Mittwoch, 27. Mai 2020

Über abenteuerliche Tschechienfahrten, neue Bücher von Anthony Powell und Simon Raven und andere Großprojekte


Im Gespräch mit Ingo Držečnik, Mitbegründer des Elfenbein Verlags 

Alles begann in Heidelberg im Jahr 1996: Mit Mitte 20 gründeten Ingo Držečnik und Roman Pliske den Elfenbein Verlag. Im Interview erzählt Herr Držečnik von der schönen und recht sorglosen Zeit. „Wir waren Studenten, unsere Eltern haben noch den Großteil unseres Lebens finanziert, und den Verlag hatten wir sozusagen nebenbei gegründet.“ Die Neckarstadt habe ihn geprägt: durch das Studium (Germanistik und Geschichte), durch die zehn Jahre, die er dort gelebt hat und durch die Freundschaften, die er dort geschlossen hat: neben Roman Pliske habe er in Heidelberg viele weitere ihm persönlich sehr wichtige Menschen kennengelernt, die nicht unwesentlichen Anteil am Gedeih des Elfenbein Verlags hatten und haben, z.B. Sabine Franke, die Simon Ravens Zyklus Almosen fürs Vergessen übersetzt. „Der Name Elfenbein Verlag wurde übrigens in Inges Weinloch beschlossen, einer neonröhrenbeleuchteten und völlig verrauchten Kneipe in der Heidelberger Altstadt, in der wir vornehmlich um Mitternacht auf einen Schlummertrunk und das dort legendäre Eibrot einkehrten. Der Verlagsname sollte klangvoll sein, ein edles Programm ausdrücken und irgendwie auch klassisch daherkommen.“


Auf die Frage, ob es tatsächlich zu Autoverkäufen und den in der Verlagsgeschichte geschilderten „abenteuerlichen Tschechienfahrten“ gekommen sei, um den Verlag aus den Kinderschuhen zu helfen, meint Herr Držečnik: „Wir haben den italienischen Sportwagen und die ganzen Oldtimer verkauft … Kleiner Scherz – ich besaß nur einen Fiat Uno, der, kaum dass ich ihn verkauft hatte, einen Getriebeschaden hatte, und Roman Pliske einen Ro 80, dessen Wankelmotor dann aber doch zu wankelmütig wurde. Man braucht aber Gründungslegenden.“ Er erinnere sich nicht an jede einzelne Tschechienfahrt, aber an eine sehr genau: „Wir hatten bei der Abholung des Romans Mein skrupelloses Sexleben auf Ibiza von Gregor Eisenhauer (kein Scherz!) nicht damit gerechnet, dass ein bayerischer Grenzbeamter darunter Bedenkliches verstehen könnte. 500 Exemplare dieses Buches lagen im Kofferraum unseres Golfs, als wir an der deutsch-tschechischen Grenze die Papiere zur Anmeldung der Einfuhrumsatzsteuer ausfüllten. Der Grenzbeamte inspizierte die Ware genauer als sonst, er las tatsächlich in dem Buch. Diese Minuten haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt, und der uns Absolution erteilende Satz: ,kein pornografischer Inhalt festgestellt‘ wurde in die Papiere eingetragen, und wir durften passieren.“ 

Immer wieder zog der Verlag nach der Heidelberger Zeit um, bis es zu einem ganz entscheidenden Umzug im Jahr 2014 kam. Der Verlag war inzwischen in Berlin angekommen. „Das war schon der fünfte Umzug.“, erzählt Ingo Držečnik. „Ich musste mich von einem Ladengeschäft mit 50 qm trennen, in dem sich auch ein Archivberg befand, den ich abtragen wollte und dabei stieß ich auf die drei ersten Bände von Anthony Powells wunderbarem Tanz. Ich hatte sie 2001 zum ersten Mal in der Hand, als Powell gerade verstorben war und die NZZ einen großen Nachruf brachte. Meine Erstlektüre hatte damals nicht den bleibenden Eindruck hinterlassen, der für eine Veröffentlichung nötig gewesen wäre (ich war wohl noch zu jung), wirkten aber immerhin so, dass ich die Bände aufbewahrte. Beim Umzug 2014 las ich die Bände erneut, war sofort begeistert und davon überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei alle Bände herauszubringen.“ Die Tatsache, dass es in der Vergangenheit bereits drei Versuche gegeben hatte, den Romanzyklus in deutscher Übersetzung herauszugeben habe ihn keineswegs abgeschreckt, sondern vielmehr ermutigt. „Es ist ja kein Geheimnis, dass gerade solche Projekte, für die es offenbar keinen Massenmarkt gibt, in kleineren Verlagen Chancen haben.“


Der Übersetzer, Heinz Feldmann, den Ingo Držečnik unbedingt bei dem Projekt dabeihaben wollte, war schnell kontaktiert, die Verträge nach etwa zwei Monaten intensiver Verhandlungen unterschriftsreif. „Aber genau in diesem Moment versuchte eine ,Parallelaktion‘ meine Bemühungen zu torpedieren. Das fühlte sich wie ein herber Schlag in die Magengrube an. Verlegerkollegen bedauerten mich, rieten mir, es sportlich zu nehmen. Nun, um bei der Sportmetapher zu bleiben: Am Ende eines Boxkampfs siegt, sofern es kein K.o. gibt, immer der, der die bessere Strategie hat und mehr Punkte sammelt. Im Falle des Tanzes haben die Söhne Powells schließlich Elfenbein den Zuschlag gegeben. Und das hatte wesentlich mit meiner Entscheidung zu tun, Heinz Feldmann zu beauftragen, die noch nicht erschienenen Romane übersetzen zu lassen; in Powells Tagebuch findet sich über Feldmann ein wichtiger Satz: ,I’m lucky to have him as a translator.‘ Die Zusammenarbeit mit Heinz Feldmann war – und ist, denn wir bereiten zusammen gerade die Übersetzung von Powells Vorkriegsromanen vor – ganz und gar wunderbar. Und die Tatsache, dass die ersten drei Romane bereits in Übersetzung publiziert vorlagen und der vierte in Feldmanns Schublade, hat die Realisierung erleichtert: So konnte ich im Herbst 2015 mit den vier Romanen starten und das Feuilleton davon überzeugen, dass dieser Anlauf wirklich ernst gemeint war.“


Inzwischen ist der 12-bändige Zyklus abgeschlossen, es gibt ein Handbuch mit Personenregister, das viele interessante Informationen bietet und die Biographie von Powell. Neben hymnischen Feuilleton-Besprechungen wurde dem Verlag u.a. 2018 der Kurt-Wolff-Preis zugesprochen. Der Preisbegründung zufolge auch, weil er eben jenen Romanzyklus verlegt habe, erzählt Ingo Držečnik. „Das Geld kam gerade recht, weil ich zu dem Zeitpunkt an neue Projekte dachte. Sie werden lachen: Es gibt weitere hochkarätige englische Romanserien, die hierzulande noch nie gelesen werden konnten.“


Neben der Werkausgabe zu Arthur Machen (sprich: Mecken), einem laut Damien Walter vom Guardian „vergessenen Vater der Schauergeschichte“ ist im Frühjahr 2020 der erste Band der Werkausgabe von Simon Ravens Almosen fürs Vergessen erschienen.


„Simon Raven ist hierzulande überhaupt nicht bekannt, und dass er etwa zur selben Zeit, in der Anthony Powell seinen Tanz schrieb, an einem mehrbändigen Zyklus arbeitete, wird viele überraschen. Raven kann hierzulande zum ersten Mal entdeckt werden, sein zehnbändiger Almosen-Romanzyklus ist noch nie ins Deutsche übersetzt worden.“


Mal mehr, mal weniger locker mit dem Lebensweg des englischen Berufssoldaten und Schriftstellers Fielding Gray verbunden, der nach einem Indienaufenthalt auf Zypern und in Deutschland stationiert ist, umspannen die zehn eigenständig lesbaren Romane erzählerisch die Jahre 1945 bis 1973. Sie sind miteinander verwoben durch die Mitglieder einer Gruppe privilegierter Internatsschüler, die sich im ersten Band Fielding Gray anschicken, in verschiedene politische, publizistische, wirtschaftliche und militärische Schaltstellen des britischen Gesellschaftslebens aufzurücken. Berührend, unerschrocken und höchst unterhaltsam erzählt Simon Raven davon, wie ,menschliches Bemühen und Wohlwollen beständig dem heimtückischen Wirken von Zeit, Zufall und der übrigen Menschheit ausgesetzt sind‘. Ein elitäres Bildungssystem, der Zusammenbruch des Britischen Reiches, Suezkrise und Kalter Krieg bilden den Hintergrund, vor dem die moralische Hybris und die menschlichen Schwächen der britischen Oberschicht und der zunehmend auch tonangebenden ,Upper Middle Class‘ ins Visier genommen werden. Almosen fürs Vergessen sei in gewisser Weise mit dem Tanz vergleichbar, und doch wieder nicht, versichert Ingo Držečnik. Die Lektüre der Almosen sei eine gute Ergänzung zum Tanz, weil auch Einblicke in niedrigere Gesellschaftsschichten erlaubt würden und weil Simon Raven nirgends ein Blatt vor den Mund nimmt. Dem Vorwurf, ein Snob zu sein, begegnete Raven mit dem Hinweis, er schreibe „für Leute, die sind wie ich: gebildet, weltgewandt und skeptisch.“ 

Der zweite Band der Almosen mit dem Titel Die Säbelschwadron wird im Oktober 2020 erscheinen. Wir freuen uns schon!

Bei Abnahme der Werkausgabe(n) wird ein Subskriptionspreis gewährt.



Deutscher Verlagspreis 19, Kurt Wolff Preis 18, Preis der Hotlist 18


Weiteres zum Verlag, der Verlagsgeschichte und vor allem zu den Büchern:

http://www.elfenbein-verlag.de



Wir gratulieren ganz herzlich zum Deutschen Verlagspreis 2020!



Dienstag, 19. Mai 2020

Die übermütige Lust, Texte zu entdecken

Simon Strauß, Autor, FAZ-Theaterkritiker und Mitbegründer der Gruppe "Arbeit an Europa" las bei uns bereits 2017 aus seinem Debütroman "Sieben Nächte". Wir haben dem jungen Phantasieaktivist vier Fragen gestellt: über seine jüngst erschienene Anthologie "Spielplanänderung" und das Theater in Corona-Zeiten.

Just als Sie Ihr neues Buch „Spielplanänderung“ mit einer „Langen Nacht der vergessenen Stücke“ an der Berliner Volksbühne vorstellen wollten, stellten die Theaterhäuser ihren Betrieb ein. Bis auf weiteres sind sie als Ort des weiten Denkens, aber engen Sitzens geschlossen. Provokant gefragt: Während Youtube-Kanäle Millionenaufrufe erzielen, scheint das Theater, außer der engeren Community, nicht wirklich jemand zu vermissen. Schockiert Sie das? Dass die dringlichen Fragen der Zeit nicht auf der Bühne, sondern im iPhone verhandelt werden?

Aber für Waschmittel interessieren sich ja noch mal mehr Menschen als für die YouTuber…Im Ernst: Ich glaube, das Theater ist lange genug im Geschäft, um sich keine allzu großen Sorgen um seine Wahrnehmung zu machen. Es kann bei Kunst ja nie um Fragen der Quantität gehen, nicht das "wie viele" zählt, sondern das "wer". Das deutsche Theater hat im weltweiten Vergleich eine einzigartige Stellung. Wir leisten uns ein weitverzweigtes Netz an Schauspielhäusern, die eben mehr sind als nur Orte reiner Unterhaltung. Eine Sogkraft geht noch vom kleinsten Provinztheater aus: Hier werden Dinge verhandelt, die höher und bedeutender als unser Alltag sind, die uns ergreifen, überwältigen und abschrecken können. Für die Tagesthemen reicht das iPhone gerade aus, aber für das Weltgeschehen brauchen wir die Bühnen. Unsere „Lange Nacht der vergessenen Stücke“ wird übrigens in Kooperation mit der FAZ und dem Tropen-Verlag stattfinden: Im Herbst an der Berliner Volksbühne, im Januar 2021 am Salzburger Landestheater und 2022 in Bern.

