Donnerstag, 1. Oktober 2020

Sehnsucht nach dem Mond

 

Über das Lob für unsere Youtube-Lesung mit Daniel Mellem eines Twitter-Nutzers haben wir uns sehr gefreut: "Tolles Beispiel für ein hochprofessionelles Lesungs- und Gesprächsvideo in einer Buchhandlung. Chapeau"! Als Zusatzmaterial finden Sie hier ein verschriftlichtes Interview zwischen Marcus Dahmke und Daniel Mellem über dessen Debütroman „Die Erfindung des Countdowns“.

Dahmke: Lieber Herr Mellem, in meiner Jugend habe ich liebend gerne den französischen Schriftsteller Jules Verne gelesen und gehört; unter anderem auch den Doppelband „Von der Erde zum Mond“ und „Die Reise um den Mond“. Auch der Protagonist, Hermann Oberth, in Ihrem Roman hat mit Jules Verne geträumt: von der Möglichkeit mit einem Flugobjekt unseren Trabanten zu erreichen. Wie stehen Sie zu Jules Verne? Hat er Sie vielleicht sogar zum Physikstudium inspiriert?

Mellem: Jules Verne habe ich in meiner Kindheit nicht gelesen, aber sicher hat die Fiktion auch bei meiner Begeisterung für die Physik eine Rolle gespielt. Ich habe in meiner Jugend zum Beispiel unheimlich gern Star Trek: The Next Generation geschaut, das damals täglich im Fernsehen kann. Captain Picard und seine Crew haben sich mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragestellungen herumgeschlagen und das hat auch mich damals inspiriert. Leider gibt es heute meinem Empfinden nach nur noch selten positive Science Fiction. Wir beschäftigen uns sehr mit Dystopien und natürlich liegen in neuen Technologien auch immer Gefahren. Aber wissenschaftliche Neugier ist nichts, was per se schlecht ist – das dürfen wir dabei nicht vergessen.

Dahmke: Wie sind Sie auf den historischen Hermann Oberth, der zwischen 1894 und 1989 tatsächlich gelebt hat, aufmerksam geworden? Und warum ist die Wahl auf die Gattung des Romans gefallen? 

Mellem: Bis vor etwa fünf Jahren kannte ich Oberth selbst gar nicht. Damals las ich über Frau im Mond und stieß dabei zwangsläufig auf ihn. Er hat mich sofort fasziniert mit einem Leben voller Sehnsüchte und Verfehlungen. Nachhaltig beindruckt hat mich, dass Oberth schon früh von der Raumfahrt träumte und dann selbst dabei war, als die ersten Menschen zu Mond flogen – er war ein Utopist, der die Erfüllung seiner Utopie erlebte. Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, ein solches Leben erlebbar zu machen. Zu zeigen, wie es sich angefühlt haben könnte für so eine Figur, die exemplarisch steht für einen Menschen, der nach etwas greift, das er eigentlich nicht erreichen kann. Um so eine Perspektive einzunehmen, muss man natürlich erfinden – was aber nicht heißt, dass die Recherche entfällt. Im Gegenteil: Ich muss über die Fakten Bescheid wissen, damit ich überhaupt erst erfinden kann. Dafür habe ich mich mit Oberths Werken beschäftigt, Biographien über ihn gelesen, Briefwechsel, habe wichtige Orte in seinem Leben wie Schäßburg und Peenemünde besucht. So habe ich versucht, mich dieser Figur zu nähern und einen Weg zu finden, von ihr zu erzählen. Im Großen bin ich dabei faktisch, im Kleinen fiktional. Heißt: Meilensteine, die die Figur Hermann abschreitet, ist die historische Person Oberth so oder ähnlich auch gegangen. Aber die Wahrnehmung der Welt, die vielen Begegnungen, die Dialoge, die Konflikte, die einzelnen Episoden bilden eine fiktive Wirklichkeit, die nicht identisch ist mit der historischen Wirklichkeit. Es ist nicht das Leben der historischen Person Hermann Oberth, sondern eine Möglichkeit davon.

Dahmke: Den Jungen, den wir am Anfang des Romans bei seinen Abenteuern in der Umgebung von Siebenbürgen in Österreich-Ungarn erleben und der mit Jules Verne im Gepäck rudern gegangen ist, wird zu einem einzelgängerischen Charakter; in sich gekehrt fängt er an zu studieren. Welche Bedeutung spielt diese soziale Abkanzelung für die Entwicklung des Protagonisten?  

