Dienstag, 19. Mai 2020

Die übermütige Lust, Texte zu entdecken

Simon Strauß, Autor, FAZ-Theaterkritiker und Mitbegründer der Gruppe "Arbeit an Europa" las bei uns bereits 2017 aus seinem Debütroman "Sieben Nächte". Wir haben dem jungen Phantasieaktivist vier Fragen gestellt: über seine jüngst erschienene Anthologie "Spielplanänderung" und das Theater in Corona-Zeiten.

Just als Sie Ihr neues Buch „Spielplanänderung“ mit einer „Langen Nacht der vergessenen Stücke“ an der Berliner Volksbühne vorstellen wollten, stellten die Theaterhäuser ihren Betrieb ein. Bis auf weiteres sind sie als Ort des weiten Denkens, aber engen Sitzens geschlossen. Provokant gefragt: Während Youtube-Kanäle Millionenaufrufe erzielen, scheint das Theater, außer der engeren Community, nicht wirklich jemand zu vermissen. Schockiert Sie das? Dass die dringlichen Fragen der Zeit nicht auf der Bühne, sondern im iPhone verhandelt werden?

Aber für Waschmittel interessieren sich ja noch mal mehr Menschen als für die YouTuber…Im Ernst: Ich glaube, das Theater ist lange genug im Geschäft, um sich keine allzu großen Sorgen um seine Wahrnehmung zu machen. Es kann bei Kunst ja nie um Fragen der Quantität gehen, nicht das "wie viele" zählt, sondern das "wer". Das deutsche Theater hat im weltweiten Vergleich eine einzigartige Stellung. Wir leisten uns ein weitverzweigtes Netz an Schauspielhäusern, die eben mehr sind als nur Orte reiner Unterhaltung. Eine Sogkraft geht noch vom kleinsten Provinztheater aus: Hier werden Dinge verhandelt, die höher und bedeutender als unser Alltag sind, die uns ergreifen, überwältigen und abschrecken können. Für die Tagesthemen reicht das iPhone gerade aus, aber für das Weltgeschehen brauchen wir die Bühnen. Unsere „Lange Nacht der vergessenen Stücke“ wird übrigens in Kooperation mit der FAZ und dem Tropen-Verlag stattfinden: Im Herbst an der Berliner Volksbühne, im Januar 2021 am Salzburger Landestheater und 2022 in Bern.

Theaterkritiker Simon Strauß, hier im Südthüringer Staatstheater Meiningen


In Ihrem Buch stellen 30 Autorinnen und Autoren 30 wenig bis gar nicht mehr gespielte Theaterstücke vor. Sie kritisieren mit Ihrer Anthologie das enge Spektrum der Theaterprogramme und plädieren für Entdeckerfreude und Archivexpeditionen. Sie wurden 1988 geboren - zu welchem Stück, in welche Zeit, in welches Theater mit welcher Besetzung würden Sie sich gerne zurückzoomen, um einen unvergesslichen Abend zu erleben?

Ich wäre gerne bei der Premiere von Maurice Maeterlincks „Interieur“ dabei gewesen. Diesem vergessenen Einakter über den schwierigsten Moment: Zwei Männer wissen um den Tod eines jungen Mädchens und stehen nun vor dem Haus ihrer Familie, schauen durchs Fenster, dehnen die Zeit, um die Nachricht nicht überbringen zu müssen. Es ist ein Stück, das mehr verheimlicht als es erzählt und doch hat es eine ungeheure Stimmung, eine existenzielle Aura, ein dichtes Ambiente der Schicksalswahrheit. Die Duse müsste da mitspielen und - wenn ich in den Zeiten springen darf - Oskar Werner. Beckett, den heute alle zu Recht schätzen, wäre undenkbar ohne Maeterlinck. Dass er auf unseren Bühnen nicht gespielt wird, ist ein Skandal. Es ist trotz allem eigentlich weniger Kritik, das unser Buch bewegt, sondern die übermütige Lust daran, fantastische Theatertexte zu entdecken, die vom Mainstream unerkannt sind.

Die Bühnen bleiben momentan leer - Theaterstücke können trotzdem entdeckt werden: als Texte.

Unsere Kunden fragen sehr selten nach dramatischen Stücken, höchstens nach einem Reclam-Heft, um im Theater mitzulesen. Die Bühnen werden oft mit Roman-Adaptionen bespielt und zeitgenössische dramatische Stücke erscheinen kaum noch als gedrucktes Buch beziehungsweise finden keine Resonanz. Die Zeiten, in denen ein Theaterstück das ganze Land bewegt und zudem als Text gelesen wird, scheint vorbei. Ist das bedauerlich?

Ja, natürlich ist es schade, dass heute die zeitgenössische Dramatik nicht mehr den selben Stellenwert hat wie vor zwanzig Jahren. Die amerikanische Serie hat ihr den Rang abgelaufen, darüber spricht das ganze Land. Ich sehe zwei Tendenzen, mit denen das zeitgenössische Theater darauf reagiert: Einerseits das von Ihnen angesprochene Adaptieren (das übrigens nicht bei Romanen haltmacht, sondern sich auf Filme, Sachbücher und Computerspiele erstreckt) und auf der anderen Seite die möglichst ausgefallene Inszenierung der immer gleichen Klassiker. Der Kanon ist dabei sehr eng begrenzt. Ich würde eben sagen, 80 Prozent der Texte, die der dramatische Kosmos für uns bereithält, kennen wir gar nicht. Und darin liegt eine große Chance für ein literarisches Theater der Zukunft. Denn eine Generation, die von den dramaturgischen Erzähltechniken der Serie geprägt ist, wird sich besser in ein von Spannungsbögen gehaltenes Drama hineinversetzen können als die vorherige Generation, die mit Dekonstruktion und Anything Goes aufgewachsen ist.

Wenn Sie ein Theater für ein Jahr bespielen dürften: Welche Stücke und welche Autorinnen und Autoren Ihrer Generation würden Sie aufführen?!

Um es klar zu sagen: Unsere „Spielplanänderung“ nimmt sich nicht heraus zu behaupten, dass es keine interessanten Stimmen in der gegenwärtigen Dramatik gibt. Denken Sie nur an Namen wie Ewald Palmetshofer, Ferdinand Schmalz, Wolfram Lotz, aber auch Thomas Melle und Maja Zade. Eine der besten, aber vom dekonstruktionsversessenen Regietheater enttäuschte Dramatikerin ist bei uns dabei: Nino Haratischwili. Wenn ich ein Theater bespielen dürfte, würde ich sie alle um Stücke oder Fantasien bitten. Und als Gegengewicht alle dreißig vergessenen Stücke aufführen. Man muss sie auf die Bühne bringen, um zu wissen, ob sie noch leben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Robert Eberhardt.

Simon Strauß. Spielplanänderung, Tropen Verlag, 262 Seiten, 20 Euro.

Vorrätig bei Felix Jud, Neuer Wall 13, Hamburg, oder in unserem Webshop!

Das Buch: bei Felix Jud am Neuen Wall erhältlich. Mit Beiträgen von Daniel Kehlmann, Hans Magnus Enzensberger, Nino Haratischwili, Sasha Marianna Salzmann, Deborah Feldmann, Johanna Wokalek, Andreas Platthaus, Tilmann Spreckelsen, Michael Krüger, Burghardt Klaussner, Manuela Reichert, Botho Strauß u.a.

Keine Kommentare:

Kommentar posten