Samstag, 4. Juli 2020

Über die erste Liebe und Stäbchen, Kugeln und Häkchen

Auch wenn es nicht um Corona-Viren geht, scheint Ludger Weß das Buch der Stunde geschrieben zu haben: den Bakterienatlas „Winzig, zäh und zahlreich“ (Naturkunden, Bd. 62, Matthes & Seitz, 280 Seiten, 25 Euro). Als der unsichtbare Feind galten lange Zeit auch Bakterien. Aber Bakterien sind nicht nur gefährliche Krankheitserreger. Seit Urbeginn bevölkern sie die Erde und tun seither viel nützliche Arbeit. Nach der neuesten Forschung haben sie sogar ein Immunsystem entwickelt, um sich vor feindlichen Viren zu schützen!


In 50 Porträts taucht man in dieses wuselige Leben ein und wird nach der Lektüre um einiges aufgeklärter die Welt sehen. Marcus Dahmke hat mit Ludger Weß gesprochen



Dahmke: Lieber Herr Dr. Weß, bereits im Alter von sieben Jahren haben Sie sich das erste Mal verliebt, schreiben Sie in ihrem „Bakterienatlas“, der im Frühjahr in der Naturkunden-Reihe bei Matthes und Seitz erschienen ist. Diese Liebe scheint bis jetzt anzuhalten. Was ist das Besondere an ihrer Beziehung zu Stäbchen, Kugeln und Häkchen?

Weß: Am Beginn stand die Faszination, dass es da im Wassertropfen eine Welt gab, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Dazu kam die Erkenntnis, dass diese verborgene Welt nicht nur im Wassertropfen, sondern überall zu finden ist. Wasserflöhe, Pantoffel- und Rädertierchen kommen nur in Gewässern vor, Bakterien aber überall. Und sie haben erstaunliche Fähigkeiten und lassen sich leicht züchten. Aufregend erschien mir auch, dass immer wieder neue Arten entdeckt wurden. Die Kontinente und Urwälder dieser Welt waren ja schon alle bis ins Kleinste kartiert, aber hier gab und gibt es noch unzählige weiße Flecken.

Dahmke: Wir scheinen beide in unserer Kindheit chronisch „arm“ gewesen zu sein. Ich habe mein Taschengeld für Bücher - also für Buchstaben, Punkte und Kommata - ausgegeben, Sie für Petrischalen, Reagenzgläser, Chemikalien und Co, um Bakterien zu kultivieren. Wie „reich“ sind Sie damit geworden in diese phantastische Welt einzutauchen?

Weß: Ich habe durchaus Geld für Bücher ausgegeben (viel aber auch in der Stadtbücherei ausgeliehen) und viel gelesen: von Klassikern wie Karl May, Mark Twain, Daniel Defoe, Jules Verne und John Steinbeck („Cannery Row“!) über populärwissenschaftliche Literatur von Vitus B. Dröscher, Heinz Haber oder aus dem Kosmos-Verlag bis zu ausgesprochener Fachliteratur zum Thema Genetik oder Bakteriologie. Zusammen haben mir Bücher und Gerätschaften neue Welten erschlossen und faszinierende Einblicke in die Natur ermöglicht – mehr Reichtum ist kaum vorstellbar.

Dahmke: Wir sind umgeben von Bakterien. Sie waren lange vor dem Menschen da und werden höchstwahrscheinlich die letzten sein, die auch in unwirtlichen Gegenden noch überleben können. Was haben wir unseren unsichtbaren Freunden im Laufe unserer (gemeinsamen) Zeit zu verdanken? Warum sind sie von globaler Bedeutung?

Weß: Bakterien sind unscheinbar, aber weil es so viele sind, haben sie einen enormen Einfluss auf die Umwelt. Die Gesamtmasse aller Lebewesen auf der Erde beträgt 550 Milliarden Tonnen, davon entfallen 70 auf Bakterien – Tiere und Menschen zusammen machen nur 2 Milliarden Tonnen aus. Die Erdgeschichte zeigt z.B., dass Bakterien für eine komplette Umwandlung der Erdatmosphäre gesorgt haben – die „große Sauerstoffkatastrophe“ war eine Katastrophe für die damals existierenden Lebewesen, aber die Voraussetzung dafür, dass es Tiere und uns Menschen gibt. Bakterien spielen eine große Rolle bei der Speicherung von Kohlendioxid, den Kreislauf von Stickstoff und Kohlenstoff, als Partner von Pflanzen und Tieren und sind daher von globaler Bedeutung. Ohne besseres Wissen können wir viele Vorgänge, auch den Klimawandel, nicht verstehen.

Dahmke: Nicht nur Freund, sondern auch Feind. Nicht Bakterien, sondern Viren sind momentan im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Warum sollte man sich in Corona-Zeiten Gedanken über Bakterien machen? Sie schreiben, Bakterien haben ein Immunsystem und können sich gegen Viren wehren. Auch gegen Corona-Viren?

Weß: COVID19 ist eine Viruserkrankung und Viren kann man nicht mit Antibiotika bekämpfen. Aber: Fast alle Patienten, die wegen der Erkrankung stationär aufgenommen werden und Atemprobleme haben, erhalten prophylaktisch Antibiotika, um zu verhindern, dass die geschwächte Lunge und die angegriffenen Atemwege zusätzlich von Bakterien befallen werden. Das birgt zweierlei Probleme: Erstens steigt die Nachfrage nach Antibiotika, wobei die Gefahr besteht, dass die beiden wichtigsten Herstellerländer – Indien und China – nicht oder nicht ausreichend liefern können, so dass auch für andere Erkrankungen nicht genügend zur Verfügung stehen. Zweitens erhöht der präventive Einsatz von Antibiotika die Wahrscheinlichkeit, dass dadurch multiresistente bakterielle Krankheitserreger entstehen, die sich vor allem in den Krankenhäusern verbreiten. Die Krankheit zeigt uns ein weiteres Mal, dass wir unseren Umgang mit Antibiotika überdenken und Alternativen entwickeln müssen.
Bakterien werden von Coronaviren nicht befallen. Aber weil wir das bakterielle Immunsystem immer besser verstehen, ergeben sich daraus Ansatzpunkte für neue Behandlungsstrategien. Derzeit wird daran geforscht, die Tricks des bakteriellen Immunsystems zur Herstellung von Medikamenten gegen Viruserkrankungen zu entwickeln, nicht nur gegen das neue Coronavirus. Außerdem hat uns die Entdeckung das so genannte Genome Editing ermöglicht, ein mächtiges Werkzeug für die Molekularbiologie, ohne das wir bei der Erforschung des neuen Virus nicht so schnell vorangekommen wären.

Dahmke: Am 5. April 2018 war Judith Schalansky mit Andreas Rötzer zusammen bei Felix Jud, um die Naturkunden-Reihe vorzustellen. Was hat dieses Datum mit dem „Bakterienatlas“ zu tun?

Weß: Ich bin an dem Abend mit meiner Frau in die Buchhandlung gekommen, weil uns die Reihe und das Konzept interessierten; ich hatte schon zwei oder drei Bücher aus der Reihe gekauft und gelesen und auch meiner Frau gefielen die Bände sehr. Meine Gedanken sind zwischendurch etwas abgeschweift und ich fragte mich, ob es wohl in der Reihe Bücher zu Mikroorganismen gibt. Im Prospekt fand ich dazu nichts. So habe ich anschließend Judith Schalansky angesprochen und sie gefragt, ob in den Naturkunden Platz für Lebewesen ist, die man nicht mit bloßem Auge sehen kann. Sie fragte zurück, welche Lebewesen ich denn da im Sinn hätte und ich nannte die Bakterien. Sie wollte wissen, was sich zu Bakterien erzählen ließe und wir führten ein kurzes Gespräch. Sie erkundigte sich abschließend nach meiner Expertise und machte den Vorschlag, ich solle ihr ein Exposé schicken. Also habe ich mich am nächsten Wochenende hingesetzt und eins geschrieben und abgeschickt. Die Zusage kam sehr schnell, verbunden mit der Idee, einen Atlas zu machen. Dann folgte ein Treffen mit Matthias Rötzer und schließlich auch mit Falk Nordmann.

Dahmke: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit dem Verlag, Frau Schalansky und Falk Nordmann (der den Band illustriert hat) gestaltet?

Weß: Die Zusammenarbeit lief hervorragend; ich habe Falk Nordmann Fotos zu jedem Bakterium geschickt und Rückmeldungen zu den jeweiligen Zeichnungen. Das war aber sehr problemlos, weil er sehr gut verstanden hat, worauf es bei den Bakterien ankommt. Das einzige Problem waren die zwei oder drei, von denen nur bekannt ist, dass es sie gibt und welche Fähigkeiten sie haben. So gibt es keine Fotos von ihnen. Da hat er schnell eine gute Lösung gefunden.

Dahmke: In Ihrem Nachwort schreiben Sie, das Thema verlange nach einer Fortsetzung. Ich bin schon gespannt!

Ich möchte mich ganz herzlich bei Ludger Weß für dieses spannende Interview bedanken.
Einige signierte Exemplare vom „Bakterienatlas“ sind noch bei uns käuflich zu erwerben.
   


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