Mellem: Oberths Einzelgängertum ist ganz zentral für seinen Lebensweg. Zum einen hilft ihm bei der Entwicklung seiner Ideen. Erst der Junge, der sich in sich selbst zurückzieht und in seinem Ruderboot von Verne träumt, kann eine Weltraumrakete erfinden und sich ihr ganz verschreiben. Zum anderen aber verunmöglicht genau diese soziale Abkanzelung, sich mit Verbündeten seiner Idee zusammenzutun. Es gab in den zwanziger Jahren einige Raketenenthusiasten, die sich für Oberths „Rakete zu den Planetenräumen“, diese sperrige Formelarbeit, begeistern konnten, nicht umsonst wurde 1927 der Verein für Raumschiffahrt gegründet. Aber Oberth gelang es nie, das für sich zu nutzen. Er war schüchtern, unfähig eine solche Bewegung anzuführen. Dazu war er ein Fanatiker seiner Idee, der nur schwer Kompromisse machen konnte – das führte zwangsläufig zu Konflikten mit beispielsweise Max Valier, der mit Fritz von Opel die Raketenautos baute.

Dahmke: Gleichzeitig beginnt das Zeitalter der Utopien. Höher, schneller, weiter wird zur Devise der Welt Anfang des 20. Jahrhunderts; Raketenautos starten, der Film verspricht Ausflüge in fremde Welten. Hermann Oberth muss mit obskuren Kreisen in Kontakt treten, um seine Forschung finanzieren zu können, da seine Ideen von der Wissenschaft abgelehnt werden. In was für Zeiten hat Oberth um Anerkennung gerungen?

Mellem: Oberths Arbeit fiel in den zwanziger Jahren auf fruchtbaren Boden. Die technologische Entwicklung hatte eine Sprung gemacht, Autos eroberten die Straßen, Flugzeuge die Luft. Auch in der Physik war auf einmal vieles denkbar: Quantenmechanik und Relativitätstheorie veränderten das Verständnis der Welt von Grund auf. Für Oberth und seine Idee war das ein Vorteil, weil auf einmal vieles möglich schien – eben auch eine Rakete, um in den Weltraum zu fahren. Gleichzeitig war es für ihn aber unheimlich schwer, sich von Scharlatanen abzugrenzen. Max Valier, der ein großer Vorkämpfer von Oberths Idee war, war überzeugter Anhänger der esoterischen Welteislehre von Hanns Hörbiger, die schon damals aus wissenschaftlicher Sicht Unsinn war. Oberth war es sehr wichtig, vor allem auch die Gelehrten von seiner Idee zu überzeugen – vermutlich nicht zuletzt wegen seiner Enttäuschung über die abgelehnte Doktorarbeit. Dass die Wissenschaft ihn nicht weiter ernst genommen hat, hat ihn verbittert. Auf der einen Seite gegenüber den Gelehrten und auf der anderen Seite gegenüber seinen Mitstreitern wie Valier, denen er vorwarf, nicht wissenschaftlich genug zu arbeiten.

Dahmke: Oberth war nicht nur in entscheidende Umbrüche des 20. Jahrhunderts verstrickt (für die Nationalsozialisten hat er die Raketentechnik vorangetrieben), er war auch Familienvater, eine Rolle, für die er nicht gemacht schien. Wie wichtig sind Empathie und Mitgefühl oder das Fehlen solcher Gefühle in dieser Zeit? Sollte man zwischen Oberth als Wissenschaftler und Oberth als Familienvater unterscheiden? Darf man das? Im Roman werden große moralphilosophische Fragen behandelt. Wie wichtig sind diese, um solch einen ambivalenten Charakter vor dem Panorama des letzten Jahrhunderts zu verstehen?

Mellem: Oberth hat für sich streng zwischen der beruflichen Verbitterung und seinem familiären Glück unterschieden. Ich persönlich halte das für schwierig. Denn: Seinen Traum zu verfolgen, bedeutete für ihn, ein unstetes Leben zu führen. Er musste oft umziehen, verlor seine Arbeit, kam in finanzielle Nöte – diese Sorgen haben zwangsläufig dann auch seine Familie berührt. Allgemein gesprochen: Ich halte es nicht für möglich, Wissenschaft von moralphilosophischen Fragen zu trennen. Es gibt keine kindliche Unschuld von Wissenschaft, für die Erkenntnis Selbstzweck ist – das ist ein nicht erreichbares Ideal. Wissenschaft wird von Menschen gemacht, die sich in sozialen, politischen, wirtschaftlichen Kontexten bewegen. Natürlich rückwirkt – wenngleich wohl meist unbeabsichtigt und unbewusst – auf die Forschung, die betrieben wird: Was wird geforscht? Wie wird geforscht? Wofür wird geforscht? Erst so ist es m.E. erklärbar, dass jemand wie Oberth mit seiner Rakete einerseits an den Weltraum dachte, andererseits aber auch an eine Waffe für die Nazis. Deshalb muss man bei Forschung die moralphilosophischen Fragen immer mitdenken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wenn Sie noch mehr zu Hermann Oberths Leben und Werk erfahren möchten, besuchen Sie uns gerne auf YouTube.

