Montag, 6. September 2021

Der mächtigste Mann der Welt - die Biografie zu Xi Jinping

Stefan Aust und Adrian Geiges recherchierten im innersten Zirkel des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Daraus entstand eine beeindruckend klare Biografie. Ein Gespräch:

 © Piper Verlag

RW: Wer ist Xi Jinping?

AG: Er ist der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und der Präsident Chinas. Das erste ist wichtiger als das zweite, da in sozialistischen Ländern die führende Rolle der Partei gilt, wie sie auch in der chinesischen Verfassung verankert wurde. Das heißt die Partei steht immer über dem Staat. Daher ist es eine Formalität, dass der Parteichef auch der Staatschef wird. Er ist der mächtigste Mann des zunehmend mächtigsten Land der Erde.


RW: Wie ist Xi Jinping zum mächtigsten Mann in der kommunistischen Partei geworden?

AG: Er hat zum einen gute Voraussetzungen gehabt. Denn als Sohn eines Parteiführers der ersten Generation ist er ein sogenannter Prinzling. Sein Vater machte den Langen Marsch, den Gründungsmysthos der chinesischen Volksrepublik, mit. Zum anderem ruhte er sich nicht auf seiner Herkunft aus, sondern er ist ganz bewusst den Weg von der Pike auf gegangen. Er begann als Dorfparteisekretär und stieg in immer höhere Positionen auf. Er kennt den Parteiapparat durch und durch, und wurde damit im Sinne der kommunistischen Partei perfekt qualifiziert, das Land zu führen.


RW: In diesem Zusammenhang beschreiben Sie mir den Ort Yan‘an.

AG: Das war der Endpunkt des Langen Marsches und dann das Hauptquartier der Kommunisten im Bürgerkrieg ein Löss-Plateau in 960 Metern Höhe. Dort war die gesamte Parteiführung versammelt wie Mao Zedong und eben auch der Vater von Xi Jinping Xi Zhongxun. Das muss man sich vorstellen, als ob eine kleine Dorfclique plötzlich ein Land mit fast 1 Milliarde Menschen anfängt zu führen. Sie kannten sich untereinander und hatten ihre Intrigen miteinander, aber sie kannten sich damit und dadurch sehr, sehr gut.


RW: Für welche Überzeugungen steht Xi Jinping?

AG: Er steht für die Überzeugung, dass China nach den Jahrhunderten der Demütigung der Kolonialmächte wieder zu einem starken Land gemacht werden muss. Das war China in seiner langen Geschichte bereits. China war über Jahrtausende das führende Land der Erde. Das möchte er wiederherstellen. Jedoch mit der Idee, dass dies am besten mit einer straff geführten kommunistischen Partei geschieht. Diese dürfe eben nicht durch irgendwelche freiheitlichen, demokratischen Gedanken irritiert werden.

Adrian Geiges und Ronald Wendorf im Hotel Fontenay | Bild © Stefan Aust


RW: Straffe Führung klingt sehr nach Mao. Wie viel Mao ist in ihm?

AG: Es ist sehr viel Mao in ihm. Aber es ist auch sehr viel Lenin und Stalin in ihm. Aber das Interessante ist, dass er sich zum neuen Mao macht. Unmittelbar vor ihm herrschten Parteiführer, die kein besonderes Charisma hatten. Zudem wussten sie um die Verbrechen Maos und betrieben trotzdem den Kult um Mao, um weiterhin eine Identifikationsfigur anzubieten. Xi Jinping macht sich aber durch den Kult, den er um sich selbst inszenieren lässt, selbst zu Identifikationsfigur. Er beruft sich zwar auf Mao, aber er zitiert ihn wie man auch mal Konfuzius zitiert. Mittlerweile wurde in die chinesischen Grundschulen eingeführt, die Gedanken Xi Jinpings zu studieren.


RW: Xi Jinping sieht sich also einerseits in einer Linie mit Mao und anderseits als neuer Herrscher. Das ist das Persönliche. Wie ist es mit der Neuen Ökonomischen Politik, wie sie Lenin in den 1920er Jahren der Sowjetunion etablierte. Wie ist Xi Jinpings Beziehung zur Wirtschaft?

AG: Das ist eine sehr gute Frage. Eigentlich sind die wirtschaftlichen Erfolge, die China in den letzten Jahrzehnten hatte, nicht dem Sozialismus zu verdanken. Deng Xiaoping öffnete unter Beibehaltung der kommunistischen Führung die Märkte sowohl für die Einheimischen, die Restaurants bis hin zu Internetunternehmen gründeten, als auch für ausländische Investoren wie Siemens oder VW. Xi Jinping sagt zwar in Worten, dass er an Gaige Kaifang, also der Reform und Öffnung, festhalten möchte. De facto hat er gerade in den letzten Monaten angefangen es zurückzudrehen. Im Moment gibt es einen Crackdown gegen die reichen Unternehmer. Die spannende Frage wird sein, was das für Chinas Zukunft heißt? Xi Jinpings Position scheint zu sein, dass die wirtschaftliche Kraft so groß ist, dass diese Maßnahmen dem Land gar nicht schaden könnten. Die Gefahr für die kommunistische Partei Chinas ist, dass sie möglicherweise den gewachsenen, wirtschaftlichen Vorteil verlieren könne. Die derzeitige Börse ist nicht mehr so stark.

 

RW: Welche Konfliktpotenziale stecken in der kapitalistischen Wirtschaft für die kommunistische Partei? Wann wird es brenzlig?

AG: Das hat Xi Jinping klug erkannt. Brenzlig wird es, wenn die Unterschiede in der Vermögensverteilung, die Umweltbelastungen und die Korruption weiter steigen. Das hat er durchaus richtig als Gefahr für die Kommunistische Partei erkannt. Das ist der Grund, warum er manche der wirtschaftlichen Öffnungen zurücknahm und den Nationalismus stärker fördert. So lassen sich Rückschläge besser abfedern.

 

RW: Was ist der gemeinsame Nenner zwischen Volk und Partei?

AG: Seit 1978 war der gemeinsame Nenner, dass es den Leuten von Jahr zu Jahr deutlich besser ging und im Gegenzug protestierte die große Mehrheit der Leute nicht. Man hatte sich eingefügt. Mit dem Hintergedanken, dass es für den wirtschaftlichen Aufwärtstrend keine Garantie gäbe, reicht es Xi Jinping nicht, dass die Leute unpolitisch sind. Denn der Nationalismus soll gerade über mögliche wirtschaftliche Schwächen hinweg miteinander verbinden. Xi Jinping möchte, dass die Leute wieder gläubig mit dabei sind.


RW: Wie guckt Xi Jinping auf Europa?

AG: Er geht davon aus, dass der Westen, vor allem die USA, die Hegemonie über die Welt gehabt haben. Diese hat China brechen können, und mittlerweile geht es nicht mehr um Augenhöhe. China versucht andere Länder in einer Abhängigkeit zu halten um diese nicht gegen chinesische Interessen laufen zu lassen. Ganz konkret sah man das bei der Vergabe des Friedensnobelpreises. Anschließend wurden weniger Waren aus Norwegen gekauft. Als aus Australien Kritik an China kam, kauften die Chinesen keine Kohle mehr als Australien. Unter Deng Xiaoping hat sich China international zurückgehalten. Das hatte sich jetzt geändert. China möchte diktieren.


RW: Was sollte man gelesen haben um das gegenwärtige China zu verstehen?



Adrian Geiges' Lesenempfehlungen:

Stefan Aust, Adrian Geiges: Xi Jinping. Der mächtigste Mann der Welt 288 Seiten, 22 Euro

Jung Chang: Wilde Schwäne. Die Frauen meiner Familie. Eine Geschichte aus China im 20. Jahrhundert 752 Seiten, 12,99 Euro

Jung Chang. Jon Halliday: Mao. Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes 974 Seiten, 22 Euro

Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert 336 Seiten, 12 Euro

Kai Strittmatter: Gebrauchsanweisung für China 272 Seiten, 10 Euro

Hong Ying: Tochter des großen Stromes. Roman meines Lebens 315 Seiten, 19,90 Euro

Lianke Yan: Dem Volke dienen 229 Seiten, 10 Euro


Stefan Aust | Adrian Geiges | Ronald Wendorf

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen