 Euro dotiert und der Förderpreis mit 15.000 Euro. Meine schöne Aufgabe seit 2010 ist es zusammen mit den anderen Kuratoriumsmitgliedern die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie sind auch Mitglied in der Siegfried-Lenz-Stiftung. Wie kam es dazu?

Schult: Die Siegfried Lenz Stiftung ist noch recht jung, 2014 wurde der erste Preis an Amos Oz vergeben. Es folgten die Verleihungen an Julian Barnes, Richard Ford und jetzt 2021 an Ljudmila Ultitzkaja. Siegfried Lenz hatte die Stiftung noch selbst vor seinem Tod ins Leben gerufen. Die Siegfried Lenz Stiftung vergibt diesen bedeutenden, neuen Literaturpreis alle zwei Jahre, er ist mit 50.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit ihrem erzählerischen Werk Anerkennung erlangt haben und deren schöpferisches Wirken dem Geist Siegfried Lenz nah ist. Außerdem hat die Stiftung sich die wissenschaftliche Aufarbeitung seines schriftstellerischen und publizistischen Werks zur Aufgabe gemacht. Sie vergibt Stipendien und an junge Künstler und Wissenschaftler, insbe­son­dere Schriftsteller, um diese im Sinne des Stiftungszweckes zu unterstützen.

Zur Vergabe des Preises hat die Stiftung eine Jury berufen, in der ich seit 2016 Mitglied bin. Durch meine langjährige Tätigkeit bei Felix Jud bin ich neben Rainer Moritz, dem Leiter des Hamburger Literaturhauses, der Schriftstellerin Monique Schwitter und dem Journalisten Ulrich Greiner als Buchhändlerin eine gute Ergänzung, um die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie haben Siegfried Lenz mehrmals getroffen. Was war er für ein Autor und Mensch?

Schult: Ein gewitzter und lebenskluger Menschenfreund! Wilfried Weber, der langjährige Inhaber der Buchhandlung Felix Jud, und ich fuhren 2008 zu Siegfried Lenz und seiner Frau Ulla Reimer auf die Insel Fünen, um die Druckbögen von „Der Geist der Mirabelle“ signieren zu lassen. Wir bereiteten gerade eine Neuauflage der Erzählung im Verlag Felix Jud als Künstlerbuch vor, mit den dafür entstandenen Landschaftsbildern von Klaus Fußmann. Das war schon ein Erlebnis, dieser Besuch. Das Signieren war schnell erledigt, dann kam eine echte dänische Kaffeetafel zum Vorschein, die den eigentlichen Höhepunkt des Tages darstellte. Es gab noch ein paar andere Begegnungen, alle liebenswürdig und intensiv. Wie gesagt, ein Menschenfreund, und das prägt auch sein Werk.

Eberhardt: Was denken Sie: Nicht in allen literarischen Gremien und Jurys ist noch eine Buchhändlerin oder ein Buchhändler vertreten. Hat sich die Rolle dieses Berufstandes im individualisierten und digital geprägten Buchmarkt geändert? Braucht man den viellesenden Menschen, der zu gewissen Zeiten hinter einem Tresen, umgeben von abertausenden Bücher, steht überhaupt noch - trotz „Kunden die das kauften, schauten sich auch das an“? Was möchten Sie einem Amazon-Algorithmus entgegenhalten, wenn er online eingebildet vor Ihnen herumschaltet und Ohren hätte?

Schult: Die Rolle des Buchhändlers hat sich eigentlich nicht verändert. Er wird nur nicht mehr von so vielen Menschen vor Ort aufgesucht und zu Rate gezogen wie früher. Ein großer Teil der Leser glaubt, dass Amazon durch diese Leseempfehlungen „Kunden, die das kauften…“ eine Beratung bereitstellt! Du meine Güte, diese Menschen sollten einmal zu uns kommen oder zu jedem anderen engagierten Buchhändler, um unseren Gesprächen zu lauschen, die wir führen. Da kann es durchaus mal sein, dass eine Beratung kontrovers geführt wird und zwanzig Minuten andauert. Und dann kann es auch passieren, dass nur ein Buch oder auch gar keines gekauft wird. Aber dann, und das ist eine wirkliche Erfahrung, kommen diese Kunden wieder und wieder und die Anzahl der Buchkäufe, von denen wir ja schließlich leben, wächst und wächst. So haben wir Stammkundschaften gewinnen und über Jahre pflegen können, die zu freundschaftlichen Beziehungen wurden. Und nicht selten sind auch deren Kinder und Enkel Kunden geworden. Es ist eine wirkliche Bereicherung für beide Seiten, sich über Bücher face to face zu unterhalten! Wie oft hören wir: „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Auf dieses Buch wäre ich ja nie gekommen!“ Diese persönliche Komponente und der lebendige Dialog ist natürlich von keinem Algorithmus berechenbar. Die Rolle des Buchhändlers ist unersetzbar. In Jurys und Gremien allemal. „Hab eine eigene Meinung!“ würde ich dem Amazon-Algorithmus mit Ohren entgegnen!

Die Preisträgerin des Siegfried Lenz Preises 2021 im Felix Jud Webshop: Eine Seuche in der Stadt - Produkt (buchkatalog.de)

https://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://www.siegfriedlenz-stiftung.org/

Donnerstag, 18. Februar 2021

"Mein Roman ist eine Frucht mit Haut, Fleisch und Kern"

Heute, am 18. Februar 2021, erscheint „Die Erfindung des Ungehorsams", das neue Buch von Martina Clavadetscher im Unionsverlag. Marcus Dahmke hat mit der Autorin und Dramatikerin gesprochen.

Zum Inhalt: Anfang des 19. Jahrhunderts strebt die Wissenschaftlerin Ada in Europa nach Anerkennung in einer von Männern dominierten Welt. Jahrhunderte später kontrolliert die Arbeiterin Ling die weiblichen Körper einer Sexpuppenfabrik in China, die als willenlose künstliche Wesen ohne Bewusstsein an männliche Kunden verkauft werden, auf ihre Makellosigkeit. In Manhattan entkommt Iris nicht den ständig gleichen Abläufen eines öden Lebens, das nur mit der Sehnsucht nach einem „draußen“ erträglich bleibt.

Drei Frauen, drei Geschichten, ein Kern.

Martina Clavadetscher erzählt in „Die Erfindung des Ungehorsams“ von Selbst- und Fremdbestimmung, Körperlichkeit, gesellschaftlichen und sozialen Schranken, Spielarten der Liebe und über die befreiende Kraft des Erzählens und des Gehört-werdens.

Copyright: Janine Schranz

Dahmke: Liebe Frau Clavadetscher, ist es richtig, dass eine Fotoserie Sie zu Ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ inspiriert hat? Was für eine Serie war das? Und was hat Sie an dieser so fasziniert?

Clavadetscher: Ja, es war eine Bilderserie des Fotografen Aleksander Plavevski, der für Keystone in Shenzhen eine Sexpuppenfabrik dokumentiert hat. Die Bilder zeigen den Herstellungsvorgang dieser Puppen, die Metallskelette, die Silikonkörper ohne Kopf und wie sie schließlich für den Versand in Kisten verpackt werden. Diese eindrücklichen Bilder haben sich in meinem Kopf festgekrallt, dieser seltsam anmaßende Schöpfungsakt – diese Illusion, diese Imitation, dieses "So-tun-als-ob", das damit verbunden wird. Ich wusste sofort, ich muss etwas darüber erzählen und ich trug diese Bilder eine ganze Weile mit mir herum, denn ich wusste auch, dass diese Welt alleine "zu wenig" war, ich wollte sie verknüpfen mit anderen Zeiten, anderen Welten. 

Dahmke: In solch einer Sexpuppenfabrik arbeitet eine von drei Protagonistinnen Ihres Romans: Ling, die als eine Art Vorarbeiterin die Makellosigkeit der Frauenkörper kontrolliert, die von dieser männergeführten Fabrik für andere Männer produziert werden. Ein sehr starkes, aussagekräftiges Bild meiner Meinung nach. Was hat Sie an künstlich geschaffenen Wesen, die hier ja zunächst nicht mehr als willenlose in ihren Körpern gefangenen Puppen sind, interessiert?

Clavadetscher: Einerseits der bereits erwähnte Schöpfungsakt, der hier serienmäßig geschieht. Dabei entstehen seltsame "Wunschfrauen", grotesk in ihrer Körperlichkeit und an jedes Bedürfnis individuell angepasst. Andererseits das Puppenmotiv, das in der Literatur eine lange Tradition hat. Puppen sind etwas sehr Fiktionales, Erzählendes; sie leben von der Behauptung, der Imitation der Realität und sind Projektionsflächen. Oder besser: Sie sind Hüllen, die mit einer jeweiligen Phantasie gefüllt werden können, um so die Bedürfnisse der Besitzer und Benutzerinnen zu befriedigen. Dabei war für mich der sexuelle Aspekt nur am Rande von Interesse, viel mehr wollte ich wissen, was diese künstlichen Wesen über die realen Menschen aussagen, die sie erschaffen oder besitzen. Weshalb? Sind reale Menschen zu kompliziert, zu emanzipiert, also kreiert und kauft man ein neues künstliches Menschenbild, das genau so ist, wie man es will? Und die Frage, die dazwischen liegt: Was tatsächlich unterscheidet biologische Menschen von programmierten, künstlichen Wesen?

Dahmke: Eine weitere Protagonistin, Ada, versucht sich als Frau des 19. Jahrhunderts in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Mit was für Schwierigkeiten hatte sie als Frau in den Wissenschaften bei der zumindest theoretischen Entwicklung der ersten Denkmaschine zu kämpfen?

Clavadetscher: Ada Augusta Lovelace lebte in einer viktorianischen Zeit, in der Frauen als gesellschaftliche Figuren zwar respektiert wurden, aber eine klar begrenzte Rolle zu erfüllen hatten, eine Rolle, die stark durch Verbote geprägt war: Kein Zugang zu Universitäten, keine geistige, intellektuelle Karriere, keine Ausschweifungen, keine Lust, überhaupt keine Körperlichkeit - es schien, als ob auch diese Frauen gezwungen waren, in einem künstlichen Körper, in einer sauberen und für die Öffentlichkeit herausgeputzten Hülle dahinzuvegetieren. Und zwar still, angepasst. Auch hier wieder: Abziehbilder. Bis auf einige Ausnahmen natürlich. Ada Lovelace wurden im Privaten mathematische Studien erlaubt, lerne Charles Babbage kennen, der die Differenzmaschine gebaut hatte, und kämpfte mit ihren Schriften und Visionen nicht nur gegen die damaligen gesellschaftliche Zwänge, sondern auch gegen eine sehr dominante Mutter, die Ada ein Leben lang steuerte und - wenn man so will - auf perfide Weise programmierte.

Dahmke: Die dritte im Bunde, Iris „wie die Blume“, lebt zurückgezogen in ihrem Penthouse in Manhattan, bekommt immer nur Besuch von der gleichen Frauengruppe, obwohl sie liebend gerne ihre Schwestern empfangen würde, ist gefangen in immer gleichen Abläufen und erzählt Abend für Abend Geschichten von starken Frauen. Kann man sagen, dass alle Protagonistinnen, Gefangene sind; im Körper, in gesellschaftlich-historischen Vorstellungen, Rollenzuschreibungen etc.? Und gibt es Hoffnung diesen Hierarchien und Grenzziehungen zu entkommen?

Clavadetscher: Die drei Hauptfiguren sind – wie wir alle – in eine Art strukturellen Triangel eingespannt: Gesellschaft, Körper und Intelligenz bzw. Geist im weitesten Sinne. Also das Nicht-Ich, das körperliche Ich und das geistige Ich. Und um es in Computersprache auszudrücken: Diese drei Seiten programmieren sich gegenseitig. Aber die Kräfteverhältnisse sind ungleich verteilt, da die größte Kraft in der Programmierung des Ichs durch die Gesellschaft liegt; Rollenzuschreibung, traditionelle Vorstellungen, genau wie Sie sagen. Die drei Figuren haben sich davon zu befreien, jede auf ihre Weise.

Und ja, es gibt diese Hoffnung auf ein Entkommen, indem wir den Programmierungsprozess umdrehen - wir sollen nicht mehr einheitlich von Außen programmiert werden, sondern aus unserem diversen Inneren nach Außen mitgestalten. Im Roman ist das Erzählen der Inbegriff der Befreiung. Selbstermächtigung. Selbstbestimmung. Ein Narrativ, der aus dem Kern kommt.

Dahmke: Der Roman spielt mit Motiven und Gestalten aus unterschiedlichen Epochen (E.T.A. Hoffmanns Menschenpuppe Olimpia aus „Der Sandmann“ muss natürlich erwähnt werden), mit Fragestellungen feministischer Literatur, mit Motiven aus Science-Fiction-Romanen und und und. Wie umfangreich haben Sie recherchiert und wie kräftezehrend war es, den richtigen Stil, die richtige Sprache für „Die Erfindung des Ungehorsams“ zu finden? Gab es einen Punkt im Werkprozess, an dem Sie wussten, genau so muss die Geschichte erzählt werden?

Clavadetscher: Dem Roman liegt tatsächlich eine sehr umfangreiche Recherche zugrunde. Aber gerade die Vielseitigkeit der Recherche hat enorme Freude gemacht, da sie mich von Freizeitparks, cineastischen Motiven, mechanischen Automaten des 19. Jahrhunderts über die Bitteresche, Urban Legends bis hin zu Künstlicher Intelligenz und Luigi Galvani führten. All diese Einflüsse in einer Geschichte zu vereinen, war eine schöne, aber knifflige Arbeit – und sie hat mir deutlich bestätigt, dass alles irgendwie zusammenhängt. Die Welt, die Geschichte ist ein Netz aus Dingen, die sich gegenseitig bedingen. Genau wie die drei Teile des Romans – die drei Welten, drei Zeiten, drei Frauen. Es galt, diese zu verflechten und ihnen jeweils eine eigenständige Sprachlichkeit zu geben.

Lange habe ich gegrübelt, um dafür den passenden Weg zu finden, bis mir Mary Shelleys Frankenstein die einfache Antwort lieferte: Gerade weil sich die drei Teile bedingen, muss die Geschichte verschachtelt sein. Es geht um Herkunft. Die Erzählung bohrt nach einem Kern. Mein Roman ist eine Frucht mit Haut, Fleisch und Kern. Oder noch schöner: Eine Matrjoschka.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Frau Clavadetscher, für dieses vielseitige Gespräch!

Clavadetscher: Ich danke!


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Die Erfindung des Ungehorsams - Produkt (buchkatalog.de)

Freitag, 5. Februar 2021

Felix und Felicitas - Kinder- und Jugendbücher im Winter

Home-Schooling, lange Winterabende und vieeeel gemeinsame Zeit: Genau der richtige Moment, um Kinder und Enkel mit einem schönen Kinderbuch zu unterhalten oder zu unterrichten. Oder einmal wieder ein Kinderbuch an entfernte Nichten und Neffen, Freundeskinder verschicken - oder das Nachbarskind überraschen? Unsere Kinderbuchexpertin Constanze Hell hat einige Novitäten zusammengestellt. 

Sie können die Bücher bei uns via Mail oder Telefon bestellen und täglich zwischen 10 und 16 Uhr abholen oder sie sich ganz einfach über die unten stehenden Links via unseres Webshops nach Hause liefern lassen.


Kommt in die Felder, Wiesen und Wälder!: 365 Gedichte für jeden Tag.

Illustration: Preston-Gannon, Frann, 320 Seiten, Verlag ars edition, 28,00 EUR    

Diese wunderschön gestaltete Sammlung klassischer und moderner Gedichte ist eine poetische Einladung an alle kleinen und großen Leser nach draußen zu gehen und sich an unserer schönen Natur zu erfreuen. Angeordnet nach den Monaten eines Jahres entdecken wir jeden Tag bekannte und vielfach unbekannte Kinderlieder und Reime von Autoren wie Christian Morgenstern oder James Krüss, Wolfgang Borchert oder Mascha Kaléko. Farbenfroh und stimmungsvoll illustriert regt dieses Hausbuch voll großer und kleiner Tiere und Pflanzen uns zum Vorlesen oder Auswendig-Lernen an. 


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Go, HeyjinSchneeglück verschenken

44 Seiten, Verlag Atlantis, 15,00 EUR 

Das Bilderbuch Schneeglück verschenken ist eine zauberhafte Freundschaftsgeschichte für große und kleine Leser. Der Winter naht und der Bär verabschiedet sich von seinen gefiederten Freunden, die in den warmen Süden fliegen wollen und verkriecht sich in sein Bett. Unsanft aus seinem Winterschlaf geweckt von den anderen lauten Waldtieren, sieht der Bär zum ersten Mal Schnee! Er ist so beglückt und begeistert, dass er einen kleinen Schneemann baut, den er seinen Vogelfreunden mit der Post in den Süden schicken will. Dieses Paket sorgt für eine große Überraschung!

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Schärer, Kathrin: Da sein. Was fühlst du? 

64 Seiten, Verlag Hanser12,00 EUR        

Es sind gerade aufregende Zeiten für alle und auch unsere Kleinsten durchleben täglich viele verschiedene Gefühle. Das neue Bilderbuch der Schweizer Bilderbuch-Künstlerin Kathrin Schärer da sein. Was fühlst Du? fängt die einzelnen Emotionen in treffenden Bildern ein. Ein ängstlicher Bär tappt durch den dunklen Wald, ein wütender Hase schreit laut seinen Ärger heraus und ein unentschlossener Elefant hält ein ungeduldiges Wiesel am Eisstand auf. So viele Situationen, in denen die Kinder sich wiedererkennen können, so liebevoll umgesetzt! Es geht uns wie dem Hasen mit seinem spannenden Buch: in einer anderen Welt sein! Einfach sein!


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Burnett, Frances Hodgson
: Der geheime Garten

Übersetzung: Müller-Wallraf, Gundula, Illustration: Ingpen, Robert, 240 Seiten, Verlag Knesebeck30,00 EUR 

Der geheime Garten von Frances Hodgson Burnett zählt zu den beliebtesten englischen Kinderbuchklassikern. Erstmals 1911 erschienen, zieht die Geschichte des Waisenmädchens Mary und ihrer beiden neuen Freunde Colin und Dickon ihre Leser auch heute noch in ihren Bann. 


Die immer etwas missmutige Mary kommt nach dem Tod ihrer Eltern aus Indien zurück nach England in das Haus ihres Onkel und Vormunds, der sich nicht sonderlich für sie interessiert. Auf ihren einsamen Streifzügen über das weitläufige Anwesen freundet sie sich mit Dickon, dem kleinen Bruder eines Hausmädchens, an und gemeinsam entdecken sie hinter einer großen Mauer einen geheimen, arg verwilderten Garten, mit dem es eine traurige Bewandtnis hat. Die beiden kümmern sich fortan um den Garten und Mary entdeckt im Haus einen weiteren geheimen Gast, ihren kranken Cousin Colin, der ebenfalls von seinem Vater missachtet wird. Die drei Kinder werden Freunde und gemeinsam bringen sie Colin das Laufen wieder bei.


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Zimmermann, Laura: Meine Augen sind hier oben.  

Übersetzung: König, Barbara, 336 Seiten, Arctis Verlag18,00 EUR 

Die 15-jährige Greer mag es überhaupt nicht, im Mittelpunkt zu stehen und fühlt sich doch ständig so! Schuld daran ist ihre große Oberweite, die die Mitschüler zu anzüglichen Bemerkungen verleitet und ihr nicht nur beim Kleiderkauf im Weg ist. Greer trägt darum lieber weite Kapuzenpullis und versucht, auch ihre Gefühle zu verbergen. Doch dann passiert einiges Aufregendes in Greers Leben und sie  lernt, ihren Körper und vor allem sich selbst, zu lieben. Die Geschichte mit Jackson tut ein übriges und Greer entdeckt das Glück!

Ein witzig-ironischer Jugendroman, der sich sehr klug mit Körperwahrnehmung und Selbstbewußtsein auseinandersetzt. Nicht nur für Mädchen lesenswert!


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"Vom Wind verweht" in einem neuen Gewand

1936 ist Gone with the wind von Margaret Mitchell erstmalig in den USA erschienen, im Herbst 2019 kam der Text in einer neuen zeitgemäßen Übersetzung von Andreas Nohl und Liat Himmelheber bei Kunstmann als Leinenband mit Schutzumschlag heraus. In Vom Wind verweht wird die Geschichte um Scarlett O’Hara, einer aus den Südstaaten Nordamerikas stammenden, jungen, selbstbewussten Frau erzählt, die in den Wirrnissen des Bürgerkriegs erwachsen wird. Über die Herausforderungen der Übersetzungsarbeit und vieles mehr hat Marcus Dahmke mit Andreas Nohl gesprochen. 


Dahmke: Lieber Herr Nohl, Sie haben den Text modern eingekleidet, wenn ich das so sagen darf. Bedurfte er eines neuen sprachlichen Gewandes?

Nohl: In der neuen Übersetzung wirkt er sicherlich moderner als in der alten. Das hat damit zu tun, dass wir den journalistischen Stil von Margaret Mitchell übernehmen. Hinzu kommt, dass die erste Übersetzung den zeitbedingt impliziten Rassismus des Buchs unerträglich verstärkt hat, ganz besonders auch in den Dialogen, in denen die Sklaven als geistig minderbemittelt erscheinen, während Mitchell nur ihren Dialekt phonetisch möglichst genau wiedergegeben hat. Zusätzlich hat man als Übersetzer die Möglichkeit, die Ausdrucksweise dem heute akzeptablen Sprachgebrauch anzupassen, also negroes heißen bei uns „Schwarze“ etc. Nur wo Rassisten reden, gebrauchen diese auch eine rassistische Sprache, und das ist ganz im Sinne von Mitchell, die dezidiert kein rassistisches Buch schreiben wollte, auch wenn es von einer stark vom Rassismus geprägten Zeit handelt. Wenn wir aber von Modernität in einem noch tieferen Sinn sprechen wollen, dann müssen wir uns vor Augen führen, was der traditionelle Südstaatenroman bis dahin gewesen war – nämlich eine chauvinistische Beweihräucherung der Sklavenhaltergesellschaft. Damit hat Mitchell gebrochen.

Dahmke: 1937 kam bereits die erste und bisher einzige Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach heraus, die sie bereits angesprochen haben. Über 80 Jahre später folgt nun die nächste von Ihnen und Liat Himmelheber. Weiß man als Übersetzer, wann der richtige Zeitpunkt für eine Neuübersetzung gekommen ist? Und wie haben Sie sich die Arbeit zu zweit aufgeteilt?

Nohl: Naja, es war ein Zufall, dass ich in einem Kompendium über amerikanische Autoren und Autorinnen auf Mitchell gestoßen bin und begann, ihrem merkwürdigen frühen Tod nachzuforschen – sie wurde ja am helllichten Tag von einem Taxifahrer zu Tode gefahren. Dabei habe ich mir dann die alte Übersetzung angesehen und fand, dass man einem so wirkungsmächtigen Buch doch im Deutschen eine angemessenere Form geben sollte. – Wir, also meine Frau und ich, haben uns einfach Portionen geteilt, ich habe angefangen, dann hat Liat angeschlossen. Insgesamt hat sie den etwas größeren Teil übersetzt. Dafür habe ich dann das Nachwort und die aufwendigen Anmerkungen beigesteuert. Und unsere Texte haben wir gegenseitig lektoriert. Dabei haben wir uns natürlich auch immer intensiv ausgetauscht.

Dahmke: Viele trauern dem alten Titel hinterher, dem poetischen e im Vom Winde verweht. Ist das Nostalgie oder hat man sich einfach zu sehr an die alte Übersetzung gewöhnt?

Nohl: Dazu sollte man vielleicht wissen, dass Gone with the wind einem Gedicht des englischen symbolistischen Dichters Edward Dowson entstammt, es ist eine Art Klagelied über eine verlorene Geliebte namens Cynara. Dowson schrieb Ende des 19. Jahrhunderts, er wurde von Stefan George geschätzt, der drei seiner Gedichte übersetzt hat. George hätte niemals „vom Winde“ geschrieben, weil er ebenso wenig romantisch veranlagt war wie Dowson. Also auch hier geben wir einer sachlicheren Version den Vorzug. Außerdem, wenn Sie sich einmal das Metrum von Gone with the wind und Vom Wind verweht anschauen, werden Sie eine Übereinstimmung feststellen.

Dahmke: Wie Sie in Ihrem Nachwort schreiben, wollten Sie sich am journalistisch-unsentimentalen Zeitgeist der 30er Jahre orientieren, weg von Romantizismen und neoromantischen Formulierungen... durch die Literaturkritik und die Verfilmung wird der Text aber vielfach noch als romantisierend wahrgenommen, auch wenn das die Autorin vielleicht gar nicht wollte. Arbeitet man als Übersetzer für eine Neuinterpretation einer Geschichte?  

Nohl: Da die alte Übersetzung stark in den Text eingegriffen hat durch Kürzungen und eine Veränderung der ganzen Stilhaltung, kann man in unserem Fall tatsächlich von einer „Neuinterpretation“ sprechen. Das heißt, die innere ästhetische Logik des Originals wird in der Neuübersetzung ernst genommen und möglichst nah am Ursprungstext ins Deutsche transportiert. Die Verfilmung des Stoffs verkürzt ein reichhaltiges, historisch gut recherchiertes Werk auf die reinen Liebeswirren, so dass es kein Wunder ist, dass hier der Eindruck von reiner Kolportage entsteht, doch das tut dem Buch Unrecht.

Dahmke: Ein Aspekt, der in den Monaten nach dem Erscheinen der Neuübersetzung heiß diskutiert worden ist, sind die Rassismen, die im Original und in der ersten deutschen Übersetzung verwendet worden sind. In der Erzählstimme wurden diese durch andere Worte, wie z.B. „Schwarzer“ für „Neger“ ersetzt. In den Gesprächen der Protagonisten tauchen Rassismen wie „Darky“ immer noch auf. Was für ein Drahtseilakt es sein muss, allen Lagern in der Diskussion gerecht zu werden, kann ich mir vorstellen. Wäre es nicht einfacher gewesen, bei der ursprünglichen Textgestalt zu bleiben bzw. was gab den Ausschlag für die Anpassung? 

Nohl: Ja, hier war eine seltsame Erfahrung, dass die einen uns vorgeworfen haben, wir hätten einen rassistischen Roman übersetzt, während andere Beheim-Schwarzbachs radebrechende Dialoge vermissten. Beide Sichtweisen basieren auf einem grundlegenden Missverständnis: nämlich dass es ein Buch über Rassismus sei. Das Werk hat aber keine rassistische Agenda, der Rassismus ist nur die gesellschaftliche Folie, vor der sich der Bürgerkrieg und die Emanzipationsgeschichte von Scarlett O’Hara abspielt. Dass Scarlett als Tochter eines weißen Pflanzers die Vorurteile ihrer Zeit gegenüber Schwarzafrikanern teilt, überrascht weiter nicht. Aber es gibt Szenen in dem Roman, die dem üblichen Rassenklischee unmittelbar widersprechen. Und außerdem handelt es sich um eine großangelegte Kritik der Südstaaten.– Was die „Darkys“ betrifft, so sind wir ja extra bei der ursprünglichen Textgestalt geblieben! Dieser verniedlichende Begriff für schwarze Sklaven kommt aus dem Mund von Sklavenhaltern, die Rassisten sind: genau diesen Zynismus wollten wir in der Übersetzung gewahrt wissen. Dass wir das N-Wort konsequent ersetzt haben, ist nicht nur eine Frage des Takts Menschen mit dunkler Hautfarbe gegenüber, sondern macht das Buch in unseren Augen für das heutige Publikum überhaupt erst lesbar.

Dahmke: Vielen Dank, lieber Herr Nohl, für das sehr interessante Gespräch und herzlichen Dank an Antje Kunstmann, die das Interview ermöglicht hat!

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Donnerstag, 17. Dezember 2020

 

„FERTIG! mein Alter!“ [1]

Marcus Dahmke sprach mit der Übersetzerin und Herausgeberin Elisabeth Edl über Gustave Flaubert und empfiehlt für die weihnachtliche Lektüre die von ihr jüngst übersetzten Lehrjahre der Männlichkeit.

Dahmke: Liebe Frau Edl, um mit einer unkonventionellen Frage zu starten: Madame Bovary oder die Lehrjahre? Darf man sich als Übersetzerin zu einem Lieblingstext bekennen und sich einem der großen Romane zuordnen? Oder sollte man sich seine Neutralität bewahren?

Edl: Nein, man muss sich überhaupt nicht neutral verhalten, kann es auch gar nicht! Und deshalb steckt man vielleicht auch am stärksten in dem Buch drin, in den Figuren, in den Szenen, an denen man gerade arbeitet. Aber auch mit einem gewissen Abstand gibt es immer noch persönliche Vorlieben. Madame Bovary oder die Lehrjahre? Da entscheide ich mich für die Lehrjahre: sie sind das vielschichtigere, kompliziertere Buch, breiter angelegt, enthalten eine Fülle von Leben, also von ganz unterschiedlichen Leben, Lebensversuchen. Ein Buch über eine Epoche, eine ganze Welt, ein großes Panorama, unerschöpflich. Aber wie so oft, wenn sich zwei streiten, darf sich der dritte freuen: den Drei Geschichten gehört meine besondere Zuneigung, weil sie so konzentriert sind, so unglaublich fein und poetisch gearbeitet. Und das Dienstmädchen Félicité, ganz besonders ihr weltberühmter Papagei Loulou sind nicht umsonst sprichwörtlich geworden für Flaubert – unvergesslich.



Dahmke: Im Herbst ist die Neuübersetzung der Éducation sentimentale bei Hanser erschienen. Zuvor sind bereits Madame Bovary und die Drei Geschichten erschienen, die Sie ebenfalls ins Deutsche übertragen haben. Was waren und sind die Schwierigkeiten bzw. Hürden bei der Übersetzung von Flaubert?

Edl: Der Stil. Die Sprache Flauberts. Das, womit er sich selbst am meisten herumgeplagt hat. Flaubert wollte nicht einfach nur eine Geschichte erzählen, einen Roman, eine spannende Handlung, seine Idee war es, ein Kunstwerk zu schaffen, am liebsten „ein Buch über nichts“, das nur durch seine Sprache, durch den Stil existiert. Das ist natürlich total übertrieben, aber trotzdem war sein einziges Ziel die Kunst. Denken Sie zum Beispiel an Madame Bovary, eine durchschnittliche Arztgattin hält sich zwei Liebhaber, immerhin nacheinander, ruiniert die Ehe, die Familie und bringt sich um. Trivial. Das hätte ein x-beliebiger Dienstmädchenroman werden können, wovon es Hunderte gibt. Flaubert aber hat Jahre damit verbracht, damit es kein Dienstmädchenroman wurde. Er wollte beweisen, dass es eine triviale Handlung gar nicht geben kann, wenn der Stil allerhöchsten Ansprüchen genügt. Und wenn Sie mich fragen, was die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen sind, dann wäre die Antwort kurzgefasst: Flauberts Anspruch muss auch in der deutschen Sprache erfüllt werden.

Foto: D. P. Gruffot



Dahmke: Bei der Éducation sentimentale war u.a. die Titelfindung mit einigen Überlegungen verbunden. Wie kam es zu den Lehrjahren der Männlichkeit und welche Rolle hat Goethes Wilhelm Meister für Flaubert und den neuen deutschen Titel gespielt? (Ist die Ironie zurück im Titel?)

Edl: Das Problem liegt im Adjektiv „sentimentale“; die bisherigen Übersetzungen variieren hier die Begriffe „Herz“, „Empfindsamkeit“, „Gefühl“. Im Grunde stimmt das aber alles nicht, es geht nicht nur um Gefühle, es geht um den gesamten Charakter eines jungen Mannes, der erwachsen werden soll. Es geht also um Charakterbildung. Damit sind wir bei Goethe, der einen großen Einfluss bereits auf den jungen Flaubert hatte. Und da lag es für mich sehr nahe, durch den Begriff „Lehrjahre“ – den es übrigens auch in früheren Übersetzungen schon gabauf diese Verbindung zu verweisen.

Dahmke: Madame Bovary kann als Fallgeschichte gelesen werden, die Lehrjahre wiederum als Roman einer ganzen Generation. Sie erwähnen in Ihrem Nachwort den Begriff des Bildungsromans, den ebenfalls Goethe mitgeprägt hat. Tatsächlich verfolgen wir den Protagonisten Frédéric Moreau auf seinem Weg im und um das politisch umkämpfte Paris der 1840er Jahre. Ein Weg zu moralischer Erkenntnis, zu tiefen Einsichten in die Liebe, die Gesellschaft, ins Leben... Oder doch nicht?!

Edl: Da komme ich zurück auf die Frage der Ironie, die ich Ihnen noch nicht beantwortet habe. Denn ohne diese Ironie ist bei Flaubert die Frage nach dem Bildungsroman gar nicht zu beantworten, also die Frage nach der Entwicklung, nach den Einsichten eines jungen Mannes. Das alles soll der Bildungsroman darstellen, analysieren: den Weg eines jungen, romantischen Mannes zur seriösen und nützlichen Existenz eines Erwachsenen in der bürgerlichen Gesellschaft. Dazu gehört alles: die Liebe, die Ehe (was ja nicht ein und dasselbe ist), der Beruf, die Karriere, die sozialen Beziehungen usw., eben alles. Und der Witz, die Ironie bei Flaubert besteht eben darin, dass diese Lehrjahre zu nichts führen, eben auch nicht zu reifer, gesellschaftstüchtiger, ehetüchtiger Männlichkeit. Frédéric Moreau, der Held, ist als erwachsener Mann eben auch nicht klüger als zuvor. Flaubert hielt nicht allzu viel von bürgerlichen Idealen. Und bei Lehrjahre der Männlichkeit hat mir natürlich der Bezug auf Friedrich Schlegels Roman Lucinde gefallen – ein Zwinkern in Richtung deutsche Romantik.

Dahmke: „FERTIG! mein Alter!“ schreibt Gustave Flaubert an einen Freund, nachdem er seine Éducation sentimentale nach jahrelanger Recherche und Arbeit am Text beendet hat. Die Würdigung für seine Arbeit blieb jedoch aus, der Roman wird von vielen zeitgenössischen Zeitungen verrissen. Erst nach Flauberts Tod fand der Roman Anerkennung. Warum? Proust, Benjamin, Kafka und viele weitere wurden von Flauberts Éducation beeinflusst. Wie und warum konnte sich die Éducation vom 19. Jhd. bis heute im Kanon behaupten? Was ist so „modern“ an Flauberts Erzählstil und seinen Themen? 


Edl:
Der Einfluss von Flaubert auf die moderne Literatur ist so riesig, man hat sich so sehr gewöhnt an seine Innovationen, dass einem fast gar nicht mehr auffällt, was daran so neu und unerhört war. Denken Sie an das, was ich vorhin über Madame Bovary gesagt habe: Nach den Lehrjahren war es ganz ähnlich. Die Kritik war empört: Wie kann man – noch dazu mit solchem Aufwand, wie Monsieur Flaubert ihn treibt – einen anspruchsvollen Roman schreiben über triviale Figuren und mittelmäßige Versager wie Emma Bovary und Frédéric Moreau? Das war damals eine ganz normale Frage. Heute käme kein Mensch mehr auf die Idee, ein Kunstwerk müsse sich zwangsläufig mit besonders edlen, herausragenden, tragischen, lehrreichen, vorbildhaften Figuren beschäftigen. Im Gegenteil! Aber wenn wir heute von einem Roman erwarten, verlangen, dass er uns etwas über unsere, über die wirkliche Welt verrät, und nicht über idealisierte Kunstfiguren, dann – ob es uns bewusst ist oder nicht – haben wir das in Flauberts Lehrjahren der Männlichkeit gelernt.

Dahmke: Was darf uns im Flaubertjahr 2021 (200. Geburtstag!) noch erwarten? In Ihrem Nachwort schreiben Sie etwas zu einer Neuübersetzung der Memoiren eines Irren...

Edl: Im Frühjahr 2021 erscheint bei Hanser die große Flaubert-Biographie von Michel Winock, in der Übersetzung von Petra Willim und Horst Brühmann, ein Meilenstein für alle, die mehr über diesen Autor erfahren wollen. Und zum Geburtstag am 12. Dezember selbst die Memoiren eines Irren, ein kleiner Roman, geschrieben vom 17-jährigen Flaubert! Nach den großen Meisterwerken dachte ich, es sei keine schlechte Idee zu zeigen: Wo haben Flauberts eigene Lehrjahre begonnen? Nach Abschluss der Arbeit an den Lehrjahren kam Flauberts Stoßseufzer: „FERTIG! mein Alter!“ Die Memoiren zeigen einen Flaubert, der noch lange nicht „fertig“ ist, das ganze Leben liegt noch vor ihm.

Dahmke: Herzlichen Dank, liebe Frau Edl, für das Interview und den Blick auf Ihren Schreibtisch!


Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit, Hanser 2020, S. 602, 42 Euro.



[1] Flaubert an Jules Duplan. Vgl. Nachwort von Elisabeth Edl. In ebd. Herausgeberin: Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit, Hanser 2020, S. 602.

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Sehnsucht nach dem Mond

 

Über das Lob für unsere Youtube-Lesung mit Daniel Mellem eines Twitter-Nutzers haben wir uns sehr gefreut: "Tolles Beispiel für ein hochprofessionelles Lesungs- und Gesprächsvideo in einer Buchhandlung. Chapeau"! Als Zusatzmaterial finden Sie hier ein verschriftlichtes Interview zwischen Marcus Dahmke und Daniel Mellem über dessen Debütroman „Die Erfindung des Countdowns“.

Dahmke: Lieber Herr Mellem, in meiner Jugend habe ich liebend gerne den französischen Schriftsteller Jules Verne gelesen und gehört; unter anderem auch den Doppelband „Von der Erde zum Mond“ und „Die Reise um den Mond“. Auch der Protagonist, Hermann Oberth, in Ihrem Roman hat mit Jules Verne geträumt: von der Möglichkeit mit einem Flugobjekt unseren Trabanten zu erreichen. Wie stehen Sie zu Jules Verne? Hat er Sie vielleicht sogar zum Physikstudium inspiriert?

Mellem: Jules Verne habe ich in meiner Kindheit nicht gelesen, aber sicher hat die Fiktion auch bei meiner Begeisterung für die Physik eine Rolle gespielt. Ich habe in meiner Jugend zum Beispiel unheimlich gern Star Trek: The Next Generation geschaut, das damals täglich im Fernsehen kann. Captain Picard und seine Crew haben sich mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragestellungen herumgeschlagen und das hat auch mich damals inspiriert. Leider gibt es heute meinem Empfinden nach nur noch selten positive Science Fiction. Wir beschäftigen uns sehr mit Dystopien und natürlich liegen in neuen Technologien auch immer Gefahren. Aber wissenschaftliche Neugier ist nichts, was per se schlecht ist – das dürfen wir dabei nicht vergessen.

Dahmke: Wie sind Sie auf den historischen Hermann Oberth, der zwischen 1894 und 1989 tatsächlich gelebt hat, aufmerksam geworden? Und warum ist die Wahl auf die Gattung des Romans gefallen? 

Mellem: Bis vor etwa fünf Jahren kannte ich Oberth selbst gar nicht. Damals las ich über Frau im Mond und stieß dabei zwangsläufig auf ihn. Er hat mich sofort fasziniert mit einem Leben voller Sehnsüchte und Verfehlungen. Nachhaltig beindruckt hat mich, dass Oberth schon früh von der Raumfahrt träumte und dann selbst dabei war, als die ersten Menschen zu Mond flogen – er war ein Utopist, der die Erfüllung seiner Utopie erlebte. Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, ein solches Leben erlebbar zu machen. Zu zeigen, wie es sich angefühlt haben könnte für so eine Figur, die exemplarisch steht für einen Menschen, der nach etwas greift, das er eigentlich nicht erreichen kann. Um so eine Perspektive einzunehmen, muss man natürlich erfinden – was aber nicht heißt, dass die Recherche entfällt. Im Gegenteil: Ich muss über die Fakten Bescheid wissen, damit ich überhaupt erst erfinden kann. Dafür habe ich mich mit Oberths Werken beschäftigt, Biographien über ihn gelesen, Briefwechsel, habe wichtige Orte in seinem Leben wie Schäßburg und Peenemünde besucht. So habe ich versucht, mich dieser Figur zu nähern und einen Weg zu finden, von ihr zu erzählen. Im Großen bin ich dabei faktisch, im Kleinen fiktional. Heißt: Meilensteine, die die Figur Hermann abschreitet, ist die historische Person Oberth so oder ähnlich auch gegangen. Aber die Wahrnehmung der Welt, die vielen Begegnungen, die Dialoge, die Konflikte, die einzelnen Episoden bilden eine fiktive Wirklichkeit, die nicht identisch ist mit der historischen Wirklichkeit. Es ist nicht das Leben der historischen Person Hermann Oberth, sondern eine Möglichkeit davon.

Dahmke: Den Jungen, den wir am Anfang des Romans bei seinen Abenteuern in der Umgebung von Siebenbürgen in Österreich-Ungarn erleben und der mit Jules Verne im Gepäck rudern gegangen ist, wird zu einem einzelgängerischen Charakter; in sich gekehrt fängt er an zu studieren. Welche Bedeutung spielt diese soziale Abkanzelung für die Entwicklung des Protagonisten?  

Mellem: Oberths Einzelgängertum ist ganz zentral für seinen Lebensweg. Zum einen hilft ihm bei der Entwicklung seiner Ideen. Erst der Junge, der sich in sich selbst zurückzieht und in seinem Ruderboot von Verne träumt, kann eine Weltraumrakete erfinden und sich ihr ganz verschreiben. Zum anderen aber verunmöglicht genau diese soziale Abkanzelung, sich mit Verbündeten seiner Idee zusammenzutun. Es gab in den zwanziger Jahren einige Raketenenthusiasten, die sich für Oberths „Rakete zu den Planetenräumen“, diese sperrige Formelarbeit, begeistern konnten, nicht umsonst wurde 1927 der Verein für Raumschiffahrt gegründet. Aber Oberth gelang es nie, das für sich zu nutzen. Er war schüchtern, unfähig eine solche Bewegung anzuführen. Dazu war er ein Fanatiker seiner Idee, der nur schwer Kompromisse machen konnte – das führte zwangsläufig zu Konflikten mit beispielsweise Max Valier, der mit Fritz von Opel die Raketenautos baute.

Dahmke: Gleichzeitig beginnt das Zeitalter der Utopien. Höher, schneller, weiter wird zur Devise der Welt Anfang des 20. Jahrhunderts; Raketenautos starten, der Film verspricht Ausflüge in fremde Welten. Hermann Oberth muss mit obskuren Kreisen in Kontakt treten, um seine Forschung finanzieren zu können, da seine Ideen von der Wissenschaft abgelehnt werden. In was für Zeiten hat Oberth um Anerkennung gerungen?