Das Buch können Sie über den Online-Shop oder direkt vor Ort erwerben.









Mittwoch, 23. September 2020

Das Sittenbild einer verkommenden Gesellschaft

Am Ufer des Sacrower Sees nahe Berlin wird 1932 der Sportwagen des Dr. Erich Mühe entdeckt. Der Arzt ist über Nacht verschwunden und die Mordkommission deckt ein Leben mit Abgründen auf. Was passierte mit diesem angesehenen Arzt am Vorabend der Diktatur? Autor Oliver Hilmes stand Robert Eberhardt für ein kurzes Interview zur Verfügung:


Eberhardt: Sie sind bisher als Sachbuchautor in Erscheinung getreten. Wie kam es zu einem erzählenden Text und inwiefern sind dort historische Fakten mit Fiktion verbunden?

Hilmes: Ich bin von Hause aus Historiker und Geschichte zu rekonstruieren heißt auch Geschichten zu erzählen. Und deshalb ist mir das Erzählerische in meiner Arbeit schon immer sehr wichtig gewesen. Daher ist der Schritt von meinen bisherigen erzählenden Sachbüchern zu einer nun romanhaften Darstellung nicht weit gewesen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und ich habe viel recherchiert, manches freilich aus dramaturgischen Gründen erdacht.

Eberhardt: Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden? Sie haben zuletzt einen Beststeller zur Olympiade 1936 veröffentlicht, sich illustren Figuren des 19. Jahrhunderts wie Cosima Wagner oder Bayernkönig Ludwig II. gewidmet. Wann spielt die Geschichte des Dr. Mühe?

Hilmes: Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1932 und endet Anfang der 50er-Jahre in Barcelona. Und das ist das Faszinierende daran: Dass sie sich über 20 Jahre erstreckt, in mehreren politischen Systemen spielt - in der Spätzeit der Weimarer Republik, der Nazizeit, der frühen Bundesrepublik und in der spanischen Franco-Diktatur. Das ist ein wirklich faszinierender Plot. Auf den Fall des Dr. Mühe aufmerksam geworden bin ich im Berliner Landesarchiv, als ich dort die polizeiliche Ermittlungsakte gefunden habe.

EberhardtIst Ihr Buch ein Krimi?

„Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist auf der einen Seite ein ungelöster faszinierender Kriminalfall, auf der anderen Seite aber auch eine Erzählung über den Verlust von Anstand und Moral am Vorabend der Diktatur.  Das Sittenbild einer verkommenden Gesellschaft, einer sich verdüsternden Zeit. Und es ist eine Berlin-Saga, weil etwa die spezifischen Lebensumstände in der damaligen Reichshauptstadt eine große Rolle spielen.

Mehr Infos zum Buch: www.doktormuehe.de

Das Buch für 20 Euro im FELIX-JUD-Webshop bestellen - versandkostenfrei oder Abholung am Neuen Wall 13 in Hamburg am nächsten Tag (bei Bestellungen bis 17 Uhr). 









Freitag, 18. September 2020

Unbändige Kraft der Natur

Noch bis zum 26.9.2020 läuft bei uns die Ausstellung "Lichtspiele" von Hermann Reimer. Robert Eberhardt hat den Maler in seinem Berliner Atelier besucht.

Wer sich eine Landschaft oder ein "Baumporträt" von Hermann Reimer in die Wohnung hängt, kann sich einen Spaziergang sparen und in den heimischen vier Wänden "waldbaden". Intensiv ist das Licht- und Farbspiel, mit dem Hermann Reimer Naturstimmungen festhält. Er versteht es meisterhaft, das selbst für Fotografen schwer zu fassende, diffuse "Waldlicht" einzufangen: den starken Hell-Dunkel- Kontrast von Sonnenstrahlen und schattigen Partien, das durch das Blätterwerk gefilterte und durchgrünte Licht, die changierenden Optiken auf moosigem und belaubtem Waldboden. Zudem schwingt das Mythologische des Waldes stets mit: der Raum des Märchens, das Nicht-Urbane, das romantisch Geheimnisvolle. Die unbändige Kraft der Natur, das Sprießen und Durchdringen der unaufhaltsamen Pflanzenwelt, angefeuert von Licht und Sonnenkraft, schreibt sich in seine Bilder ein. Man versteht den Wald als Raum, der ganz anderen Gesetzen folgt wie Architektur und Wohnraum. 

