Mittwoch, 3. April 2013

Aus Manesse's Schatzkiste


Vor knapp 80 Jahren wurde M. Agejew‘s „Roman mit Kokain“ in einer Pariser Zeitschrift veröffentlicht. Erst Ende letzten Jahres fand  die zweite Übersetzung dank Manesse in die Regale des deutschen Buchhandels. Über den Verfasser selbst ist nur wenig bekannt. Es wird vermutet, dass sich der 1973 verstorbene Mark Lasarewitsch Lewi hinter dem Pseudonym verbirgt, wobei auch schon die Theorie aufgestellt wurde, dass Vladimir Nabokov der Autor sei, was von seinem Sohn jedoch verneint wurde. Um das Mysterium zu vervollständigen, zieht sich auch durch den Titel eine gewisse Zweideutigkeit, die im Deutschen jedoch nicht erkennbar ist. Der russische Begriff „roman“ kann nämlich sowohl mit Roman, als auch mit Romanze übersetzt werden. 

Als Erzähler tritt der Schüler und spätere Student Wadim Maslennikow auf, der im vorrevolutionären Moskau auf zynische und rücksichtslose Weise ein Gesellschaftsbild im Umbruch beschreibt, so dass man sich über den unsympathischen Charakter schon wieder amüsiert.

Gleichzeitig berichtet Wadim von seinen beiden großen Romanzen: Zunächst ist da die  Liebesbeziehung zu der verheirateten Sonja. Doch Wadim ist nicht in der Lage seine Gefühle, geschweige denn Respekt oder Zuneigung zu zeigen, und so stößt er sie vor den Kopf.

Erst die zweite Hälfte der Geschichte greift Wadims andere  Romanze auf: das im Titel angeführte Kokain, durch welches er nun zu Grunde geht.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Droge einerseits zur vollkommenen Zerstörung führt, und andererseits Wadim die Möglichkeit eröffnet bildgewaltige Stimmungsbilder zu schaffen – bis ihm das Ende des Rausches wieder seine innere Zerrissenheit vorführt.

Somit zieht sich durch den gesamten Roman eine gewisse Ambivalenz. Es ist kein Lehrroman über die Schädlichkeit von Drogen, oder wie ein gemeiner Mensch seine gerechte Strafe erfährt. Vielmehr wird das Kokain als Bindeglied zwischen dem moralischen Denken und amoralischen Handeln des Protagonisten genutzt, so dass eine ungeheure Seelenstudie entsteht.
Dieses und viele andere Manesse Exemplare lassen sich bei Felix Jud finden.