Mellem: Oberths Arbeit fiel in den zwanziger Jahren auf fruchtbaren Boden. Die technologische Entwicklung hatte eine Sprung gemacht, Autos eroberten die Straßen, Flugzeuge die Luft. Auch in der Physik war auf einmal vieles denkbar: Quantenmechanik und Relativitätstheorie veränderten das Verständnis der Welt von Grund auf. Für Oberth und seine Idee war das ein Vorteil, weil auf einmal vieles möglich schien – eben auch eine Rakete, um in den Weltraum zu fahren. Gleichzeitig war es für ihn aber unheimlich schwer, sich von Scharlatanen abzugrenzen. Max Valier, der ein großer Vorkämpfer von Oberths Idee war, war überzeugter Anhänger der esoterischen Welteislehre von Hanns Hörbiger, die schon damals aus wissenschaftlicher Sicht Unsinn war. Oberth war es sehr wichtig, vor allem auch die Gelehrten von seiner Idee zu überzeugen – vermutlich nicht zuletzt wegen seiner Enttäuschung über die abgelehnte Doktorarbeit. Dass die Wissenschaft ihn nicht weiter ernst genommen hat, hat ihn verbittert. Auf der einen Seite gegenüber den Gelehrten und auf der anderen Seite gegenüber seinen Mitstreitern wie Valier, denen er vorwarf, nicht wissenschaftlich genug zu arbeiten.

Dahmke: Oberth war nicht nur in entscheidende Umbrüche des 20. Jahrhunderts verstrickt (für die Nationalsozialisten hat er die Raketentechnik vorangetrieben), er war auch Familienvater, eine Rolle, für die er nicht gemacht schien. Wie wichtig sind Empathie und Mitgefühl oder das Fehlen solcher Gefühle in dieser Zeit? Sollte man zwischen Oberth als Wissenschaftler und Oberth als Familienvater unterscheiden? Darf man das? Im Roman werden große moralphilosophische Fragen behandelt. Wie wichtig sind diese, um solch einen ambivalenten Charakter vor dem Panorama des letzten Jahrhunderts zu verstehen?

Mellem: Oberth hat für sich streng zwischen der beruflichen Verbitterung und seinem familiären Glück unterschieden. Ich persönlich halte das für schwierig. Denn: Seinen Traum zu verfolgen, bedeutete für ihn, ein unstetes Leben zu führen. Er musste oft umziehen, verlor seine Arbeit, kam in finanzielle Nöte – diese Sorgen haben zwangsläufig dann auch seine Familie berührt. Allgemein gesprochen: Ich halte es nicht für möglich, Wissenschaft von moralphilosophischen Fragen zu trennen. Es gibt keine kindliche Unschuld von Wissenschaft, für die Erkenntnis Selbstzweck ist – das ist ein nicht erreichbares Ideal. Wissenschaft wird von Menschen gemacht, die sich in sozialen, politischen, wirtschaftlichen Kontexten bewegen. Natürlich rückwirkt – wenngleich wohl meist unbeabsichtigt und unbewusst – auf die Forschung, die betrieben wird: Was wird geforscht? Wie wird geforscht? Wofür wird geforscht? Erst so ist es m.E. erklärbar, dass jemand wie Oberth mit seiner Rakete einerseits an den Weltraum dachte, andererseits aber auch an eine Waffe für die Nazis. Deshalb muss man bei Forschung die moralphilosophischen Fragen immer mitdenken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wenn Sie noch mehr zu Hermann Oberths Leben und Werk erfahren möchten, besuchen Sie uns gerne auf YouTube.

Das Buch können Sie über den Online-Shop oder direkt vor Ort erwerben.









Mittwoch, 23. September 2020

Das Sittenbild einer verkommenden Gesellschaft

Am Ufer des Sacrower Sees nahe Berlin wird 1932 der Sportwagen des Dr. Erich Mühe entdeckt. Der Arzt ist über Nacht verschwunden und die Mordkommission deckt ein Leben mit Abgründen auf. Was passierte mit diesem angesehenen Arzt am Vorabend der Diktatur? Autor Oliver Hilmes stand Robert Eberhardt für ein kurzes Interview zur Verfügung:


Eberhardt: Sie sind bisher als Sachbuchautor in Erscheinung getreten. Wie kam es zu einem erzählenden Text und inwiefern sind dort historische Fakten mit Fiktion verbunden?

Hilmes: Ich bin von Hause aus Historiker und Geschichte zu rekonstruieren heißt auch Geschichten zu erzählen. Und deshalb ist mir das Erzählerische in meiner Arbeit schon immer sehr wichtig gewesen. Daher ist der Schritt von meinen bisherigen erzählenden Sachbüchern zu einer nun romanhaften Darstellung nicht weit gewesen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und ich habe viel recherchiert, manches freilich aus dramaturgischen Gründen erdacht.

Eberhardt: Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden? Sie haben zuletzt einen Beststeller zur Olympiade 1936 veröffentlicht, sich illustren Figuren des 19. Jahrhunderts wie Cosima Wagner oder Bayernkönig Ludwig II. gewidmet. Wann spielt die Geschichte des Dr. Mühe?

Hilmes: Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1932 und endet Anfang der 50er-Jahre in Barcelona. Und das ist das Faszinierende daran: Dass sie sich über 20 Jahre erstreckt, in mehreren politischen Systemen spielt - in der Spätzeit der Weimarer Republik, der Nazizeit, der frühen Bundesrepublik und in der spanischen Franco-Diktatur. Das ist ein wirklich faszinierender Plot. Auf den Fall des Dr. Mühe aufmerksam geworden bin ich im Berliner Landesarchiv, als ich dort die polizeiliche Ermittlungsakte gefunden habe.

EberhardtIst Ihr Buch ein Krimi?

„Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist auf der einen Seite ein ungelöster faszinierender Kriminalfall, auf der anderen Seite aber auch eine Erzählung über den Verlust von Anstand und Moral am Vorabend der Diktatur.  Das Sittenbild einer verkommenden Gesellschaft, einer sich verdüsternden Zeit. Und es ist eine Berlin-Saga, weil etwa die spezifischen Lebensumstände in der damaligen Reichshauptstadt eine große Rolle spielen.

Mehr Infos zum Buch: www.doktormuehe.de

Das Buch für 20 Euro im FELIX-JUD-Webshop bestellen - versandkostenfrei oder Abholung am Neuen Wall 13 in Hamburg am nächsten Tag (bei Bestellungen bis 17 Uhr).