Viele seiner kleinformatigeren Bilder malt Hermann Reimer im Freien. Als Meisterschüler von Klaus Fußmann steht er der realistischen wie naturverbundenen Malergruppe nahe, die mit Christopher Lehmpfuhl und Till Warwas derzeit ihre bekanntesten Vertreter findet. Große Formate fertigt Hermann Reimer in seinem Atelier in Berlin an, in einem alten Fabrikgebäude, das als Solitär auf freier Fläche nahe der Stadtautobahn steht und vom Senat komplett an Berliner Künstler vermietet wird. 

Hier entstehen auch Bilder mit Spiegelmotiven - neben Walddurchsichten eine bildnerische Spezialität von Reimer. In ungewöhnlichen Bildausschnitten zeigt er Landschaften in ihren anteiligen Spiegelungen in Wasseroberflächen von Seerosenteichen, Tümpeln oder Kanälen. Es ist das Robuste der Natur, das Materielle, die Konstruktion, was Reimer zu interessieren scheint. Nicht der liebliche, klassisch gesehene Landschaftssauschnitt, sondern die ungewohnte, ausschnitthafte Perspektive, in deren Zufälligkeit sich die starke, unverstellte Landschaft zeigt. Deshalb wirken seine Bilder: als ästhetischer Kraftausdruck der Natur.

Die Ausstellung "Lichtspiele" ist bei uns am Neuen Wall 13 noch bis zum 26.9.2020 zu sehen, von Montag bis Samstag 10 bis 18 Uhr. 










Mittwoch, 16. September 2020

Leere Flure, aber viel verlegerische Energie


Urlaub und Reisen in Deutschland - unser Mitarbeiter Marcus Dahmke hat Hamburg verlassen und den Kiwi-Verlag in Köln besucht: 

Leere Flure, verwaiste Zimmer, stickige Konferenzräume. Was sich so dramatisch anhört, war und ist teilweise noch traurige Verlagsrealität.

Am Freitagnachmittag sind die Verlagsräume von Kiepenheuer und Witsch nahe des Kölner Doms leer – typisch für einen Freitag; gleichzeitig ist in diesem Sommer nur wenig wie immer.

Mirjam Mustonen, Key Accounterin im Vertrieb, erzählt vom Alltag in Corona-Zeiten, während wir durch das nahezu menschenleere Stockwerk gehen; vorbei an geöffneten Türen, Glaskästen mit Lizenzausgaben von z.B. Frank Schätzing, Autorenfotos und (nur scheinbar!) wahllos zusammengestellten Bücherbergen.

Bei Kiepenheuer & Witsch hat man auf die schwierige Zeit flexibel reagiert. Homeoffice und Arbeiten im Verlagsgebäude – für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter wurde die Lösung gefunden, die zur Lebenslage passt und ein erfolgreiches und sicheres Arbeiten garantiert.

Wichtig beim Arbeiten im Verlag sei vor allem, dass die Sicherheitsabstände und Gesundheitsmaßnahmen eingehalten werden können. Risikos minimieren und MitarbeiterInnen schützen ist oberstes Gebot.

Viel Abstimmung ist nötig in diesen Tagen, immer noch: nicht nur verlagsintern, sondern auch mit dem Handel, den Großhändlern und der Auslieferung in Hamburg. Zum Glück gibt es inzwischen wieder so etwas wie einen Alltag.

Mitte März sah die Situation noch ganz anders aus. Viele Buchhandlungen haben ihre Aufträge storniert, Kontaktpersonen waren nicht erreichbar, niemand konnte sagen, wie es in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten weitergehen wird. Die ganze Arbeit, die in die Vorbereitung der Leipziger Buchmesse gesteckt worden ist, konnte durch die Absage nicht mehr umgesetzt werden, berichtet Mirjam. Für die Frankfurter Buchmesse, die im Herbst stattfindet, plane man nun mit einem Online-Programm. Einen Messestand wird der Verlag in diesem Jahr dort nicht haben. Man kann sich nicht 100-prozentig darauf verlassen, dass bis dahin alles überstanden sei. Wie um ihre Worte zu belegen, strömen hinter den Fenstern der Arbeitsräume des Verlages auf dem Bahnhofsvorplatz und am Kölner Dom Menschenmengen durch die Stadt. Wahrscheinlich ist diese kurzfristige Lösung wirklich die einzig richtige Entscheidung. Auch wenn das neue Format mit viel zusätzlicher bzw. ungewohnter Arbeit verbunden ist...

Die Umstellung zum Homeoffice sei anfangs durchaus ein Kraftakt gewesen, Programme mussten installiert, Hardware zur Verfügung gestellt, die Datensicherheit garantiert werden; einiges ließe sich trotzdem nicht ohne Probleme von zuhause aus richten. Zusammenarbeit sei das Zauberwort ... und Erreichbarkeit. Viele Probleme, die man selber aus dem Arbeitsalltag der letzten Monate kennengelernt hat, spricht Mirjam an. Und die vielen erfolgreichen Lösungen.

Zum Abschluss wenden wir uns vor der Bücherwand in ihrem Arbeitszimmer, natürlich mit 1,5 Meter Abstand, dem Herbstprogramm zu. Der neue Meyerhoff ist schon im Druck, Thomas Hettches neuer Roman wird gespannt erwartet (mich eingeschlossen).

Länger reden wir über die ehemalige Top-10 Weltranglisten Tennisspielerin Andrea Petković, von der Kiepenheuer und Witsch ihre ersten autofiktionale Erzählungen herausbringen wird. „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ heißt der Band, der Anfang Oktober in diesem Jahr erscheinen wird. Vieles aus ihrem eigenen Leben soll Petković verarbeitet haben, humorvoll und literarisch verdichtet, kleine Parabeln eines Sportlerinnenlebens. Also nicht nur für Tennisliebhaber ein interessantes Buch; schließlich gehe es auch im Leben immer wieder um Sieg und Niederlage und (vielleicht passender in dieser Zeit): um seltene Glückmomente. Wir dürfen gespannt sein. Ich bin es auf jeden Fall!


Ganz herzlichen Dank an Dich, Mirjam, für die Einladung und den herzlichen Empfang (sogar in den Verlagsräumen, womit ich in Corona-Zeiten nicht gerechnet habe) und die ausführlichen Antworten auf meine vielen Fragen. Dieser kleine Bericht wird dem Umfang nur in Ansätzen gerecht.

Dienstag, 18. August 2020

Entlarvung, Enthüllung, Demaskierung - Felix Hartlaub

Warum lohnt sich die Beschäftigung mit Felix Hartlaub (1913-1945)? Biograph Matthias Weichelt antwortet:

Die Veröffentlichung von Aufzeichnungen des 1945 verschollenen Schriftstellers Felix Hartlaub war in den fünfziger Jahren eine Sensation: Geheime Skizzen aus dem besetzten Paris und aus den Führerhauptquartieren „Werwolf“ und „Wolfsschanze“, Innenansichten aus den Zentren der Macht. Eine solche literarische Stimme, sarkastisch, ironisch, direkt, hatte man noch nicht gehört. Hätte Hartlaub sein Manuskript über das Attentat vom 20. Juli, das er als Ohrenzeuge miterlebte, vollendet, wäre daraus, so Tilman Krause kürzlich in der „Welt“, wohl der „interessanteste deutsche Roman über das Dritte Reich überhaupt“ geworden und hätte dem Schreiben über diese Zeit „hierzulande eine andere Richtung“ gegeben, jenseits von Gruppe 47 und Innerer Emigration.

Daß ein Autor mit dieser Beobachtungsfähigkeit und Beschreibungsgabe in eine solche Position gelangt, ist ein historischer Glücksfall. Die Texte, die der promovierte Historiker, Mitglied einer Archivkommission des Auswärtigen Amtes und Mitarbeiter des Kriegstagebuchs des Oberkommandos der Wehrmacht, heimlich verfaßte, waren als Material für später gedacht, als Zeugnisse für den Weg in die Katastrophe: „Die Frage nach der Genese, nach dem ‚Wie war es möglich‘, wird wohl die einzige sein, die noch an uns gerichtet, zu der vielleicht noch etwas zu sagen sein wird.“


Die anhaltende Faszination dieses von Ambivalenzen und Widersprüchen geprägten Lebens und dieses bruchstückhaft gebliebenen Werks beruht nicht zuletzt darauf, daß Hartlaub die Fragwürdigkeit der eigenen Person, des eigenen Verhaltens ins Zentrum der Texte stellt. Das Ziel seiner Literatur ist Entlarvung, Enthüllung, Demaskierung. Darum richten sich die Waffen des Textes auch gegen den Autor selbst. Dieser hat wie kaum ein anderer Schriftsteller mit sprachlicher Genauigkeit und analytischer Schärfe über sich und seine familiären, gesellschaftlichen und politischen Verstrickungen geschrieben. Wie sein großes Vorbild Kafka verstand Hartlaub die Literatur als Möglichkeit, Gericht über sich zu halten. „Einen so unbestechlichen Blick wie den seinen hat es in der Literatur nach 1945 nicht mehr gegeben.“ (Hans Magnus Enzensberger)


Dr. Matthias Weichelt, Chefredakteur der Zeitschrift SINN & FORM, veröffentlichte kürzlich: Der verschwundene Zeuge. Das kurze Leben des Felix Hartlaub. 232 Seiten. Suhrkamp, 2020. 20 Euro.

--> Bestellen Sie diesen Titel im FELIX-JUD-Webshop. Kostenfreie Lieferung nach Hause oder Abholung am nächsten Werktag (bei Bestellungen bis 17 Uhr) bei uns am Neuen Wall 13, Hamburg. 

Freitag, 14. August 2020

Die Nachtseiten des Lebens. "Nocturnes" bei Steidl

Im Gespräch mit dem Herausgeber und Übersetzer Andreas Nohl

 

„Abends, wenn die Zweckverordnung des Lebens ein Ende hat, der Geist endlich frei wird und sich öffnet für das Unheimliche und Dunkle, ist Lesezeit, ist Zeit für Nocturnes.“, heißt es im Ankündigungstext der neuen bibliophilen Reihe im Herbstprogramm vom Steidl-Verlag. Wir wollten mehr wissen! 

 

Marcus Dahmke: Lieber Herr Nohl, wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Reihe? War es ein Abend mit Rotwein und einem zu übersetzenden Text, im Hintergrund die melancholischen Moll-Akkorde von Chopin...?

Andreas Nohl: Sie haben nicht ganz Unrecht, es war wirklich ein später Abend, aber ich glaube, es war kein Rotwein. Ich hörte eine Chopin-Einspielung von Harasiewicz, die ich quasi seit Schülertagen besitze, und da blitzte die Idee für eine solche Edition in mir auf. Ich fing an zu recherchieren und fand viele andere enorm faszinierende Berührungspunkte, so etwa die „Nocturnes“ von James Abbott McNeill "Whistler". Und auch die Musik von John Field hat ja bereits etwas sehr Anrührendes.

Dahmke: Inzwischen sind die ersten drei Bände erschienen: „Der Fall Moosbrugger“ von Robert Musil (ein Auszug aus „Mann ohne Eigenschaften“), die Novellensammlungen „Tamango“ von Prosper Mérimée, sowie Richard Middletons „Das Geisterschiff“. Ein historischer Kriminalfall, Seegeschichten und Spuk- und Geistergeschichten. Geschichten, die vom Nachtseitigen und Abgründigen erzählen: im Menschen und in der UnNatur des Dies- und Jenseits. Mögen Sie ein paar Worte zur Auswahl sagen?

Nohl: Ich wollte in jedem Fall eine bestechende Auswahl vorlegen, und zwar sowohl inhaltlich wie vom literarischen Zugriff her. Damit meine ich das „Faszinationspotenzial“ der Texte. Jedes Buch sollte in seinem literarischen Kosmos selbstevident sein. Das heißt, im Grunde habe ich mich für eine Auswahl entschieden, die mich als Leser selbst interessieren würde. Natürlich kommt es dann auch immer auf die Zusammenstellung der Autoren bzw. Autorinnen an und darauf, ob man möglicherweise noch jemanden überraschen kann. Ich denke, das ist bei den drei Büchern nicht so schlecht gelungen.

Dahmke: Ich muss gestehen, dass mich vor allem die Texte von Richard Middleton, den ich bisher noch nicht kannte, in den Bann gezogen haben; ein Geisterschiff, das nach einer stürmischen Nacht im Rübenacker des Gastwirts landet und das Gespensterleben eines englischen Dörfchens durcheinanderbringt, Geschichten von Außenseitern, die sich in ihre vermeintliche Einsamkeit zurückziehen. Melancholisch-tiefsinnige Novellen...

Nohl: Ja, Richard Middleton liegt mir sehr am Herzen. Ich kenne ihn seit meiner Jugend und bin wirklich froh, ihn in Deutschland vorstellen zu können. Er ist so feinsinnig, dass man ihn leicht übersehen kann – er ist eine Art englischer Robert Walser, nur mit einem sehr viel kleineren Oeuvre. Und da er Engländer ist, ist er natürlich auch düsterer und nebliger und unschweizerischer. Aber eben auch nicht ohne Witz. Die Geschichte mit dem Sargverkäufer zum Beispiel, wie nah ist die an Sherlock Holmes und Dr. Jekyll & Mr. Hyde gebaut, und man ist sofort in London. Einfach großartig.

Andreas Nohl (Copyright: Mercan Fröhlich)
Andreas Nohl (Copyright: Mercan Fröhlich)

Dahmke
: Viele andere Namen kommen einem in den Sinn: E.T.A. Hoffmann und andere Vertreter aus der Spätromantik, Edgar A. Poe, Joseph Conrad, Stevenson, Arthur Conan Doyle, Maupassant (der ja auch Vampirgeschichten geschrieben hat) und und und.  