Theaterkritiker Simon Strauß, hier im Südthüringer Staatstheater Meiningen


In Ihrem Buch stellen 30 Autorinnen und Autoren 30 wenig bis gar nicht mehr gespielte Theaterstücke vor. Sie kritisieren mit Ihrer Anthologie das enge Spektrum der Theaterprogramme und plädieren für Entdeckerfreude und Archivexpeditionen. Sie wurden 1988 geboren - zu welchem Stück, in welche Zeit, in welches Theater mit welcher Besetzung würden Sie sich gerne zurückzoomen, um einen unvergesslichen Abend zu erleben?

Ich wäre gerne bei der Premiere von Maurice Maeterlincks „Interieur“ dabei gewesen. Diesem vergessenen Einakter über den schwierigsten Moment: Zwei Männer wissen um den Tod eines jungen Mädchens und stehen nun vor dem Haus ihrer Familie, schauen durchs Fenster, dehnen die Zeit, um die Nachricht nicht überbringen zu müssen. Es ist ein Stück, das mehr verheimlicht als es erzählt und doch hat es eine ungeheure Stimmung, eine existenzielle Aura, ein dichtes Ambiente der Schicksalswahrheit. Die Duse müsste da mitspielen und - wenn ich in den Zeiten springen darf - Oskar Werner. Beckett, den heute alle zu Recht schätzen, wäre undenkbar ohne Maeterlinck. Dass er auf unseren Bühnen nicht gespielt wird, ist ein Skandal. Es ist trotz allem eigentlich weniger Kritik, das unser Buch bewegt, sondern die übermütige Lust daran, fantastische Theatertexte zu entdecken, die vom Mainstream unerkannt sind.

Die Bühnen bleiben momentan leer - Theaterstücke können trotzdem entdeckt werden: als Texte.

Unsere Kunden fragen sehr selten nach dramatischen Stücken, höchstens nach einem Reclam-Heft, um im Theater mitzulesen. Die Bühnen werden oft mit Roman-Adaptionen bespielt und zeitgenössische dramatische Stücke erscheinen kaum noch als gedrucktes Buch beziehungsweise finden keine Resonanz. Die Zeiten, in denen ein Theaterstück das ganze Land bewegt und zudem als Text gelesen wird, scheint vorbei. Ist das bedauerlich?

Ja, natürlich ist es schade, dass heute die zeitgenössische Dramatik nicht mehr den selben Stellenwert hat wie vor zwanzig Jahren. Die amerikanische Serie hat ihr den Rang abgelaufen, darüber spricht das ganze Land. Ich sehe zwei Tendenzen, mit denen das zeitgenössische Theater darauf reagiert: Einerseits das von Ihnen angesprochene Adaptieren (das übrigens nicht bei Romanen haltmacht, sondern sich auf Filme, Sachbücher und Computerspiele erstreckt) und auf der anderen Seite die möglichst ausgefallene Inszenierung der immer gleichen Klassiker. Der Kanon ist dabei sehr eng begrenzt. Ich würde eben sagen, 80 Prozent der Texte, die der dramatische Kosmos für uns bereithält, kennen wir gar nicht. Und darin liegt eine große Chance für ein literarisches Theater der Zukunft. Denn eine Generation, die von den dramaturgischen Erzähltechniken der Serie geprägt ist, wird sich besser in ein von Spannungsbögen gehaltenes Drama hineinversetzen können als die vorherige Generation, die mit Dekonstruktion und Anything Goes aufgewachsen ist.

Wenn Sie ein Theater für ein Jahr bespielen dürften: Welche Stücke und welche Autorinnen und Autoren Ihrer Generation würden Sie aufführen?!

Um es klar zu sagen: Unsere „Spielplanänderung“ nimmt sich nicht heraus zu behaupten, dass es keine interessanten Stimmen in der gegenwärtigen Dramatik gibt. Denken Sie nur an Namen wie Ewald Palmetshofer, Ferdinand Schmalz, Wolfram Lotz, aber auch Thomas Melle und Maja Zade. Eine der besten, aber vom dekonstruktionsversessenen Regietheater enttäuschte Dramatikerin ist bei uns dabei: Nino Haratischwili. Wenn ich ein Theater bespielen dürfte, würde ich sie alle um Stücke oder Fantasien bitten. Und als Gegengewicht alle dreißig vergessenen Stücke aufführen. Man muss sie auf die Bühne bringen, um zu wissen, ob sie noch leben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Robert Eberhardt.

Simon Strauß. Spielplanänderung, Tropen Verlag, 262 Seiten, 20 Euro.

Vorrätig bei Felix Jud, Neuer Wall 13, Hamburg, oder in unserem Webshop!

Das Buch: bei Felix Jud am Neuen Wall erhältlich. Mit Beiträgen von Daniel Kehlmann, Hans Magnus Enzensberger, Nino Haratischwili, Sasha Marianna Salzmann, Deborah Feldmann, Johanna Wokalek, Andreas Platthaus, Tilmann Spreckelsen, Michael Krüger, Burghardt Klaussner, Manuela Reichert, Botho Strauß u.a.

Montag, 20. April 2020

Die Trüffelbücher der „Leseschweine“

Marcus Dahmke im Gespräch mit Dr. Susanne Schüssler, Verlegerin bei Wagenbach, über die SALTO Reihe.

Seit 1987 gibt es bei Wagenbach die Buchreihe SALTO, die John Berger vor einigen Jahren als „die schönste Buchreihe der Welt“ bezeichnet hat. Doch was macht diese Reihe, die bei den Lesern durch ihr schlankes Format, den roten Leineneinband mit aufgeklebtem Schild und ihrer außergewöhnlichen Themenvielfalt bekannt ist, eigentlich so besonders? Mit Dr. Susanne Schüssler zusammen habe ich mich auf Spurensuche durch die vielfältige Geschichte der Reihe begeben.

Dahmke: Liebe Frau Schüssler, bei Ihrem Interview mit Christian von Zittwitz für die Zeitschrift Buchmarkt sagten Sie, „kein Leseschwein würde momentan Alan Bennetts neues Buch Der souveräne Leser in den Buchhandlungen in die Hand nehmen und sehen können.“ Würden Sie die SALTO Reihe, in der die zuvor genannte Essaysammlung erschienen ist, als Trüffelbücher für „Leseschweine“ bezeichnen wollen?

Schüssler: Nun, das bezog sich auf die wegen Corona geschlossenen Buchhandlungen. Und: JA! SALTO-Bändchen sind Verführungen. Das Tolle ist, im Schutz der beliebten Reihe lassen sich hin und wieder Titel vorstellen, die anderswo untergehen würden. Nach dem Prinzip: Die Reihe kenne ich, da habe ich dieses witzige Buch gelesen und schon mehrfach erfolgreich verschenkt, mal sehen, was das sein mag, „Ich bin ein Laster“ von Michelle Winters. Aber wir müssen vorsichtig sein: Enttäuschen wir einen solchen Vertrauensvorschuss, ist die Reihe gefährdet.


Dahmke: Nicht nur Texte aus der Literatur sind bis dato erschienen, sondern auch Bücher aus den Bereichen Kochen, Kunst und Kultur. Außerdem gibt es die sehr gefragten literarischen Einladungen, die „Städteführer“ der besonderen Art. Welche Rolle spielt die Themenvielfalt der Reihe?

Schüssler: Anfangs war diese Vielfalt noch nicht geplant, die Reihe inhaltlich nicht festgelegt. In über 30 Jahren verändern nicht nur der Verlag und seine Lektoren die Ausrichtung so einer Reihe, sondern auch die Leser mit ihren Interessen. Das gilt übrigens nicht nur für die Inhalte, sondern auch für die Gestaltung. SALTO ist nicht einfach SALTO: Im Lauf der Zeit hat sich die Reihe immer wieder sachte ,modernisiert‘, das heißt den Sehgewohnheiten angepasst. Die Schriften änderten sich ebenso wie die Größe und Einrahmung der Schildchen, die Motive. Die knifflige Aufgabe für den Verlag ist: einerseits die Wiedererkennung zu bedienen und andererseits die Neugier für Unbekanntes anzufachen.


Dahmke: Wie wichtig ist in der Hinsicht die Zusammenarbeit mit der Druckerei?

Schüssler: Sorgfältige Herstellung ist enorm wichtig, und macht obendrein viel Freude: die individuell gewählte Typografie, schöne Proportionen, keine Trennungen von einer rechten auf eine linke Seite usw. Genauso wichtig ist die Produktion: Wir lassen SALTO bei einer hervorragenden Druckerei im Allgäu herstellen. Dort werden die Schildchen übrigens mit Hand aufgeklebt. Zuerst wird die Klebefläche mit einer Bildprägung „tiefer gelegt“, damit sich hinterher die Ecken des Schildchens nicht abrubbeln. Eine gute Mischung von Handwerk und industrieller Fertigung.


Dahmke: Gibt es eine Geschichte zur Farbe Rot?

Schüssler: Oh ja. Die Ursprungsidee war: die ersten Bücher rot, die zweite Lieferung gift-grün, gefolgt von lila etc. Ein Glück, dass es bei ROT geblieben ist.


Dahmke: Warum steht das SALTO A Kopf?


Schüssler: Das A macht vor, was die ganze Reihe will: Gedanken- und Luftsprünge.


Dahmke: Eine für mich persönlich sehr wichtige Frage: Mehr und mehr Verlage verzichten auf den Leineneinband... müssen wir uns um die SALTO Reihe und um den Leineneinband Sorgen machen?

Schüssler: Moden kommen und gehen. Als SALTO in den 80er Jahren anfing, gab es so gut wie keine Leinenbücher, überhaupt taten sich die 70er Jahre durch alles Mögliche hervor, aber nicht durch lesbare und schöne Bücher. Die Druckerei, wo SALTO zunächst produziert wurde, schaffte eine Maschine an, die die Schildchen aufkleben konnte. Die musste dann ausgelastet werden und überall tauchten plötzlich Bücher mit aufgeklebtem Schild auf…

Mein Eindruck ist, dass der Markt derzeit alle möglichen Geschmäcker bedient: vom teuer ausgestatteten Schmuckband bis zur mit sorgfältigem Understatement gemachten Steifborschur und dazwischen alle möglichen wilden Mischungen. Sorgen? Nein. Das sind Wellenbewegungen und manchmal ist auch etwas wirklich Neues dabei, was vorher maschinell einfach nicht zu machen war.


Dahmke: Um noch einmal auf das Interview zurückzukommen: nicht nur sehen und in die Hand nehmen, auch beschnüffeln?! Sollen bei SALTO so viele Sinne wie möglich angesprochen werden?

Schüssler: SALTO ist nicht nur eigens eingefärbtes Leinen, durchgefärbtes Vorsatzpapier, passendes Kapitalband und Fadenheftung, aufgeklebtes Schildchen, geprägte Schrift, SALTO ist auch schönes Papier, gute Druckqualität – mit einer Druckerschwärze, die gut riecht.


Dahmke: ... und eine Geschenkbuchreihe. Was ist gegenüber von anderen Verlagen das Besondere an SALTO als ein Geschenkbuch?

Schüssler: Soweit ich sehe, gibt es eine so hochwertige Ausstattung in keiner anderen Geschenkbuchreihe. Das wichtigste aber: es ist eben keine Backlistreihe, in der erfolgversprechende Titel verwurstet werden. Etwa die „Literarischen Einladungen“ zusammenzustellen ist höchste Anthologisten-Kunst: Es soll ja nicht nur das Portrait eines Ortes, seiner Bewohner und Eigenheiten entstehen, sondern gleichzeitig ein Überblick über die jüngere dort entstandene Literatur gegeben werden.

Mein herzlicher Dank gilt Dr. Susanne Schüssler für den Blick in die Geschichte der SALTO Reihe!


Lektüre-Tipp:

Alan Bennett: Der souveräne Leser.


In dieser neuen Textsammlung, die sowohl autobiografische Essays als auch persönliche Lesetagebücher vereint, begibt sich der Leser mit Bennett zusammen auf Streifzüge durch die Natur und die Literatur. Mit der Erkenntnis: Gras ist nicht gleich Gras! Kommt Ihnen das kafkaesk vor? Dann lesen Sie nach!




Montag, 6. April 2020

Die Auferstehung des historischen Romans: Hilary Mantels Tudor-Trilogie

Im Gespräch mit Annette Weber, Lektorin und Programmleiterin Belletristik bei DuMont

Im Mai 2010 schrieb der englische Romancier Alan Bennett in sein Lesetagebuch:
„Bin kurz vor dem Ende von Hilary Mantels Wölfe, dem ersten von zwei Romanen über Thomas Cromwell. Eine monumentale Arbeit, prächtig und anschaulich und vor Leben strotzend [...]“ (Bennett: Der souveräne Leser, Wagenbach, S. 130). 
Jetzt, 10 Jahre später, sind aus zwei Romanen sogar drei geworden und die beispielslose Erfolgsgeschichte, die 2009 mit der Veröffentlichung von Wolf Hall bei Fourth Estate in London begann, findet nach über 2000 Seiten, bisher zwei Booker-Preisen (jeweils für die ersten beiden Bücher Wölfe (dt. von Christiane Trabant) und Falken (dt. von Werner Löcher-Lawrence)) und wichtigen anderen Auszeichnungen mit Spiegel und Licht (dt. von Werner Löcher-Lawrence) einen fulminanten Abschluss. Die Rede ist natürlich von Hilary Mantels Tudor-Trilogie, die in deutscher Übersetzung im DuMont Verlag erschienen ist. 

Mantels Trilogie bringt alles mit, was den historischen Roman seit jeher ausgezeichnet hat: eine Fülle an historischen und literarischen Personen und verschiedenen detailreich gestalteten Handlungsorten, alles zur Zeit von Henry VIII. in einem England Anfang des 16. Jahrhunderts. 
Mantels Romane seien aber mehr als einfache Abbilder einer vergangenen Zeit, versichert Annette Weber und gesteht, dass sie bisher nur wenige historische Romane mit Begeisterung gelesen hat. „Der historische Roman, der ja auch in den letzten 10, 15 Jahren sehr beliebt war, hatte in der Zeit nicht den Ruf, literarischen Kriterien zu entsprechen. Hilary Mantel hat dieser Gattung wieder ,eine Heimat in der Literatur gegeben‘“, wie sie mit dem Hinweis auf einen Artikel der F.A.Z. erklärt. „Der historische Roman kann dem Leser eine ferne Welt nahebringen. Wenn ein Autor, eine Autorin sich, so wie es Mantel tut, nicht der vergangenen Zeit anbiedert, sondern modern erzählt, dann sieht man nicht nur die Unterschiede zu dieser, sondern auch die Gemeinsamkeiten mit dieser Zeit.“ 
Genau das sei ihr bei der Redaktion immer bewusster geworden. „Wie damals Politik gemacht wurde, wie einer seine Macht, seinen Einfluss ausgeübt hat, mit dem einen paktiert und den anderen ausgebootet hat, das alles unterscheidet sich sicherlich sehr wenig von der heutigen Welt der Politik. Die zum Glück weniger blutig ist als damals“, betont sie. Mantels Darstellung der Machtkämpfe am Hofe Henrys VIII. findet sie sehr modern. Das Vorgehen, Taktieren, die Fragen der verschiedenen Figuren seien nicht befremdlich, sondern eher vertraut. „Mir kam oft die Haltung der Engländer zu Europa und der Brexit in den Sinn. Der Eigensinn, der darin liegt, ist für mich schwer nachvollziehbar, aber wenn man diese Trilogie liest, versteht man ihn besser. Sich gegen den Papst zu stellen, war in der damaligen Zeit ein gefährliches Unterfangen, aber Henry VIII. hat es getan, was ihm ohne Cromwell vermutlich nicht gelungen wäre. Damals wurde der Grundstein gelegt für den Aufstieg Englands und auch den Siegeszug der englischen Sprache. Die Darstellung all dessen ist das Faszinierende und Besondere an Mantels Trilogie: Man ist mittendrin in der Weltgeschichte und spürt sie heute noch.“ Und das besonders durch die Figur von Thomas Cromwell. Mantel sei es gelungen, aus dieser historischen Figur einen Menschen aus „Fleisch und Blut“ zu schaffen. „Man sieht einen Machtmenschen, der völlig rücksichtslos nur seinen Aufstieg vor Augen hat, der strategisch klug und gerissen seine Ziele verfolgt. Er arbeitet mit Drohung, Bestechung, Charme und schickt andere aufs Schafott, wenn sie ihm im Wege sind. Zugleich zeigt die Autorin seine große Einsamkeit, seine Ängste und Zweifel, die ewige Schmach seiner Herkunft, die Demütigungen, die erschreckende Abhängigkeit von Henry VIII. Durch ihre besondere Erzähltechnik kommt einem diese Figur so nahe, so dass ich ihn nicht nur als gefühllosen Machtmenschen sehen kann. Sein ganzes Verhalten ist in seiner Herkunft, seinem Werdegang, seinen Lebenserfahrungen begründet, so dass ein Schwarz-Weiß-Urteil verhindern würde, etwas zu begreifen und zu erkennen, für sich, für die Welt, in der man lebt.“, erklärt Annette Weber.
Ebenso wie Bennett weist auch Annette Weber auf die unglaubliche Rechercheleistung hin, die Hilary Mantel für die Romane betrieben hat. „Man muss bei einem Roman immer auf Genauigkeit achten; und bei diesem Genre ist die historische Genauigkeit natürlich ausschlaggebend. Alles, was belegbar ist, muss stimmen. Hilary Mantel ist aber auch in diesem Punkt eine Ausnahmeautorin: Sie kennt sich bis ins kleinste Detail aus.“ Jede Stichprobe hätte das belegt. Zumindest fast! „Einer der Heiratskandidaten für Henrys Tochter Mary war ein deutscher Herzog. Mantel nennt ihn Philipp, Herzog von Bayern. Er war aber ein Herzog von Pfalz-Neuburg. Auf Nachfrage bei der Autorin habe ich erfahren, dass sie ihn bewusst als Herzog von Bayern bezeichnet hat, da dem englischen Leser Pfalz-Neuburg nichts sage. In der deutschen Ausgabe ist Philipp natürlich ein Herzog von Pfalz-Neuburg.“ Viele Fragen zum Text hätten sich aber bereits während der Übersetzung ergeben. Da der Übersetzer Werner Löcher-Lawrence und Hilary Mantel sich kennen, konnte Annette Weber viele Frage direkt mit ihm besprechen. 
Auf die Frage, ob sie eine Lieblingsfigur während ihrer Arbeit am Text gewonnen hätte, antwortet sie: „Ich glaube, da geht es Lektoren und Lektorinnen wie allen Lesern. Man hat immer eine Lieblingsfigur. Meine ist ganz klar Thomas Cromwell. Es gibt in diesem Roman seitenweise Passagen, die so ergreifend sind, dass ich fast meine Arbeit des Redigierens vergessen hätte. Ich habe, obwohl er unendlich grausam sein konnte, mit ihm mitgefiebert. Man weiß ja, wie Cromwells Leben endete, aber ich ertappte mich dabei, dass ich hoffte, dieser Autorin würde es gelingen, die Geschichte umzuschreiben, und er würde nicht auf dem Schafott landen.“ 
Zwei Mal hat Mantel den Booker Preis für die beiden Vorgängerromane bereits erhalten, der dritte scheint, laut vielen Kritikern, nicht fern. Bei der Arbeit hätte Annette Weber nicht über die Möglichkeit des 3. Preises nachgedacht. Aber nach der Redaktion stand für sie fest, dass Hilary Mantel den Booker zum 3. Mal bekommen wird, ja bekommen muss! 
Ich schließe mich dieser Meinung nach der Lektüre nur zu gerne an.
Marcus Dahmke
P. S. Für alle, die sich aufgrund der Figurendichte bisher gescheut haben, die Geschichte um Thomas Cromwell zu lesen, spricht Annette Weber eine Entwarnung aus: Wenn man die Bücher von Beginn an liest, würde man die wichtigsten Figuren sowieso nach und nach kennenlernen, meint sie. Und verliert man nach längeren Lesepausen doch mal den Überblick, lohnt ein Blick auf das Personenregister und die Stammbäume, die sich am Ende der Romane befinden.  

Mein herzlicher Dank gilt Annette Weber! Danke für die unkomplizierte Kommunikation und das Engagement für den Blog.
Bedanken möchte ich mich ebenfalls beim Wagenbach Verlag, der uns den Text von Alan Bennett in der Übersetzung von Ingo Herzke zur Verfügung gestellt hat und bei Jörn Schulze-Kroschel, dessen Dame das Foto ziert. 



Montag, 30. März 2020

Mehr Reisen mit mare: Die Meeresbibliothek

Im Gespräch mit Katja Scholtz (Verantwortliche für das Buchprogramm seit 2008) und Alexander Pechmann (Autor, Übersetzer, Herausgeber) über die mare-Klassiker

Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es den von Nikolaus Gelpke gegründeten mare-Verlag mit Sitz in Hamburg. War dieser zunächst vor allem bekannt durch seine Zeitschriften-Reihe, entwickelten sich schnell weitere Programmfelder. Seit Katja Scholtz 2008 zum Verlag gestoßen war, spielten Nikolaus Gelpke und sie mit dem Gedanken, Klassiker der Meeresliteratur herauszubringen. So war der Weg geebnet für eine der schönsten Klassikerreihen im deutschsprachigen Raum.

„Wir wussten immer: Wenn wir das machen, dann nicht einfach irgendwie, sondern richtig. Und richtig heißt: Die Qualität muss stimmen. Weder inhaltlich noch formal wollten wir Kompromisse machen, von der Auswahl der Übersetzer und Herausgeber über die Innengestaltung bis hin zu Papier, Fadenheftung, Leineneinband und Schuber muss alles stimmen, jeder einzelne Band soll ein wunderschönes, wertiges, inhaltlich und formal überzeugendes Objekt für sich sein und sich gleichzeitig elegant in eine Reihe fügen.“

Vor zehn Jahren war es endlich so weit: als einer der ersten Titel aus der Meeresbibliothek kam Der Master von Ballantrae von Stevenson heraus.
„Der Erfolg war riesig, wir mussten innerhalb kürzester Zeit nachdrucken und sind heute in der 6. Auflage. Da wussten wir: Das Konzept geht auf, die Leser wissen die Qualität zu schätzen.“

Es folgten Texte wie dem bis dato unveröffentlichten Auf See von Guy de Maupassant, auf den der Verlag von der Übersetzerin Cornelia Hasting aufmerksam gemacht worden war. „Eines meiner absoluten Lieblingsbücher“, wie Katja Scholtz betont. „Dass sich sogar unveröffentlichte Texte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auffinden lassen würden und dass es Leser gibt, die nicht nur unsere Begeisterung für die Inhalte teilen, sondern auch die Leidenschaft für die besondere Ausstattung der Bücher, hat uns enorm motiviert.“
Sie spricht allerdings auch von Hürden und frustrierenden Momenten. Bei der Neuübersetzung von Stevensons Schatzinsel war ein anderer Verlag (Hanser) schneller. Und manchmal würden einzelne Bücher nicht die erhoffte Aufmerksamkeit erhalten. „Henry Bestons wunderschönem Buch Das Haus am Rand der Welt, das zu den großen Klassikern des amerikanischen Nature Writing zählt, hätten wir den zehnfachen Absatz gewünscht; auch die große Strindberg-Kassette mit drei Bänden ist ein wenig untergegangen, ähnlich wie die Vier Begegnungen von Henry James.“ 
Katja Scholtz (Foto: Mathias Bothor)
Zum Glück würden aber die Glücksmomente überwiegen, führt Katja Scholtz weiter aus. 
Inzwischen hat die Hauptreihe sogar im wahrsten Sinne des Wortes Nachwuchs bekommen. In einem kleineren Format, das „passend für Erzählungen, Novellen oder Lyrik“ ist, hat in diesem Frühjahr das vierte Kind das Licht der Welt erblickt. In der kongenialen Übersetzung von Alexander Pechmann ist in diesem Frühjahr die Erzählung Der Zorn des Meeres von Bram Stoker derschienen. In dieser wird das Meer nicht nur als Handlungsort beschrieben, an dem sich eine in mehrfacher Hinsicht tragische Rettungsgeschichte abspielt, sondern das Meer tritt sogar als ein fast eigenständiger Protagonist auf, wie Alexander Pechmann betont. „Dass das Meer gewissermaßen zur Hauptfigur und zu einem lebendigen Wesen wird, war für mich der besondere Reiz an Stokers Erzählung. In vielen Abenteuergeschichten Stokers spielt das Meer eine wichtige Rolle, aber nie eine so beeindruckende wie hier. Es hat mich ein wenig an Lafcadio Hearns Chita erinnert, wo ebenfalls der zornige, sturmgepeitschte Ozean im Mittelpunkt steht.“ 

Alexander Pechmann, der als Übersetzer und Herausgeber bereits viele Klassiker für mare mitverantwortet hat, ist es besonders wichtig, dem deutschsprachigen Lesepublikum nicht nur die Kanontexte in neuen Übersetzungen zugänglich zu machen, sondern auch an „die ungeheure Vielfalt der Literatur zu erinnern, vergessene Autoren wieder ans Licht zu bringen und vergessene Texte berühmter Autoren auszugraben. Der Kanon ist wie die Hauptstraße einer großen Stadt. Wer glaubt, alles gesehen zu haben, nachdem er einmal die Hauptstraße hinauf- und hinuntergeschlendert ist, versäumt das Beste – all die Seitenstraßen, kleinen Gassen, schönen Plätze und versteckten Winkel. Und über die krummen, finsteren Gassen kann man natürlich auch gelegentlich zurück zur prächtigen Hauptstraße gelangen.“
Auf die scherzhaft gestellte Frage, wann Poes Mahlstrom denn endlich erscheinen würde, gibt Pechmann die Antwort: „Ich hoffe bald, da ich Poes Geschichten sehr liebe.“m,.
Alexander Pechmann (Foto: privat)
„Unsere anfängliche Sorge, dass wir womöglich nicht genügend Klassiker für zukünftige Programme finden könnten, war glücklicherweise unbegründet“, berichtet Katja Scholtz. Zurzeit wüsste sie kaum, wann und wie alle Bücher, die in Planung sind, untergebracht werden können. 

Für Nachschub ist also gesorgt, mare sei Dank. Während die Arbeiten für das Herbstprogramm im Verlag nahezu abgeschlossen sind, freuen wir uns schon auf die kommenden Bände! 

Ich möchte mich bei Judith Balling, Bettina Wittich und natürlich ganz besonders bei Katja Scholtz und Alexander Pechmann für ihre Offenheit und Zeit bedanken. 
Marcus Dahmke







Entdecken Sie die mare-Klassiker in unseren Regalen und in unserem Webshop:

Die Liste aller lieferbaren Titel der Meeresbibliothek finden Sie unter: https://www.mare.de/buecher/mare-klassiker





Dienstag, 4. Februar 2020

Das Glück der Bücher

Anlässlich unserer antiquarischen Sonderschau "Glanzlichter" war im Dezember 2019 der "Buchmensch" Wulf D. von Lucius aus Stuttgart zu Gast. Lucius stammt aus einer einflussreichen Erfurter Kaufmanns- und Verlegerfamilie, gründete 1971 die renommierten Uni-Taschenbücher (UTB) und 1996, gemeinsam mit seiner Frau, den wissenschaftlichen Fachverlag Lucius & Lucius. Er ist Vorsitzender der Bibliophilen-Vereinigung "Maximilian-Gesellschaft", schrieb ein Standardwerk über die Verlagswirtschaft und publizierte als leidenschaftlicher Büchersammler zu bibliophilen Themen, u.a. 2000 Bücherlust. Vom Sammeln oder 2012 Das Glück der Bücher. Beiträge zu Buchästhetik und Buchgeschichte und hat viele Ehrenämter im Kulturbereich inne.

Der Bücherliebhaber Wulff D. von Lucius am Neuen Wall.

Im Gespräch mit Robert Eberhardt berichtete der 1938 geborene von Lucius von der verlegerischen Geschichte seiner Familie, die mit dem Verleger Gustav Fischer (1845 in Altona geboren) und dem Verlagsbuchhändler Johann Wilhelm Mauke (1859 in Hamburg gestorben) auch Verbindungen zu Hamburg besitzt. "Daher gab es auch bei mir die Lust an Büchern schon immer – und zwar in Verbindung mit dem Wunsch einen Bestand zu haben und zu ordnen“, so von Lucius. Diesem Wunsch entsprach er gemeinsam mit seiner Frau Akka, mit der er in den letzten fünf Jahrzehnten eine umfangreiche Sammlung antiquarischer Bücher zusammentrug: "Mein erster Kauf, der mich zum Sammeln verleidet hat, war ein rokokovergoldetes Büchlein. Es war die Ästhetik des 18. Jahrhunderts, die den Auftakt für meine Sammlung bildete. Dann kam das Interesse für Bücher des 19. Jahrhunderts hinzu, dann William Morris und das frühe 20. Jahrhundert, Pressedrucke und zu guter Letzt Künstlerbücher des 20. und 21. Jahrhunderts - also in gewisser Weise chronologisch", erläuterte von Lucius. Auf die Frage, was das Ansammeln vom Sammeln unterscheide, antwortete er, es sei die "Sammelbiographie", die sich über Jahrzehnte hinweg aufbaue, die Gedankenfäden, die sich zwischen den Büchern spannen, Geschichten ihres Erwerbs, emotionale Momente mit einem bestimmten Exemplar.

Dass das Interesse am Sammeln alter Bücher nicht unbedingt stärker wird, dafür kann der erfahrene Unternehmer einige Gründe nennen: Das Sammeln sei nicht mehr breit verankert, es sei ein Feld von Spezialisten. Ein Grund liegt für ihn im "unstetigen Räumlichen", wie er an vielen mobilen Biografien der jüngeren Generation beobachte. Auch lebten weniger Menschen in großen Häusern und Villen und es werde mehr Zeit außerhalb verbracht, beispielsweise in Lokalen, und weniger im Häuslichen - andere Lebensbedingungen, die einfach weniger Zeit "zu weit" mit den Büchern ermöglichen... 

Von Lucius bedauert den Rückgang der Antiquariate, das Verschwinden des antiquarischen Buches aus der öffentlichen Wahrnehmung. "Umso schöner, dass es bei Felix Jud diesen anderen Bereich weiterhin gibt", lobte von Lucius und erinnerte an die ehemaligen Geschäftsführer Felix Jud und Wilfried Weber, die er beide persönlich kannte. "Wilfried Weber, lebensfreudig und lässig, war für mich immer ein wichtiger Gesprächspartner gewesen, ein feiner, sehr überlegten und zurückgenommen Menschen, sehr fachkundig im Bereich des bibliophilen Antiquariats. Er hat sich immer stark gemacht für das luxuriöse, teure Buch“, so von Lucius. Er wollte damit in seiner Buchhandlung „Maßstäbe setzen“.
 
Von Lucius stellt Melchior Lechter vor.
Schließlich stellte Wulf D. von Lucius einige Titel aus dem Antiquariat vor, wie Das Hamburgische Adressbuch von 1880, das er stellvertretend für viele Sammlungen sieht, denn ein großer Teil der Büchersammler würde einen lokalen Fokus verfolgen. Auch in seiner Sammlungen seien beispielsweise Heidelberg und Paris ein starkes Gebiet. 

Außerdem präsentierte er von Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland, ein Druck der Ernst-Ludwig-Presse. Mit dem Pressen-Druck Amo von Henry van de Velde als "Übergangsdruck" zum Bauhaus stellte von Lucius schließlich den originalen, seltenen Katalog des Bauhauses von 1923 vor, u.a. mit Texten von von W. Gropius, W. Kandinsky, P. Klee, L. Moholy-Nagy und O. Schlemmer. Gewürdigt wurde auch Das Märchen vom Sinn von Melchior Lechter, dem Buchgestalter von Stefan George, der ein phantasievolles, verschrobenes und religiös überhöhtes Werk schuf, die Einhorn-Presse gründete und u.a. mit vergoldeten Messingplatten und Halbedelsteinen in der Buchgestaltung arbeitete. Zu guter letzt präsentierte er zwei Künstlerbücher von Gunnar Kaldewey: "Beim Künstlerbuch ist die Textwahrnehmung eine langsamere und steht im Gegensatz zur körperlosen Infobeschaffung des digitalen Zeitalters", so von Lucius. 

--> Besuchen Sie uns gerne am Neuen Wall und stöbern Sie in unserem Antiquariat. 

Bücher aus dem Antiquariat Felix Jud.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Soirée im Zeichen des viktorianischen Londons

„Vergesst ‚Downton Abbey‘“, so betitelte die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) jüngst ihre Rezension zu Edward Bulwer-Lyttons Gesellschaftsroman „Was wird er damit machen? - Nachrichten aus dem Leben eines Lords“. Wohl wahr: Das etwa 1.500-seitige Werk ist feinste Unterhaltung für all jene, die lust-, leid- und intrigenschwangere Episoden lieben, angesiedelt im London des viktorianischen Zeitalters.

Und auch optisch hat das von der Arno Schmidt Stiftung bei Suhrkamp neu herausgegebene Werk einen gewissen Seriencharakter: Sechs Bände in einer Kassette gilt es buchstäblich zu "durchschmökern".  Nebst dem Protagonisten Guy Darrell, einem Großgrundbesitzer und einstigen Parlamentarier, machen in dem Roman etwa 50 weitere Personen ihre Aufwartung, mit all ihren Eigenarten, Vorlieben, Wünschen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Schwächen. „ Also das pralle viktorianische Leben, garniert mit den Weisheiten des Erzählers, gewürzt mit Horaz-Zitaten, versüsst von wohldosiertem Sentiment und gekrönt von grossen dramatischen Szenen“, bringt es die NZZ treffend auf den Punkt. Im Kern geht es im Roman um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten den Menschen im gesellschaftlichen Gefüge des 19. Jahrhunderts bleiben.

Die von Arno Schmidt übersetzte Ausgabe wartet mit einer Besonderheit auf: Erstmals werden im Anhang die sogenannten „Anmerkungen des Übersetzers für den Hausgebrauch“ (AdÜfdH) mit veröffentlicht. Sie waren einst für die Gattin Schmidts bestimmt, die seine Übersetzungen Korrektur las.

Von dem britischen Schriftsteller Edward Bulwer-Lytton, der von 1832-1866 Parlamentsabgeordneter und anschließend auch Kolonialminister war, stammt übrigens die Bezeichnung Deutschlands als „Volk der Dichter und Denker“.

Am Dienstag, den 14. Juni, werden Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach (der für die neue Suhrkamp-Ausgabe ein Nachwort verfasste) sowie Jan Philipp Reemtsma Passagen aus dem Werk Bulwer-Lyttons lesen. Die Veranstaltung ist ausgebucht. Wir freuen uns über das große Interesse und blicken einem spannenden Abend entgegen!