Für die Nocturnes sind Sie Herausgeber und Übersetzer. Alexander Pechmann, mit dem ich Anfang des Jahres ebenfalls über diese beiden Verantwortungsebenen gesprochen habe, meinte (und ich möchte ihn hiermit zitieren), dass es besonders wichtig sei, das deutsche Lesepublikum an „die ungeheure Vielfalt der Literatur zu erinnern, vergessene Autoren wieder ans Licht zu bringen und vergessene Texte berühmter Autoren auszugraben.“

Darf man schon verraten, was uns in Zukunft noch erwarten wird?

Nohl: Der Plan für die nächsten drei Bände steht bereits, es wird eine verblüffende deutsche Ersterscheinung aus dem englischen Bereich geben, etwas Fernöstliches und wiederum etwas Deutsches. Alles Weitere unterliegt leider dem Datenschutz.

Dahmke: Dann kann das Rätselraten ja beginnen. Zuletzt müssen wir natürlich noch über die wunderschöne Ausstattung sprechen: Leineneinband, Fadenheftung, Lesebändchen, jeder Band mit einem Nachwort versehen. Alleine durch das bibliophile, reduzierte Äußere heben sich die Bücher von vielen anderen ab! Wie kam es zu dieser Gestalt bzw. Gestaltung?    

Nohl: Das ist das Geheimnis der enorm begabten Buchdesignerin Paloma Tarrío Alves, die für den Steidl Verlag arbeitet. Ich war auch sehr beeindruckt, als ich die Cover sah. Im Übrigen war von Anfang an klar, dass der Anspruch einer solchen Reihe auch im Äußeren sichtbar sein muss. Und dass Steidl weiß, wie man schöne Bücher macht, ist ja kein Geheimnis.

Bestellen Sie die Titel im FELIX-JUD-Webshop! Kostenfreie Lieferung nach Hause oder Abholung am nächsten Werktag (bei Bestellungen bis 17 Uhr) bei uns am Neuen Wall 13, Hamburg. 

--> Richard Barham Middleton: Das Geisterschiff

--> Robert Musil: Der Fall Moosbrugger

--> Prosper Mérimée: Tamango

Mittwoch, 29. Juli 2020

Kanal- und BuchGeschichten. Das Buch in den sozialen Medien


Immer mehr werden klassische Rezensions- und Empfehlungsformate durch Online-Formate ergänzt und bereichert. Buchblogger, Instagram-Influencer und Booktuber vermitteln Bücher und Literatur in anderer Weise, aber nicht schlechter. Wir haben mit Ilke Sayan gesprochen:


Dahmke: Liebe Ilke, seit Corona finden viele Gespräche (über Bücher) online statt. Buchhandlungen bespielen teilweise mit sehr großem Aufwand die sozialen Medien und stellen in unterschiedlichen Formaten Bücher vor. Du bist seit 2015 mit Deinem Kanal BuchGeschichten auf YouTube. Wie bist Du damals auf die Idee gekommen, Bücher auf YouTube vorzustellen?

Sayan: Wie wohl bei den meisten lag es an dem Wunsch, sich über Bücher auszutauschen. In meinem Umfeld lasen die meisten nicht in dem Maße wie ich und ich wollte meine Freundschaften nicht länger mit meinen scheinbar endlosen Leseberichten strapazieren. Es war eine spontane Entscheidung, meine Leidenschaft stattdessen mit mir unbekannten Gleichgesinnten zu teilen. Die Online-Community war so herzlich, es machte mir so viel Spaß, dass ich mir bald darauf auch einen Instagram-Account einrichtete. Wieder einmal ohne lange darüber nachzudenken.

Dahmke: Wie bist Du auf den Namen BuchGeschichten gekommen?

Sayan: Anfangs hatte ich einen ganz anderen Kanalnamen im Kopf, an den ich mich mittlerweile nicht mehr erinnern kann. Er war allerdings schon vergeben. Da ich mein erstes Video schon gedreht hatte und alsbald veröffentlichen wollte, versuchte ich es mit anderen Namen, die mir gerade in den Sinn kamen. BuchGeschichten, mein 6. oder 7. Versuch, war noch verfügbar, so kam es zu dem Namen. Ich muss also gestehen, dass ich auch über den Kanalnamen nicht lange nachgedacht habe. Wichtig war mir lediglich, dass durch den Namen verständlich wird, dass es sich um einen deutschsprachigen Kanal über Bücher handelt.

Dahmke: Wie findet man als Literaturbegeisterter, (der gerne mal zum Klassiker greift,) überhaupt Booktuber auf der Plattform, die den eigenen „Literaturgeschmack“ treffen?


Sayan: Wenn man bedenkt, dass YouTube nach Google die zweitgrößte Suchmaschine im Internet ist, sollte es nicht mit sehr aufwändigen Recherchen verbunden sein… Am besten nutzt man die Suchleiste. Hat man einen Kanal gefunden, der einem zusagt, kann man sich auf der Kanalseite die Liste derjenigen aufrufen, die der/die BooktuberIn abonniert hat. Auf vielen Kanalseiten ist die Liste öffentlich einsehbar. Dort findet man häufig weitere BooktuberInnen mit ähnlichem Lesegeschmack. Auch durch die Video-Vorschläge von YouTube (neben/unter dem abgespielten Video) kann man fündig werden.

Dahmke: Apropos Literaturgeschmack: In deiner Kanalinfobox schreibst Du, Du liest alles gerne, hauptsächlich aber Gegenwartsliteratur, Klassiker und Graphic Novels. Diese Genres werden von Dir auch hauptsächlich besprochen. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Persönliche Interessen nehme ich an...

Sayan: Ja, persönliche Vorlieben. Aber ich greife gerne auch mal zu Büchern aus anderen Genres – aus Neugier, zur Abwechslung oder um festzustellen, ob mir die Genres mittlerweile nicht doch zusagen.

Dahmke: Booktube soll keine Literaturkritik sein, sondern Begeisterung für Literatur vermitteln. Wie viel Kritik und wie viel Begeisterung braucht und verträgt eine Buchbesprechung auf YouTube Deiner Ansicht nach?

Sayan: Ich denke, auf YouTube ist in erster Linie Authentizität und Aufrichtigkeit wichtig.
Ob die Kritik sachlich oder vehement, die Begeisterung überschwänglich oder dezent geäußert wird, ob ausführlich oder aufs Wesentliche begrenzt, ist individuell und von BooktuberIn zu BooktuberIn unterschiedlich. So sollte es auch bleiben.

Dahmke: Was liest Du gerade? Und gibt es für Dich schon ein Halbjahreshighlight? Oder ein besonderes Buch, das Du in letzter Zeit gelesen hast…

Sayan: Ich lese gerade die Essay-Sammlung „Unter der Haut – Eine literarische Reise durch unseren Körper“ und „Schwere Zeiten“ von Charles Dickens.
Ich habe dieses Jahr einige großartige Bücher gelesen, darunter „Mond über Manhatten“ von Paul Auster, „Pique Dame“ von Alexander Puschkin, „Offene See“ von Benjamin Myers, „Die Straße“ von Ann Petry, „Rot und Schwarz“ von Stendhal, „Wo Licht ist“ von Sarah Moss. Ich könnte noch mehr aufzählen, aber ich denke, das reicht…

Dahmke: Großartige Bücher. „Pique Dame“ ist ja in der Reihe von Kat Menschik bei Galiani wunderbar illustriert herausgekommen. Und die Neuauflage von Petrys „Die Straße“ schockiert immer noch durch das ständig aktuelle Thema der Ungleichheit und Rassenfeindlichkeit in den USA. Wie lässt Du Dich eigentlich inspirieren? Liest Du viele Rezensionen, guckst Du Literatursendungen, sprichst Du mit Freunden und Bloggern etc. über Bücher, stöberst Du durch Verlagsvorschauen oder gehst Du in die Buchhandlung nebenan und tauschst Dich mit den Mitarbeitern aus? Oder ist es von allem ein bisschen?

Sayan: So ziemlich von allem ein bisschen. Natürlich erhalte ich auch von der Community, den ZuschauerInnen, viele gute Empfehlungen und höre gelegentlich Literatur-Podcasts.

Dahmke: Du sprichst nicht nur Literaturempfehlungen aus, es gibt auch andere Themenvideos auf Deinem Kanal z.B. Bücher nach Ländern, BuchGeschichten unterwegs (mit Gesprächen auf der Buchmesse u.a.). Ein umfangreiches und spannendes Programm! Wie haben sich die einzelnen Formate entwickelt?

Sayan: Manche Ideen hatte ich von Anfang an, manche ergaben sich mit der Zeit. Ich probiere gerne Neues aus, wie unter den Rubriken „Videos mit kleinen Extras“ und „BuchGeschichten unterwegs“. Solche Videos sind zeitaufwändiger, da ich meine Videos alleine drehe und bearbeite. Deswegen kann ich leider nicht so regelmäßig experimentieren wie ich mir wünschen würde. Aber ich habe eine Liste an Ideen und anderen Formaten, die ich gerne noch umsetzen möchte und bin gespannt, wie sie von den ZuschauerInnen aufgenommen werden.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Ilke, für deine Zeit und die tollen Buchempfehlungen. 

Weiterführende Links:

Gewinnerin Buchblog-Award 2018: