Mittwoch, 23. Juni 2021

Best of Frühjahr 2021

Die besten Neuerscheinungen Belletristik des Frühjahrs und wichtige Themen des ersten Halbjahres 2021, zusammengestellt von Marcus Dahmke

Mit dem Juni ist das erste literarische Halbjahr schon wieder vorbei und in den Buchhandlungen beginnt die Vorbereitung für den Herbst. Aber jetzt ist noch Zeit, die vielen hervorragenden belletristischen Texte Revue passieren zu lassen, die die deutschsprachigen Verlage im Laufe der letzten sechs Monate veröffentlicht haben. Und wie so häufig lassen sich einige (vor allem thematische) Trends feststellen. Natürlich gibt es Überschneidungen, andere Leser und Leserinnen würden sehr wahrscheinlich andere Themengruppen und andere Lektüren wählen. Diese Übersicht ließe sich ohne Weiteres kürzen oder ergänzen.

Letzten Endes entscheiden immer Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, was Sie mit diesem Blogbeitrag anfangen wollen, ob dieser Sie inspirieren wird, Sie neugierig macht (hoffentlich) oder ob er Sie aufgrund der Auswahl oder aus anderen Gründen irritiert zurücklässt (hoffentlich nicht). Eines sei noch der Vollständigkeit halber gesagt: alle Bücher sind von uns als Felix-Jud-Team als „besonders empfehlenswert“ im Bereich „Belletristik“ eingestuft worden, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Keine Berücksichtigung haben in dieser Zusammenstellung Neuübersetzungen von Klassikern gefunden (auch wenn diese so modern daherkommen wie James Baldwin und Tove Ditlevsen, die wir natürlich auch sehr empfehlen möchten!).


Erzählungen aus aller Welt

Corona hat dafür gesorgt, dass entweder epische Werke hervorgeholt worden sind - von Proust war häufig die Rede - aber die Liebe zu den kleinen feinen Texten, die man nach einem anstrengenden Tag vor dem PC, an dem die Konzentration langsam aber sicher nachlässt, hervorholen kann, ist ungebrochen.

Haruki Murakami: Erste Person Singular (Dumont)

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami erzählt vom Menschen – und vom Affen! Dem Ich, in seiner ganz eigenen Art und Weise. Man lernt das Alleinsein zu schätzen in diesen melancholisch-nachdenklichen Texten, die mit altbekannten Themen spielen: Musik, Baseball und ... Literatur. Und freuen auch Sie sich schon auf das Buch über Murakamis Lieblings-T-Shirts, das im Herbst erscheinen wird?!

Carlos Ruiz Záfon: Der Friedhof der vergessenen Bücher (S. Fischer)

Das letzte Buch des 2020 verstorbenen Carlos Ruiz Záfon ist eine Sammlung von Erzählungen. Noch einmal geht es nach Barcelona zum Friedhof der vergessenen Bücher in mystischen, fantastischen, historischen und kriminellen Geschichten, die vor Lebendigkeit sprühen. Ein Wiedersehen mit alten Freunden. Nur manchmal nah an kitschigen Tönen.


Familie und/oder Individuum

Familienbande waren weltweit in letzter Zeit besonders gefragt, in der Literatur spiegelt sich das Bedürfnis nach gemeinsamer Wärme oder auch dem Zerwürfnis von Bekannten ebenfalls in einigen Romanen wider. Häufig geht es aber auch hier um die Freiheit und Einzigartigkeit des Individuums.

Buwalda: Otmars Söhne (Rowohlt)

Peter Buwalda lässt im ersten Teil seiner Trilogie einen Sohn seinen vermeintlichen Vater finden, obwohl dieser gar nicht nach ihm gesucht hat. Damit liegt Pulverdampf in der Luft.

Goldblum: Eine ganze Welt (Hoffmann und Campe)

In Goldie Goldblums Roman muckt eine schwangere Großmutter im New Yorker jüdisch-orthodoxen Milieu gegen die Beschränkungen ihrer Gemeinde.

Annalena McAfee: Blütenschatten (Diogenes)

Eine Londoner Künstlerin plant ihren internationalen Durchbruch: mit einer Blumeninstallation. Nicht innovativ genug? Ein junger Kunststudent mischt das eingespielte Team um Eve auf.

Kracht: Eurotrash (Kiepenheuer und Witsch)

In eine ganz besondere Mutter-Sohn Geschichte nimmt uns Christian Kracht hier mit. Auf einen Roadtrip durch die Schweiz, in der die Grenzen zwischen Realität und Literatur zu verschwimmen scheinen.


Identität

Identität war bereits DAS Thema im letzten Jahr (und in den Jahren zuvor?!). Auch im Frühjahr 2021 sind spannende und teils sehr literarische Titel über den eigenen Platz in der Welt erschienen, über Eigen- und Fremdzuschreibungen, Vorurteile ... Wie divers ist die Welt heute? Wie sah es vor Jahren und Jahrzehnten aus?

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc. (Tropen)

Als schwarze, lesbische Dramatikerin hatte es Amma lange sehr schwer in Londons Theaterszene und jetzt erscheint auch noch ein provokantes Stück. Eine von vielen Lebensgeschichten, die Evaristo in experimenteller Form dem Leser, der Leserin präsentiert.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum (S. Fischer)

Ada lebt nicht in einer Zeit, in einem Raum, sondern in vielen. Sie kämpft als Frau um Anerkennung, trägt an ihren guten wie auch schlechten Erfahrungen und zeigt manchmal offen, manchmal versteckt, wer sie ist und was sie sein möchte.

 

Tier, Mensch, künstliches Wesen

Der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse greift das Thema bereits auf: der Mensch stammt vom Tier ab. Wie aber wird die Wechselbeziehung von Tier und Mensch in der Belletristik 2021 beschrieben? Und wie sieht es in der Zukunft aus? 

T. C. Boyle: Sprich mit mir (Hanser)

Wie sehr ist der Mensch Affe, haben Tiere Seelen, einen Geist? Hier werden Grenzen ganz neu verhandelt, hier scheinen die zunächst scharf geschnittenen Unterschiede sich mehr und mehr aufzulösen. Ein bahnbrechendes (literarisches) Experiment!

Sylvain Tesson: Der Schneeleopard (Rowohlt)

Der Schneeleopard. Ausgestorben?! Nein, ein Tier soll noch in Tibet leben, nach langer Annäherung sei es zu erreichen, erhofft sich Munier in Sylvain Tessons Roman. Was für Entbehrungen muss der Mensch in Kauf nehmen, um sich dem Tier zu nähern? Und auf welche Art und Weise tut er dies?

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne (Blessing)

Der Literaturnobelpreisträger blickt mit den Augen der Künstlichen Freundin (KF) Klara auf eine uns in vielem bekannte Welt. Können Roboter fühlen? Ein nachdenklich machendes Buch über unseren Umgang mit dem Leben, und den Menschen, die uns umgeben.

 

Besondere Empfehlungen

Nichts für schwache Nerven und nur schwer zu ertragen, aber großartig sind die Romane von Ian McGuire: Der Abstinent und der Kriegsheimkehrerroman von Robin Robertson: Wie man langsamer verliert. Eine Honorable Mention im Napoleon-Jahr möchte ich noch aussprechen: Garde: Der gefangene König (C. H. Beck).


Auch wenn wir die früheren Romane von Otessa Moshfegh und Christoph Ransmayr lieben, haben es die neuen leider dieses Mal nicht auf die Liste geschafft. Warum? Sprechen Sie uns gerne an und fragen nach!

Dienstag, 22. Juni 2021

Die letzten Tage mit Scott und Zelda

Marcus Dahmke rezensiert Beautiful Fools von R. Clifton Spargo, erschienen bei Ebersbach & Simon, und anderes aus dem Fitzgerald-Kosmos.

Zelda und F. Scott Fitzgerald; dem ,literarischen' Lebensweg dieses Glamourpaars der Roaring Twenties in Amerika ist nun ein – abschließendes?! - Kapitel hinzugefügt worden: R. Clifton Spargo schreibt vom letzten gemeinsamen Ausflug und dem Versuch eines Neuanfangs in der Fremde. Damit spielt der Roman ein paar Jahre nach den Ereignissen, die Joséphine Nicolas in Tage mit Gatsby - Produkt (buchkatalog.de) schildert.


Vom einstigen Vorzeigepaar, das man noch auf einem humorvoll-skurrilen Roadtrip entlang der Ostküste der USA in Die Straße der Pfirsiche - Produkt (buchkatalog.de) kennenlernen durfte, ist nur noch wenig geblieben. Seit den Nervenzusammenbrüchen in den 30er Jahren verbringt Zelda längere Zeit in unterschiedlichen Nervenkliniken (und schreibt an ihrem Roman Ein Walzer für mich - Produkt (buchkatalog.de)). Der einst so erfolgreiche und bekannte Stern am literarischen Himmel, Autor von Der große Gatsby - Produkt (buchkatalog.de): F. Scott Fitzgerald, verlischt zusehends. Verunsichert und alkoholsüchtig taumelt er durch die Great Depression der Börsencrashzeit. Egozentrik, ein beidseitig geführter Konkurrenzkampf und die Hoffnung auf Anerkennung - eine zermürbende Hassliebe - kennzeichnet das Zusammenleben im Folgenden (nachzuhören im Eheprotokoll von 1933 in: Wir waren furchtbar gute Schauspieler, 2 Audio-CDs - Produkt (buchkatalog.de)).

Vom Publikum abgestoßen, seinen Süchten verfallen und mit hohen Schulden im Gepäck zieht sich Scott aus dem öffentlichen Leben zurück. Im Schatten des Ruhms, in der Nähe der großen Filmstätten Hollywoods, beginnt er wieder zu schreiben: Erzählungen und Drehbücher für MGM (Für dich würde ich sterben - Produkt (buchkatalog.de)).

Ende der 30er Jahre, wenige Monate vor dem Tod von F. Scott Fitzgerald durch zwei Herzinfarkte, setzt der Roman Beautiful Fools - Produkt (buchkatalog.de) von R. Clifton Spargo ein. Erzählt wird von der Kuba-Reise des Ehepaars im Jahr 1939, aus der Sicht eines Erzählers, der sowohl Scotts als auch Zeldas Lebenswelt abbildet. Der Ton ist bewusst melancholisch gehalten, schwankend wie die Stimmungen der beiden Hauptprotagonisten, zwischenzeitlich aber durchaus Distanz vermittelnd.

Für Neulinge der Fitzgerald Welt bietet die deutsche Ausgabe leider weder Vor- noch Nachwort zum Lebensweg des Ehepaars. So können Anspielungen zu Scribners bzw. Max Perkins, bei dem nicht nur Scotts Bücher mehrheitlich erschienen sind, sondern auch Zeldas zerstückelt herausgegebener Roman Ein Walzer für mich, nicht unbedingt zur Fülle ausgekostet werden; aber später - bei Bedarf - nachrecherchiert werden,

Auch in die zerrütteten Lebenswelten wird man abgesehen von einer Einführung, die Anfang der 1930er Jahre spielt, recht unvermittelt hineingeworfen.

Stark ist der Roman in seinen anspielungsreichen Details: Scotts Beziehung zu Sheilah Graham, das „Phantom“ Hemingway, der als Person zwar nie selbst auftritt, sich aber in vielen Gedankengängen von Scott und Zelda wiederfindet, ein sagenumwobenes Notizbuch.

Ein Begegnen und Entfremden der Protagonisten findet in zahllosen Wiederholungen und in unterschiedlichen Situationen statt. Unterschiedliche Gefühlslagen werden ausdifferenziert, die viel zitierte Hassliebe ist omnipräsent. Eine gute Ergänzung für Liebhaber und Liebhaberinnen.

Tage mit Zelda und Scott

Sie waren vielleicht DAS Paar der Roaring Twenties: F. Scott und Zelda Fitzgerald! Marcus Dahmke spricht mit der Autorin Joséphine Nicolas über ihren Roman Tage mit Gatsby, erschienen im Dumont Buchverlag. 

Joséphine Nicolas ©MinaMassias

Dahmke: Liebe Joséphine Nicolas, F. Scott und Zelda Fitzgerald! Was fasziniert Sie an diesen beiden Charakteren?

Nicolas: In der Tat scheint das enorme Faszinationspotential der Fitzgeralds auch nach einhundert Jahren ungebrochen. Sie betörten die High Society New Yorks, tanzten durch die Prohibition, badeten nachts in Springbrunnen. Glamour, Skandale, Schlagzeilen - Zelda und Scott waren Meister der Selbstinszenierung, waren besonders, und selbstverständlich wussten sie um dieses Attribut. Wer könnte sich dem arroganten Charme ihrer Jugend entziehen? Die turbulenten Roaring Twenties galten den beiden als ideale Bühne, das Paar rückte sich stets neu ins Rampenlicht, um dem eigenen Mythos weiteren Glanz zu verleihen.

Doch es sind ihre kaleidoskopischen Charaktere, die für mich von Interesse sind, die mich überhaupt zu einer Recherche veranlassten. Hinter der rebellischen Fassade finden sich verletzliche Eigenschaften; sensible Menschen, denen die sich auflösende Grenzen zwischen Realität und Fiktion zum tragischen Verhängnis wurde.

Dahmke: Der große Gatsby ist zum zeitlosen Klassiker geworden und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Warum übt genau dieser Roman von F. Scott Fitzgerald eine so große Sogkraft auf das Lesepublikum aus?

Nicolas: Interessanterweise hat sich dieser Sog erst nach Scotts Tod in den Vierzigerjahren entwickelt; tatsächlich war das Buch nach Erscheinen 1925 trotz guter Kritiken ein Flop.

Weitaus eindringlicher als seine beiden vorangegangenen Romane verkörpert der ‚Gatsby‘ das Sinnbild der Epoche des Jazz Age. Der Text ist geprägt von raschen, an Filmsequenzen erinnernde Szenewechseln, damals ein stilistisches Novum. Er steckt voller Symbolik und Vieldeutigkeiten, entzieht sich an manchen Stellen gar einer eindeutigen Auslegung, so dass er fast mystisch anmutet und Raum für Interpretationen bietet. Mich fasziniert der virtuose Sprach- und Erzählstil des Autors; wie bei vielen anderen Leser und Leserinnen wohl auch, ist es die poetische Verdichtung der Prosa, die mich in den Bann zieht. Wenngleich Scott anfangs den Titel und das Cover für den Misserfolg verantwortlich machte, war es neben dem Fehlen einer zentralen Frauenfigur übrigens genau jene Kürze, die ihm zum kommerziellen Verhängnis wurde. Zwischen den mondänen Buchdeckeln findet sich auf nicht einmal zweihundert Seiten eine Geschichte, die erst spät ihren Zauber entfalten sollte.

Dahmke: In Ihrem jüngst bei DuMont erschienenen Roman erzählen Sie aus Zeldas Sicht die Geschichte des einen Sommers, in dem Der große Gatsby entstanden ist. Wie dicht kann man den Sommer mit Fakten rekonstruieren und wie viel muss Fiktion bleiben?

Nicolas: Es war mir ein großes Anliegen, Tage mit Gatsby so authentisch wie möglich an die reale Geschichte heranzuführen. Während meiner einjährigen Recherche habe ich mich intensiv mit der Materie beschäftigt und auch sämtliche Schauplätze aufgesucht, ein wichtiges Kriterium, um ein Gespür für Stimmungen, für Geräusche und Gerüche unterschiedlicher Orte zu erhalten. Eine perfekte Grundlage waren die Texte der Fitzgeralds; nur wenige Literaten haben Leben und Wirken derartig eng miteinander verwoben wie die beiden. Ihre Romane und Erzählungen lesen sich an vielen Stellen wie autobiografische Gesellschaftsporträts, die häufig von erschütternder Intimität geprägt sind. Darüber hinaus schaffen Tagebücher, Notizen und vielfältige Erinnerungen ihrer Zeitgenossen ein atmosphärisch dichtes Bild jener Jahre. Das Material bietet also eine fantastische Bandbreite, so dass es keines erfundenen Plots bedarf. Und doch habe ich Ungereimtheiten entdeckt, die mir als Autorin die Möglichkeit gaben, unbestreitbare Fakten mit jener Dramaturgie zu versehen, die literarische Figuren zum Leben erwecken. Tage mit Gatsby ist eine Collage aus Fakten und Fiktion mit fließend gestalteten Übergängen.

Dahmke: „Das Beruhigende ist, dass es viele Wahrheiten gibt“, zitieren Sie mehrmals während der Geschichte. Oder in Scotts Worten: “Sometimes I don’t know whether Zelda and I are real or whether we are characters in one of my novels.” Die fiktive Welt scheint sich (nicht nur in Scotts Romanen) mit der realen zu vermischen.

Nicolas: Lange Jahre haben sich die Fitzgeralds nicht an der Verschmelzung ihrer Welten gestört, ganz im Gegenteil, sie liebten die Inszenierung, den Rollenwechsel, das Spiel mit den Erwartungen einer begeisterten Leserschaft. Erst als Zelda mit ernsthafter Ambition eine eigene Karriere anstrebte, bekam das Leben der beiden Risse, aus denen Neid, Missgunst und Geltungsdrang hervorquollen.

©josephinenicolasschreibt_instagram

Dahmke: Apropos Zelda: Wie ausschlaggebend war sie bei der Entstehung der Texte? Was für Kämpfe musste sie austragen, um anerkannt zu werden: als Frau, als Schriftstellerin?

Nicolas: Zweifelsohne ist Zeldas Einfluss auf das Werk ihres Mannes unschätzbar hoch. Sie war seine Liebe, seine wichtigste Ansprechpartnerin. Als charismatische Muse -  geistreich, kritisch und belesen - inspirierte sie zu immer neuen Romanheldinnen. Auch wenn Scott sich ihrer Liebesbriefe und Tagebücher bediente, seinen Namen unter ihre Geschichten setzte und Zelda höchstens als Koautorin in Erscheinung trat, wird allgemein angenommen, dass Zelda hauptsächlich an den Überarbeitungen der Romane ihres Mannes beteiligt gewesen war. Die traurige Wahrheit ist, dass Zelda Zeit ihres Lebens nicht die Anerkennung bekam, die sie sich gewünscht hatte. Weder als Autorin noch als Tänzerin oder Malerin. Dabei versuchte sie auf vielen Wegen für ihre Talente wahrgenommen zu werden und finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Scott wusste die Ambitionen seiner Frau zu verhindern. Der Rosenkrieg des Paares kulminierte in jenen Jahren, als Zelda während eines Psychiatrieaufenthaltes einen Roman schrieb, der in Teilen das Material von Scotts ‚Zärtlich ist die Nacht‘ vorwegnahm.

Dahmke: Ein Walzer für mich.

Nicolas: Genau. Auch nach Scotts Tod 1940 blieb sie lange Jahre lediglich die Ehefrau des berühmten Schriftstellers, was daran gelegen haben mag, dass das Paar während der Roaring Twenties beinahe ausschließlich mit sich selbst beschäftigt war. Anfang der Siebzigerjahre ist es der Biografin Nancy Milford gelungen, sie aus dem Schattendasein zu befreien und als eigenständige Persönlichkeit in der Gesellschaft zu positionieren. Milford bezeichnete Zelda als Symbol einer vereitelten Künstlerin.

Dahmke: F. Scott Fitzgerald wird seiner Trinksucht verfallen und abgeschieden in Hollywood landen, Zelda von Nervenzusammenbrüchen ihr restliches Leben fristen. Was wird von den Fitzgeralds in Erinnerung bleiben? Das glamouröse Paar der Goldenen Zwanziger oder der langsame psychische und körperliche Verfall, eher die Schattenseite ihres einstigen Daseins?

Nicolas: Das ist eine sehr spannende Frage. Die Antwort dürfte die unterschiedlichsten Meinungen hervorrufen, möglicherweise richtet sie sich nach der Intensität der Beschäftigung mit der Materie. Ich denke, die Fitzgeralds haben mit ihrem Lebensstil einen großen Anteil zu unserem heutigen Bild der Zwanzigerjahre beigetragen. Party, Rausch, Glamour. Ihr Name transportiert nach wie vor das Gefühl des unbändigen Lebenshungers jener Zeit, den Willen zum Ausprobieren und Überschreiten jeglicher Grenzen, diesen unglaublichen Freiheitsdrang.

Idealerweise kennt man die vollständige Biografie der beiden, weiß um ihre leisen Anfänge, die anrührenden Liebesbriefe, die sie sich schrieben. Spannt den Bogen über die Roaring Twenties, die tumultartigen Streitgkeiten Anfang der Dreißiger, schließlich die Krankheit Zeldas, die in der damaligen Zeit erschütternden Behandlungsmethoden unterlag. Weiß um die  Krankheit Scotts. Das Paar stand vor der Hoffnungslosigkeit, vor dem absoluten Nichts,  und gab doch nicht auf. Das bezeugen die Liebesbriefe, die zu schreiben sie wenige Jahre vor Scotts Tod wieder aufnahmen. Obwohl er in Hollywood längst mit einer anderen Frau liiert war, erlosch die Liebe der Fitzgeralds nie ganz. Sie waren nicht mehr das romantische Paar von einst, doch die Zeilen sind voller Zärtlichkeit. Und vielleicht ist es genau diese Verbundenheit, die Zelda und Scott der Nachwelt hinterlassen wollten …  

Dahmke: Was für schöne abschließende Worte! Vielen Dank, liebe Joséphine Nicolas!

Nicolas: Es war mir eine Ehre, Herr Dahmke! Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Interview.

 

Den Roman von Joséphine Nicolas können Sie bequem über den Felix Jud Webshop bestellen Tage mit Gatsby - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen.

 

Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf die Instagram-Seite von Joséphine Nicolas:

@joséphinenicolasschreibt

Dienstag, 25. Mai 2021

Annalena McAfees dritter Roman: Blütenschatten

Annalena McAfee neuer Roman Blütenschatten ist gerade bei Diogenes erschienen. Marcus Dahmke rezensiert:


Annalena McAfee dürfte im deutschsprachigen Raum, auch wenn Sie bereits mit Zeilenkrieg und Zurück nach Fascaray zwei Romane vorgelegt hat, (noch) recht unbekannt sein. Das ändert sich hoffentlich spätestens jetzt! Die in London geborene Autorin, ehemalige Feuilletonredakteurin bei der "Financial Times" und Gründerin der Kunst- und Literaturbeilage des "Guardian", hat nun ihren dritten Roman vorgelegt.

Foto: © Ollie Grove

Spielt ihr Debüt Zeilenkrieg im journalistischen Milieu und setzt sich mit dem Aufeinanderprallen von zwei unterschiedlichen Generationen und Typen von Journalistinnen auseinander, begibt sich McAfee nun literarisch in den nicht minder von Konkurrenzkampf und Erfolgsdruck gezeichneten Kunstbetrieb. 

Die Protagonistin von Blütenschatten, die Künstlerin Eve Laing, irrt durch das nächtliche London. Erinnerungen beherrschen ihre Gedankenwelt. Immer wieder wird die Rahmenhandlung unterbrochen, um Szenen aus der Vergangenheit zu zeigen: Eves Werdegang, eine wilde Jugend, der künstlerische Aufstieg, begleitet von kleineren und größeren Skandalen und Affären, ihre Ehe erscheint in Eves Augen trostlos und fad, geprägt durch Routinen und eine beidseitig einnehmende Arbeit.

Ein größerer Auftrag bietet der verkannten Künstlerin nun die Chance, sich in der modernen, in vielfacher Hinsicht kompromisslosen und durch die mediale Aufbereitung mehr und mehr beeinflussten Kunstwelt zu beweisen und Anerkennung zu finden. In ihrem Atelier im Osten Londons bereitet sie eine Installation vor: Ölbilder, die Nachtschattengewächse in einer vermeintlich idyllischen Bergwelt zeigen, filmische Frequenzen, die in Dauerschleife das Leben der Blumen vom Verwelken bis zum Keimen festhalten, und in Glaskästen schwebenden Pflanzen. Es soll ihr Meisterwerk werden. 

Mit einer kleinen eingeschworenen Gruppe aus Künstlerinnen und Künstlern stemmt sie sich dem Zeitdruck, bestimmt durch Händler und Galerien, entgegen. Mitglied dieser Gruppe ist ein junger Kunststudent, Luka, viele Jahre jünger als Eve, mit dem sie eine Affäre anfängt. Aber ist diese Liebesbeziehung glückbringend und belebend für das Projekt oder ist es doch eine Affäre zu viel im Leben?  



Annalena McAfee hat eine Protagonistin erschaffen, die einem – als ganz subjektivem Leser – zutiefst zuwider ist, so nazistisch und verantwortungslos sie in ihrer Art, vor allem im Umgang mit anderen Menschen, daherkommt. Ein Leben, das geprägt ist von Neid und Missgunst. Je tiefer man in Eves Erinnerungen vordringt, je mehr Affären und abstruse Geschichten sich dem Leser offenbaren, desto ambivalenter erscheint einem aber auf einmal die Protagonistin. Oder doch nicht? ... Ein Leben ohne Rücksicht auf Verluste? Oder Schachfigur in einem Intrigenspiel?

Blütenschatten ist ein Text voller Dämonen (eigenen und fremden), ein Spiel mit Licht und Schatten, ein literarisches und psychologisches Manipulationsspiel erster Güte.


Ein kleiner aber – wie ich finde – lohnender Ausflug in die Botanik: Nightshades, wie das Buch im englischen Original heißt, oder auch Nachtschattengewächse (Solanaceae), charakteristisch durch fünfzählige Blüten mit verwachsenen Kelchblättern, verströmen in der Nacht einen betörenden Geruch. Sie dienen als Nahrung und Zierpflanzen und können in der Medizin u.a. als Rauschmittel verwendet werden. In geringen Dosen haben einige Nachtschattengewächse zwar eine schmerzlindernde (tröstende) Wirkung, die meisten Früchte und Blätter dieser Pflanzenfamilie sind allerdings giftig!

Den neuen Roman von Annalena McAfee können Sie bequem über den Felix-Jud-Webshop bestellen Blütenschatten - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen. 

Mittwoch, 19. Mai 2021

Bibliothek Deutscher Klassiker

Über einen instagram-Deal zweier Antiquare

„Als die Postmoderne regierte, gründete Siegfried Unseld den Deutschen Klassiker Verlag, der die gesamte klassische Literatur unseres Sprachraums in höchsten Ansprüchen genügenden Ausgaben verfügbar macht.“ Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Nicht nur Leser und Kunden informieren sich immer mehr auf den Social-Media-Kanälen über Bücher und Autoren, sondern auch der eine oder andere Antiquar legt an langen Corona-Abenden den Wiegendruck einmal (natürlich nur kurz) zur Seite und lässt sich von der schwerelosen Welt der bunten instagram-Bilder ablenken. Aber bevorzugt schaut man sich dann eben doch die inhaltsvollen Postings und Stories der buchliebenden Kolleginnen und Kollegen an. Zu einem Handel kam es dabei jüngst zwischen Michael Solder (Münster) und Robert Eberhardt (Felix Jud Hamburg). Im Chat kam man auf die „Bibliothek Deutscher Klassiker“ zu sprechen, die Michael Solder in Münster fand und den Kollegen in Hamburg darauf ganz wild machte. 

Michael Solder (links) und Robert Eberhardt (rechts)
Michael Solder und Robert Eberhardt

Dieser fragte sogleich seine zwei Kolleginnen Marina Krauth und Annegret Schult, die seit Jahrzehnten als Buchhändlerinnen bei Felix Jud wirken, wie sie die Chancen für solch eine, mehr als 200 Einzelbände umfassende komplette Sammlung einschätzen. Es war rasch klar: diese Sammlung muss nach Hamburg! Denn als geschlossene, alle Bände umfassende Zusammenstellung hatte man die "Bibliothek Deutscher Klassiker" bisher nur einmal im Haus. Zudem intensiviert man zur Zeit das Kuratieren ganzer Bibliotheken und daher ist eine solche Sammlung mehr als willkommen. 

Gesagt, getan. Michael Solder setzte sich in sein Auto und eine Maske auf und kam in den Genuss einer kleinen Dienstreise. Ein bisschen Möwengeschrei und maritimes Feeling in diesen reiselosen Zeiten... Sein portugiesisches Essen to go bekam der reisende Antiquar vom Restaurant sogar in echten Töpfen mit aufs Hotelzimmer. Da sage mal einer, auf einer Corona-Reise könne man nichts erleben...

 

Zurück zur „Bibliothek Deutscher Klassiker": Die Übergabe geschah in freudiger Stimmung an einem Montagmorgen. In acht Chiquita-Bannanen-Kartons verstaute Michael Solder seinen Schatz. Im Grunde bestätigte man sich eine halbe Stunde nur darin, dass jeder Anwesende die acht Kisten voll des „deutschensprachigen Geistes“ eigentlich selbst besitzen möchte… Nur wie bezahlen? Das Schicksal des Buchhändlers und Antiquars bleibt das Gehenlassen des Geliebten...


201 Einzelbände umfasst die Bibliothek


Mit der Anlieferung der kompletten Bibliothek schließt sich auch ein Kreis. Denn als Siegfried Unseld Mitte der 1980er Jahre durch Deutschland tourte und die Buchhändler des Landes für sein Projekt begeisterte, besuchte er auch Wilfried Weber, damaliger und langjähriger Inhaber der „Hamburger Bücherstube“, wie "Felix Jud & Co" sich damals noch ganz gemütlich nannte. Von literarischer Inbrunst bebende Verleger bei ebensolchen Buchhändlern… hach ja, das war 1985. Unseld schrieb in seinen Reiseberichten, die in Auswahl 2020 erschienen, auch über seine „Promotour“ nach Hamburg: 

 

„Flug nach Hamburg via München. Im Flugzeug Claus Peymann. Da war plötzlich Peymann wieder auf meiner Seite. Wie könne man Bernhard bewegen, daß er mit ihm, Peymann, kooperiere? Freilich sei es ja gut, wenn keine andere österreichische Bühne Bernhard spielen könnte, aber er müsse frei darüber verfügen. 


Hamburg 

In der Reihe der Nobel-Hotels, die sich der Klassiker-Verlag für die Abendessen mit den Buchhändlern ausgesucht hatte, fügte sich das Atlantic gut ein; freilich, diesmal war das Hotel für die teilnehmenden Buchhändler wirklich richtig. Es waren nicht - wie im Berliner Kempinski - Jungbuchhändlerinnen, sondern wirklich die prominenten Leute des Buchgeschäfts anwesend. Und die waren sehr angetan von der Bibliothek und ihrer Präsentation.


Albrecht Schöne hielt einen sehr guten Vortrag über die Genesis der Zeile von „auf eigenem Grund und Boden stehen“ bis hin „auf freiem Grund mit freiem Volke stehen“.


Am nächsten Morgen Besuch bei den Buchhandlungen Saucke und Jud. Mit Herrn Weber habe ich eine besondere Aktion für das Evangeliar besprochen. Seine Überlegung ist, sofortiger Werbebeginn für die Subskription bei der ersten Ausstellung im August in Braunschweig. Für die Werbung braucht er zumindest eine Doppelseite. Dann: bei Veranstaltungen im kleinen Kreis von Interessierten müsse ein Blindband vorliegen. Bei der Subskriptionsbestellung wäre eine Zahlung von DM 5000,- erforderlich. Herr Weber wird sich weiter „Gedanken“ machen.“


(Siegfried Unseld: Reiseberichte. Herausgegeben von Raimund Fellinger, Suhrkamp, 2020, S. 206f)

Siegfried Unseld später zu Besuch bei uns, 75. Firmenjubiläum, 1998. Auf dem Foto von links: Gottfried Honnefelder, Günther Christiansen, Marina Krauth, Wilfried Weber, Siegfried Unseld.


Ein neues Handelsmedium, das uns eine so wertvolle Bibliothek ins Haus brachte - wir sagen "Danke instagram!".


Die Bibliothek Deutscher Klassiker ist bei uns erhältlich. Hier mehr erfahren.


Samstag, 3. April 2021

Über Genrefragen, Erinnerung und die Edelbauer'sche Übertreibung. Im Gespräch mit Raphaela Edelbauer

In einer riesigen Forschungsanlage wird die Superintelligenz „Dave“ entwickelt. Der Programmierer Syz ist einer von vielen, die sich Tag für Tag abrackern, um ihren Teil zum Gelingen dieses großangelegten Projekts beizusteuern. Ob es gelingen kann, eine Maschine mit menschlichem Bewusstsein auszustatten? Davon und von vielem mehr erzählt Raphaela Edelbauer in ihrem neuen Roman Dave, erschienen bei Klett-Cotta. Marcus Dahmke hat mit Ihr gesprochen.


Dahmke: Liebe Frau Edelbauer, was meinen Sie? Ist Künstliche Intelligenz ein Thema der Zukunft oder doch der Gegenwart?

Edelbauer: Ich denke, dass man in der Gegenwart bereits mehr oder weniger gut Tendenzen ablesen kann, die in der Zukunft geschehen werden. Wenn man gesellschaftspolitisch zu schreiben gewillt ist, sollte man auf der einen Seite zur Lebenswirklichkeit Bezug nehmen, auf der anderen Seite sollte man etwas skizzieren, das ein gewisses Potenzial hat in einigen Jahrzehnten noch relevant zu sein. Zumindest verstehe ich es so für die Texte, die ich mache.

Dahmke: Warum ist die Entwicklung von Dave so wichtig für die Menschheit? Und warum steht Syz, die Hauptperson Ihres Romans, dem Ganzen eher skeptisch gegenüber?

Edelbauer: Nunja, zunächst steht Syz dem Ganzen überhaupt nicht skeptisch gegenüber. Er ist ein typisches Kind seines Labors. Er glaubt an Dave und die verheißenen Verbesserungen. Ich benutze bewusst nicht den Begriff Propaganda, weil ich finde, für Propaganda fehlt dem Ganzen die Lügenkomponente, die bewusste Manipulation klassischer Dystopien wie Orwells 1984, die Leute glauben einfach daran, dass Dave viele Probleme der Menschheit lösen wird, wobei man sich noch wenig darüber im Klaren ist, worin diese Probleme überhaupt bestehen.

Syz beginnt dem Ganzen skeptisch gegenüberzustehen zunächst einmal aus einem persönlichen Grund. Nachdem es im Vorfelde immer wieder zu Abstürzen und zu teilweise sehr existenziellen Krisen in diesem Labor gekommen ist, wird nun Syz ausgewählt; als die Person, der Dave nachgebildet werden soll. Die sogenannte Personenhypothese besagt, dass es entscheidend sei, dass es ein reales Vorbild für solch eine Superintelligenz gibt. Auch wenn die KI über das menschliche Bewusstsein hinaussteigt, muss sie vom menschlichen ausgehen. Das ist der Grundgedanke. Syz beginnt sich in diesem Gedanken zu verlieren, kann man sagen. Dieses Unwohlsein könnte die Initialzündung für die Art Skepsis sein, die später erst theoretisch unterfüttert wird mit dem Gedankenmaterial seines Vorgängers.

Dahmke: Es gibt mehrere Gruppierungen innerhalb der Anlage, die Dave für ihre Zwecke nutzen wollen. Welche sind das und warum sind diese so abhängig von der Erschaffung eines künstlichen Bewusstseins?

Edelbauer: Die zwei Gruppierungen, die ich als Hauptparteien nenne, sind die Neoterraner und die Transhumanisten. Die eine Gruppe glaubt, man müsse von der Erde weg und andere Galaxien besiedeln – es ginge darum, die Intelligenz und das beseelte Leben von Planet zu Planet zu bringen – und die andere Gruppe meint, dass der Körper überwunden werden muss und dass man sich der Unsterblichkeit nähernd ein künstliches Bewusstsein hochladen solle. Warum diese so abhängig von der Erschaffung eines künstlichen Bewusstsein sind ... Sie sind eigentlich eher davon abhängig, dass im Labor sehr unreflektierte Heilsversprechen dominieren, könnte man sagen. Sie instrumentalisieren Heilsversprechen, die die Ängste der Menschen oder auch ein wenig die Orientierungslosigkeit der Menschen ausnutzen. Diese Form der Fortschrittsgläubigkeit, wie ich sie in Dave skizziere, hat viel damit zu tun, dass Religion weggefallen ist und kein entscheidender Formfaktor des modernen Lebens mehr ist und irgendwie ersetzt werden muss. Man kann das Transzendente nicht ausklammern aus der menschlichen Erfahrung.

Dahmke: Das Thema KI ist seit jeher mit einer Reihe von moralphilosophischen Fragen verbunden. Namhafte Science-Fiction Autoren haben sich mit diesen Fragen abgequält. Provokativ gesagt: Ist ihr Roman ein Science-Fiction Roman? Wenn nein, warum nicht?

Edelbauer: Das ist eine schwierige Frage, weil ich denke, dass Science-Fiction-Romane nicht prinzipiell von ihren Grundannahmen anders sind als normale Romane. Ich meine, was sind überhaupt „normale“ Romane?! Ist ein Roman ein Unterhaltungsroman, wenn er unterhaltend ist oder ist ein Roman ein Frauenroman, wenn er von Frauen gelesen wird?

Ich glaube, diese Genrebezeichnungen sind künstliche Strukturen, die wir uns errichten.

Was ich gerne anführe, ist, dass ich keine Technologien verwendet habe, die nicht heute schon denkbar sind. Das ist für mich ein relevanter Faktor. Gerade deswegen, weil ich den Roman zeitlich nicht genau platziere. (lacht) Ich komme mir schon selber ganz hängen geblieben vor, weil ich es immer wiederhole, aber es ist tatsächlich sehr schwierig über den Roman zu reden ohne die entscheidendsten Entwicklungen vorweg zu nehmen. Aber wenn man ihn so liest, wie ich ihn intendiert habe – was natürlich kein Zwang ist! – ist es möglich, dass der Roman nicht in der Zukunft spielt, ist es möglich, dass er jetzt spielt. Das habe ich über einen ganz massiven Plotttwist gelöst, der hier nicht verraten werden soll.

Dahmke: Erinnerung in Form einer erzählten, rekonstruierten Vergangenheit, spielt eine wichtige Rolle. Lieber in die Vergangenheit gucken, als über die Zukunft sinnieren?

Edelbauer: Auch eine sehr schwierige Frage, die man eigentlich nicht beantworten kann, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten... Erinnerung spielt eine größere Rolle als Vergangenheit. Erinnerung kann sein, wie wir uns in der Gegenwart unsere Identität chronologisch zurechtlegen. Zum Beispiel: es muss überhaupt nicht sein, dass, wie ich mich heutzutage an meine Kindheit erinnere, tatsächlich der Vergangenheit entspricht. Das ist ein sehr wichtiges Thema in diesem und in meinem ersten Roman Das flüssige Land, in dem es vorrangig ja auch um Vergangenheit und Geschichte geht. Der Mensch konstruiert immer die Vergangenheit. Und tja (lacht) Zukunft spielt eben auch keine so große Rolle! Ich denke, dass diese zwei Oppositionen nicht so entscheidend sind.

Dahmke: Sie haben Sprachkunst studiert und nehmen den Leser in ihren Texten gerne mal „auf den Arm“. Was ist die Edelbauer‘sche Übertreibung? Und warum sollte diese neben dem Begriff kafkaesk demnächst im Duden stehen?

Edelbauer (lacht): Auf der einen Seite aufgrund meines Egozentrismus. Nein, Spaß beiseite, ich bin nicht sonderlich narzisstisch veranlagt. Beispielsweise finde ich meine Bücher selber sehr imperfekt. Es gibt tausend Dinge, die ich schon kurz nach dem Druck wieder ändern würde. Nichtsdestotrotz glaube ich, ist eines der Dinge, die ich am besten beherrsche, eben diese Form der Übertreibung ist. Ich bevorzuge immer, wenn es eine Auswahl gibt zwischen verschiedenen Formulierungen, die extremste; diejenige, die die Realität bis an ihre Grenzen des gerade noch glaublichen ausreizt. Und das finde ich wahnsinnig lustig, aus sprachästhetischen und humoristischen Gründen. Außerdem weil die Welt absolut unfassbar ist. Schon, wenn wir sagen, wir nehmen nur die Fakten an und übertreiben gar nichts, ist das schon dermaßen übertrieben, ausgehend von dem Zustand, den man eigentlich erwarten würde. Ich glaube und hoffe, dass diese Form der Übertreibung eine tiefe Wahrheit enthält.

Dahmke: Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Edelbauer!


Hinweis: Die Antworten wurden vom Interviewer transkribiert und ggf. mit der Genehmigung der Autorin leicht für den Blog angepasst.  


Den neuen Roman von Raphaela Edelbauer können Sie bequem über den Felix Jud Online Shop bestellen DAVE - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen.

Samstag, 27. März 2021

Die Einheit der Welt

© UHH RZ, Mentz

Dahmke:
Liebe Frau Recki, in der schönen Reihe Fröhliche Wissenschaft, die bei Matthes und Seitz erscheint, ist ihr neuester Essay „Natur und Technik. Eine Komplikation“ erschienen. Von der Prometheus-Sage über Philosophen wie Rousseau und Kant und dem Universalgenie Leonardo Da Vinci schreiben Sie über ein sich stetig wandelndes und sich ausdifferenzierendes Natur- und Kulturverständnis. Rousseau meinte gar, dass die Kultur den Menschen weg von der Natur führen würde... Leben wir also in einer nur mehr vom Menschen geformten aber naturfernen Welt? Wie enggefasst ist unser „modernes“ Naturverständnis?

Recki: In der These, dass wir in einer vom Menschen völlig überformten Welt lebten, ja es gäbe vor lauter menschlichem Eingriff  gar keine Natur mehr, wird Natur so vorgestellt, als wäre sie ein Rohstoff, der sich in der Formung verbraucht, und dabei zugleich als ursprüngliche Güte und Wildnis, die man vor der menschlichen Berührung hätte schützen müssen. Die beiden Vorstellungen widersprechen einander nicht nur – sie drohen uns auch zu desensibilisieren gegenüber den vielfältigen Weisen, in denen mitten in der zivilisierten Welt die Natur weiterhin fortbesteht und wirkt. Da finde ich: das Verhältnis von Natur und Kultur hat ein achtsameres Denken verdient. Schließlich steht es im Zentrum des menschlichen Selbstverständnisses. In meinem Essay habe ich Station gemacht bei einer Handvoll markanter und prägender Positionen, die zum Nachdenken über diese Komplikation einladen – über den Menschen, zu dessen Natur es gehört, Kultur zu haben. Im Fokus steht das Erbe Rousseaus, das uns bis heute belastet. Laut Rousseau ist der Mensch von Natur aus gut – und es ist die Kultur, es ist mit anderen Worten sein eigenes Werk, das ihn verdirbt, indem es ihn von der Natur entfremdet. Der Gedanke ist gut gemeint, aber fatal selbstwidersprüchlich. Ich setze Kants spekulative Einsicht dagegen, dass der Mensch als Lebewesen mitsamt seiner Vernunft und Freiheit ein „Naturprodukt“ ist. 

Dahmke: Lässt sich der Dualismus „Natur – Kultur“, bzw. physis und thesis überwinden? Und wenn ja, wie?   

Recki: Dieser Dualismus soll uns ja die Welt und unsere Stellung in ihr durch eine gedankliche Konstruktion verständlich machen. Und er lässt sich zunächst auch nur dort auflösen: Im Denken. Dabei muss man  aber sehen, dass unser Handeln durchlässig ist für die Gedanken, die uns überzeugen. Ein solches Konstrukt ist deshalb nicht bloß ein Problem der Theorie, sondern zieht seine Praxis nach sich. Das heißt aber auch: Wenn wir uns zutrauen, ihm eine Alternative wie die der komplizierten Funktionseinheit entgegenzusetzen, kann es gelingen, unsere Wahrnehmung zu präzisieren und unsere Praxis daran zu orientieren. – Für das Thema meines Essays hat das eine besondere Pointe: Es ist eine andere Technik, ein anderer Umgang mit Technik denkbar, worin die ganzheitliche Überzeugung vom Verhältnis Natur-Kultur Gestalt annimmt und in die Gestaltung der Welt eingeht.

Dahmke: Natur und Kultur. Aber was hat die Technik und Leonardo Da Vinci mit beidem zu tun? Leben wir in einer Leonardo-Welt?

Recki: Was Kultur ist, wird in der Technik exemplarisch: Sie gilt als Extremfall dessen, was sich als `Menschenwerk´ von allem natürlich Gegebenen absetzt. Wie unter einem Brennglas kann man im Blick auf die Technik studieren, was Kultur, was ihr Nutzen und Nachteil für die Menschheit ist. In dem häufig beschworenen Gegensatz zur Natur wäre indessen Technik gar nicht möglich – sie funktioniert nur auf der Basis der Naturgesetze.

Und Leonardo? Sein Ingenium besteht darin, dass er Wissenschaft, Technik und Kunst zu einer Einheit gebracht hat – zur arbeitsteiligen Einheit wechselseitiger Steigerung produktiver Funktionen. In Leonardo verkörpert sich der neuzeitliche Entwicklungsschub, dem die abendländische Welt ihre Verfassung verdankt. Der Ausdruck „Leonardo-Welt“, den der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß geprägt hat, ist die Metapher für die spezifische Rationalität, die sich in unserer Kultur ausprägt. – Ja, und mir scheint die Diagnose, dass wir in einer Leonardo-Welt leben, weiterhin zutreffend – vorausgesetzt wir nehmen in den Begriff auch das Element auf, das Hans Blumenberg in seiner Würdigung Leonardos geltend gemacht hat: die politische Rationalität.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Frau Recki!


Birgit Recki: Natur und Technik. Eine Komplikation. DE NATURA VIII. Fröhliche Wissenschaft bei Matthes und Seitz Bd. 178. Entweder über unseren Webshop Natur und Technik. Eine Komplikation - Produkt (buchkatalog.de) oder vor Ort bei Felix Jud bestellen oder einfach abholen.


Dienstag, 23. März 2021

Welche Ausgabe darf es sein? Neuübersetzungen von Orwells Kultbuch 1984

Am 21.01.1950, nur wenige Monate nach der Erstveröffentlichung einer der heutzutage bekanntesten Texte des 20. Jahrhunderts, starb der englische Schriftsteller, Essayist und Journalist Eric Arthur Blair, der wohl eher unter dem Namen George Orwell hierzulande bekannt sein dürfte. Und jetzt 70 Jahre nach seinem Tod ist das gesetzliche Urheberrecht, das nach § 64 UrhG allgemein für Schriftwerke gilt, so auch für die Publizistik Orwells, erloschen. Was bedeutet das für den Buchmarkt? Durch den Stellenwert, den der dystopische Roman 1984 im literarischen Kanon immer noch hat, nutzen viele Verlage die „gesetzliche Chance“ diesen einflussreichen Text in ihr Portfolio, in ihr Verlagsprogramm, aufzunehmen.

Gab es in den letzten Jahren fast nur die Übersetzung von Michael Walter beim Ullstein Verlag in zwei unterschiedlichen Ausgaben, so ist man im Frühjahr 2021 nahezu überfordert von der Auswahl an Neuübersetzungen (mal mit, mal ohne Nachwort, mal gebunden, mal als Taschenbuch, mit und ohne Illustrationen usw.). Namhafte Verlage wie Manesse, Insel, dtv, Rowohlt und Reclam haben bereits Ende Januar/Anfang Februar ihre Ausgaben herausgebracht, es folgte noch die Neuübersetzung von Fischer im Februar bzw. März. Um einen kurzen Überblick zu geben, seien im Folgenden die sprachlichen und gestalterischen Besonderheiten ausgewählter Hardcover-Ausgaben vergleichend dargestellt.

1) Neuübersetzung bei Insel von Eike Schönfeld

Im Insel-Verlag erscheint nur Orwells 1984 und nicht „Farm der Tiere“. Übersetzt ist der Text von Eike Schönfeld, die bereits andere Klassiker aus dem 20. Jahrhundert für den Verlag ins Deutsche übertragen hat, z.B. Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray. Anders als bei Wilde ist diese Ausgabe aber rein auf die Geschichte fokussiert, es gibt weder Vor- noch Nachwort, keine Einordnung in heutige Verhältnisse, keinen Anhang und Annotationen. Die Übersetzung ist nicht so kurz und präzise wie andere, sondern etwas ausschweifender in den Satzkonstruktionen. Dafür schmeicheln sowohl Typografie als auch Satz dem Auge. Unter dem Umschlag gibt es eine Augen-Prägung auf dem Pappband, ein Lesebändchen findet man allerdings nicht. Für 20,- € kann man den Band erwerben.

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Schön gestalteter Band mit Prägedruck auf dem Pappband ohne viel Firlefanz an Sekundärtexten. Wer „nur“ eine Neuübersetzung haben möchte, greife zu. Liegt gut in der Hand.


2) Neuübersetzung bei dtv von Lutz-W. Wolff  


Lutz-W. Wolff hat die Neuübersetzung bei dtv besorgt, den man als Übersetzer von Fitzgerald und London kennt, gewohnt nah am Originaltext mit spannenden neuen Übertragungen ins Deutsche. Eine – wenn auch nur sehr kurze – Einordnung von Autor und Werk für den heutigen deutschen Leser gibt Robert Habeck. Diese Ausgabe glänzt allerdings durch Anmerkungen und einen chronologischen Lebenslauf von Orwell (Zeittafel). Anders als bei Insel hat der Deutsche Taschenbuch Verlag dem Band ein blaues Lesebändchen gegönnt, dafür fehlen Prägung als auch eine spannende Gestaltung unterhalb des auf die Zahl und ein Auge reduzierten Covers. Zudem lässt die Qualität des Umschlags und des Pappbandes im Vergleich zu den anderen genannten Ausgaben etwas zu Wünschen übrig, leider! Verlagsfrisch für 24,- € zu bekommen. „Farm der Tiere“ gibt es ebenfalls in einer ähnlichen Ausstattung.

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Gelungene Übersetzung, nah am Original, mit kurzem Nachwort aber einigen interessanten Annotationen und einer lesenswerten Tafel, leider – im Vergleich – qualitativ nicht ganz so hochwertig eingebunden, aber mit Lesebändchen.


3) Übersetzung bei Manesse von Gisbert Haefs   


Grell und bunt kommt die neue Ausgabe von 1984 bei Manesse daher. Man wundert sich zunächst über die Dicke dieses von Gisbert Haefs (Kipling, Thackeray, Jerome K. Jerome) übersetzten Bandes. Das liegt zum einen an der Seitenstärke, als auch an der angenehmen Schriftgröße, die der Manesse Verlag gewählt hat. Beides sorgt dafür, dass der Text um fast 50 Seiten länger ist als der von anderen. Die Übersetzung ist sehr zu empfehlen, präzise und modern gehalten, der Text bekommt damit eine sehr zeitgemäße Form. Famos ist überdies das umfangreiche Nachwort von Mirko Bonné, in dem er u.a. über die nicht eindeutige Erzählinstanz und die Vergangenheitsform des Romans nachdenkt. Zudem gibt es die so notwendige editorische Notiz am Ende. Für mich persönlich gewöhnungsbedürftig ist die knallige Gestaltung dieses großen, etwas unhandlichen Bandes, der nicht zur ursprünglichen Manesse-Bibliothek zählt. Zum Meckern auf hohem Niveau zählt bei diesem Band auch der fehlende Leinenband (den aber keiner der Bände aufweisen kann!) und den wir bei Manesse wohl nicht mehr sehen werden. Ein Lesebändchen ist vorhanden. Auch gibt es eine Neuübersetzung von Farm der Tiere in ähnlicher Ausstattung - wer einheitliche Rücken im Regal stehen haben möchte. 22,- € und Sie sind dabei!

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Für mich persönlich, auch wenn die Gestaltung gewöhnungsbedürftig ist, die editorisch beste Ausgabe im Hardcover. Sehr gute, moderne Neuübersetzung des Klassikers mit ausreichend Anhang. Sehr zu empfehlen! 


4) Übersetzung bei S. Fischer von Frank Heibert


Wer es etwas opulenter mag: Die wohl innovativste Übersetzung bietet der S. Fischer Verlag mit Frank Heiberts Version von Orwells 1984. Hier gilt es den Roman neu in deutscher Sprache zu entdecken! Der Kniff, den Heibert anwendet, ist so einfach erklärt und banal wie genial (wie man im Nachwort nachlesen kann): er übersetzt nicht im Präteritum, sondern im Präsens und verleiht dem Text damit eine beklemmende Aktualität! Der Roman des 20. Jahrhunderts wird zur Dystopie des 21. Auch durch die etwas andere Ausstattung glänzt der Roman: ein flacher Rücken, Lesebändchen, aber vor allem die kongenialen Illustrationen von Reinhard Kleist, der bereits die Feder für die Neuübersetzung von Schöne neue Welt bei Fischer geschwungen hat. By the way: es gibt eine Stanzung im Pappband. Einen Umschlag braucht dieses Buch durch die andere Herstellungsart nicht.

Gleich drei Ausgaben gibt es in der Neuübersetzung von Heibert: eine Taschenbuchausgabe für 12,- € (ohne Zeichnungen von Kleist), eine normale gebundene Ausgabe für 38,- € und eine auf 300 Exemplare limitierte Pracht- bzw. Vorzugsausgabe mit einem von Reinhard Kleist signierten Siebdruck und bezogenem Pappschuber für 98,- €.

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Ganz egal für welche Ausgabe man sich bei dieser innovativen Übersetzung entscheidet, man lernt 1984 noch mal etwas anders kennen. Zu empfehlen sind die illustrierten Ausgaben, da die Bilder von Kleist die beklemmende Atmosphäre des Romans hervorragend einzufangen wissen! Tolle Ausstattung, spannender Übersetzungsansatz, für etwas mehr Geld.


Graphic Novel Adaption bei Knesebeck


 
Erwähnt sei die kongeniale Graphic Novel Adaption von Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa, erschienen bei Knesebeck. Wer sich mehr Bild und weniger Text dieser aussagekräftigen Geschichte wünscht, dem sei mit dieser Ausgabe geholfen, in der Übersetzung aus dem Französischen von Anja Kootz. 22,- € bezahlt man für diese Form der Ausarbeitung.
Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

 

Hinweis: Natürlich konnte nicht Rücksicht auf alle Neuübersetzungen genommen werden. Es handelt sich – wie eingangs erwähnt – um eine Auswahl.

 

Empfehlungen von: Marcus Dahmke

Freitag, 12. März 2021

Schiffsunglücke

 

Ein neuer Verlag! let's sea - gegründet von Marc Bielefeld und Rike Sattler. Im ersten Buch schildern Sie das Schiffsunglück der Adelheid. Von jedem verkauften Buch gehen zwei Euro an die Seenotretter. Wir haben mit Gestalterin Rike Sattler gesprochen.


Robert Eberhardt
: Das Buch heißt „Der Untergang der Adelheid“, wer oder was ist Adelheid und warum geht sie unter?

Rike Sattler: Es geht um ein Schiffsunglück, ich glaube wohl das dramatischste Schiffsunglück, das es in der Nordsee je gegeben hat. Es ist 1960 und die junge, frischgebackene Familie Meiners ist unterwegs mit einer Kohleladung, kommt auf der Nordsee Ende September in Seenot und, wie man es sich nicht vorstellen kann, werden alle ihre Notsignale von den Menschen falsch interpretiert. Sie halten sie zum Beispiel für Marineübungen. So wird dieses Schiff von der Flut überspült, die Familie muss in die See gehen, nur Frau Meiners überlebt dieses Schicksal.

Eberhardt: Frau Meiners lebt ja auch heute noch, oder?

Sattler: Genau. Frau Meiners lebt heute in Westrhauderfehn. Sie war damals 21 Jahre alt, stand mittellos da und hat wieder geheiratet. Es vergeht selten ein Tag, an dem sie nicht an das Unglück denkt.

Eberhardt: Wie sind Sie denn auf dieses Schicksal aufmerksam geworden? Ist das eigentlich etwas Besonderes, dass ein Schiff untergeht oder passierte das in diesen Jahren, oder auch heute noch, öfter? Das ist mir als Neu-Hamburger noch nicht so bekannt. Es gibt ja auch ein Denkmal für die auf See gebliebenen, also gehört das zur Seefahrt dazu?

Sattler: Ja, das gehört zur Seefahrt dazu, das gab es schon immer, früher natürlich öfter. Große Schiffe, die Ware transportiert haben, sind zum Beispiel früher ums Kap Horn gefahren. Von denen sind viele Kapitäne, gerade aus dem Emsland, losgesegelt. Dann gingen die Schiffe einfach unter und man hat von ihnen nie wieder etwas gehört... Das ist schon an der Tagesordnung, da die See natürlich ihre Opfer fordert. Das Segeln kann schön, aber auch ganz schrecklich sein, wenn man in Sturm gerät.

Dieses Unglück, als die Adelheid überspült wurde, war schrecklich, Frau Meiners trieb 14 Stunden lang in der Nordsee, bis die Seenotretter sie gefunden haben.

Eberhardt: Haben die Retter sie auf einem Stück Holz gefunden, oder trieb sie einfach im Wasser?

Sattler: Sie ist da einfach so getrieben, mit einer Rettungsweste, die es auch heute noch in Rhauderfehn, in dem Fehn-und Schifffahrtsmuseum gibt. Sie hatte ihr totes Baby auf dem Bauch und ihren toten Mann an einem Seil. Die beiden anderen Mitglieder, die mit unterwegs gewesen sind, wurden nach zwei Wochen vor Helgoland angespült und von einem anderen Frachter gefunden.

Eberhardt: Von Frau Meiners gibt es ein eindrückliches Foto in dem Buch. Haben Sie sie auch interviewt und gesprochen?

Sattler: Genau, das hatte Mark Bielefeld gemacht. So sind wir überhaupt auf das ganze Thema gestoßen: Er sollte für die Seenotretter, diese bringen jedes Jahr ein Jahrbuch mit interessanten Geschichten heraus, Frau Meiners und Herrn Zeh, ihren Seenotretter, interviewen. Die beiden sind schon hochbetagt, Herr Zeh ist leider jetzt bereits verstorben. Er hat die beiden interviewt, mit ihnen gesprochen und sich gedacht, dass diese Geschichte für einen Artikel eigentlich zu schade ist. Er hat mir davon auch erzählt und wir haben uns entschieden, einfach mal ein Konzept für dieses mögliche Buch zu machen. Wir haben die Seenotretter gefragt, ob sie uns da unterstützen, also mal mit uns zur Unglücksstelle herausfahren, uns mit Spezialwissen versorgen, denn es gibt zum Beispiel verschiedene Sandarten auf dem Meeresgrund, weswegen sich die Adelheid auch sehr schnell eingegraben hat, als sie auf Grund gelaufen ist. Da gibt es viel Fachwissen, womit sie uns viel weiterhelfen konnten.

Eberhardt: Vielleicht könnten Sie noch etwas zur Gestaltung sagen, also was macht das Buch aus? Und was war Ihre Idee bei der Verlagsgründung?

Sattler: Marc Bielefeld und ich sind beide Segler, haben somit eine große Leidenschaft für die See und das Meer und so wollten wir dieses Thema bei uns in den Fokus rücken, vor allem in Verbindung mit stillen Geschichten. Die Geschichte der Adelheid kannte man vorher nicht. Wenn man früher „Adelheid“ bei Google eingegeben hat, konnte man überhaupt nichts zu diesem Schiffsunglück finden. Solchen Geschichten wollen wir uns widmen.

Eberhardt: Es handelt sich aber nicht ausschließlich um Untergangsgeschichten, die Sie bei let's sea herausbringen möchten?

Sattler: Nein, nicht nur Untergangsgeschichten. Das ist natürlich zur Zeit sowieso nicht so einfach, mit einer solchen Geschichte zu kommen, obwohl natürlich in diesem Untergang auch eine Rettung steckt. Das ist uns immer wichtig, dass das herauskommt. Außerdem natürlich die Spende an die Seenotretter, damit sie weiter daran arbeiten, den Menschen zu helfen, wenn sie auf See in Not geraten.

Zur Gestaltung des Buches: Ich bin auf dieses Format gekommen, weil Frau Meiners, bei der wir natürlich auch öfter schon Zuhause in Rhauderfehn waren, so ein Fotoalbum, wirklich in diesem Format, hat. Dort sind ihre einzigen Fotos von ihrem Mann, ihrem Kind und auch von dem Leben an Bord. Dann haben wir die Geschichte in sieben Kapitel unterteilt, diese werden durch Meeresfotos getrennt, die wir auf der Nordsee gemacht haben. 

Mein Kollege ist mit einem Segelboot die ganze Region abgefahren, dabei sind viele Bilder entstanden und damit wollten wir alles noch untermalen und diese Geschichte, die natürlich auch dramatisch ist, etwas unterteilen. Ich habe versucht, mich bei der Gestaltung zurückzuhalten, also relativ klar zu gestalten, damit der Leser nicht abgelenkt wird, ihn also gut durch die Seiten zu tragen, aber nicht durch aufregende Gestaltung abzulenken.

Das Buch gibt es bei uns am Neuen Wall 13 für 29,90 Euro. 

Mehr zum Projekt: Adelheid - Lets Sea (lets-sea.com)



Donnerstag, 4. März 2021

Über Stiftungen und Amazon-Algorithmen mit Ohren

Annegret Schult ist nicht nur Buchhändlerin bei Felix Jud, sondern auch in unterschiedlichen Stiftungen tätig. Mit Robert Eberhardt sprach sie über ihre Aufgaben, die Bedeutung von Stiftungen und Literaturpreisen, Siegfried Lenz und einiges mehr. 

Mitglieder der Siegfried Lenz Stiftung von links nach rechts:
Annegret Schult, Ulrich Greiner, Monique Schwitter, Prof. Dr. Rainer Moritz

Eberhardt: Liebe Frau Schult, seit vielen Jahren sind Sie im Kuratorium der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich für eine vielfältige Verlagslandschaft einsetzt. Was hat die Stiftung seit ihrer Gründung erreicht und was ist Ihre Funktion, Ihre Aufgabe?

Schult: Die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene, so die genaue Bezeichnung der Stiftung, wurde im Oktober 2000 von unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern sowie dem damaligen Kulturstaatsminister Dr. Michael Naumann gegründet. Der Name der Stiftung erinnert an den bedeutenden Verleger des deutschen Expressionismus, der von 1887 bis 1963 lebte und mit dem Kurt Wolff Verlag unter anderem in Leipzig wirkte. Unterstützt wird diese Einrichtung vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, von der Bundesregierung, vom Freistaat Sachsen und der Stadt Leipzig.

Die Stiftung versteht sich als Interessenvertretung unabhängiger deutscher Verlage und macht seit ihrer Gründung deutlich, dass in der Vielfalt unserer unabhängigen Verlagslandschaft ein enormer kultureller Reichtum steckt. Die Stiftung bemüht sich um die Bewahrung dieser Vielfalt, fördert und unterstützt sie, bietet ihnen ein Netzwerk und prämiert sie. Jährlich wird der Kurt Wolff Preis verliehen. Der Bund stockte die Preisgelder für die Gewinner des Kurt Wolff Preis gerade auf: der Hauptpreis ist mit 35.000 Euro dotiert und der Förderpreis mit 15.000 Euro. Meine schöne Aufgabe seit 2010 ist es zusammen mit den anderen Kuratoriumsmitgliedern die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie sind auch Mitglied in der Siegfried-Lenz-Stiftung. Wie kam es dazu?

Schult: Die Siegfried Lenz Stiftung ist noch recht jung, 2014 wurde der erste Preis an Amos Oz vergeben. Es folgten die Verleihungen an Julian Barnes, Richard Ford und jetzt 2021 an Ljudmila Ultitzkaja. Siegfried Lenz hatte die Stiftung noch selbst vor seinem Tod ins Leben gerufen. Die Siegfried Lenz Stiftung vergibt diesen bedeutenden, neuen Literaturpreis alle zwei Jahre, er ist mit 50.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit ihrem erzählerischen Werk Anerkennung erlangt haben und deren schöpferisches Wirken dem Geist Siegfried Lenz nah ist. Außerdem hat die Stiftung sich die wissenschaftliche Aufarbeitung seines schriftstellerischen und publizistischen Werks zur Aufgabe gemacht. Sie vergibt Stipendien und an junge Künstler und Wissenschaftler, insbe­son­dere Schriftsteller, um diese im Sinne des Stiftungszweckes zu unterstützen.

Zur Vergabe des Preises hat die Stiftung eine Jury berufen, in der ich seit 2016 Mitglied bin. Durch meine langjährige Tätigkeit bei Felix Jud bin ich neben Rainer Moritz, dem Leiter des Hamburger Literaturhauses, der Schriftstellerin Monique Schwitter und dem Journalisten Ulrich Greiner als Buchhändlerin eine gute Ergänzung, um die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie haben Siegfried Lenz mehrmals getroffen. Was war er für ein Autor und Mensch?

Schult: Ein gewitzter und lebenskluger Menschenfreund! Wilfried Weber, der langjährige Inhaber von Felix Jud, und ich fuhren 2008 zu Siegfried Lenz und seiner Frau Ulla Reimer auf die Insel Fünen, um die Druckbögen von „Der Geist der Mirabelle“ signieren zu lassen. Wir bereiteten gerade eine Neuauflage der Erzählung im Verlag Felix Jud als Künstlerbuch vor, mit den dafür entstandenen Landschaftsbildern von Klaus Fußmann. Das war schon ein Erlebnis, dieser Besuch. Das Signieren war schnell erledigt, dann kam eine echte dänische Kaffeetafel zum Vorschein, die den eigentlichen Höhepunkt des Tages darstellte. Es gab noch ein paar andere Begegnungen, alle liebenswürdig und intensiv. Wie gesagt, ein Menschenfreund, und das prägt auch sein Werk.

Eberhardt: Was denken Sie: Nicht in allen literarischen Gremien und Jurys ist noch eine Buchhändlerin oder ein Buchhändler vertreten. Hat sich die Rolle dieses Berufstandes im individualisierten und digital geprägten Buchmarkt geändert? Braucht man diesen viellesenden Menschen, der zu gewissen Zeiten hinter einem Tresen, umgeben von abertausenden Bücher, steht überhaupt noch - trotz „Kunden die das kauften, schauten sich auch das an“? Was möchten Sie einem Amazon-Algorithmus entgegenhalten, wenn er online eingebildet vor Ihnen herumschaltet und Ohren hätte?

Schult: Die Rolle des Buchhändlers hat sich eigentlich nicht verändert. Er wird nur nicht mehr von so vielen Menschen vor Ort aufgesucht und zu Rate gezogen wie früher. Ein großer Teil der Leser glaubt, dass Amazon durch diese Leseempfehlungen „Kunden, die das kauften…“ eine Beratung bereitstellt! Du meine Güte, diese Menschen sollten einmal zu uns kommen oder zu jedem anderen engagierten Buchhändler, um unseren Gesprächen zu lauschen, die wir führen. Da kann es durchaus mal sein, dass eine Beratung kontrovers geführt wird und zwanzig Minuten andauert. Und dann kann es auch passieren, dass nur ein Buch oder auch gar keines gekauft wird. Aber dann, und das ist eine wirkliche Erfahrung, kommen diese Kunden wieder und wieder und die Anzahl der Buchkäufe, von denen wir ja schließlich leben, wächst und wächst. So haben wir Stammkundschaften gewinnen und über Jahre pflegen können, die zu freundschaftlichen Beziehungen wurden. Und nicht selten sind auch deren Kinder und Enkel Kunden geworden. Es ist eine wirkliche Bereicherung für beide Seiten, sich über Bücher face to face zu unterhalten! Wie oft hören wir: „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Auf dieses Buch wäre ich ja nie gekommen!“ Diese persönliche Komponente und der lebendige Dialog ist natürlich von keinem Algorithmus berechenbar. Die Rolle des Buchhändlers ist unersetzbar. In Jurys und Gremien allemal. „Hab eine eigene Meinung!“ würde ich dem Amazon-Algorithmus mit Ohren entgegnen!

Die Preisträgerin des Siegfried Lenz Preises 2021 im Felix Jud Webshop: Eine Seuche in der Stadt - Produkt (buchkatalog.de)

https://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://www.siegfriedlenz-stiftung.org/

Donnerstag, 18. Februar 2021

"Mein Roman ist eine Frucht mit Haut, Fleisch und Kern"

Heute, am 18. Februar 2021, erscheint „Die Erfindung des Ungehorsams", das neue Buch von Martina Clavadetscher im Unionsverlag. Marcus Dahmke hat mit der Autorin und Dramatikerin gesprochen.

Zum Inhalt: Anfang des 19. Jahrhunderts strebt die Wissenschaftlerin Ada in Europa nach Anerkennung in einer von Männern dominierten Welt. Jahrhunderte später kontrolliert die Arbeiterin Ling die weiblichen Körper einer Sexpuppenfabrik in China, die als willenlose künstliche Wesen ohne Bewusstsein an männliche Kunden verkauft werden, auf ihre Makellosigkeit. In Manhattan entkommt Iris nicht den ständig gleichen Abläufen eines öden Lebens, das nur mit der Sehnsucht nach einem „draußen“ erträglich bleibt.

Drei Frauen, drei Geschichten, ein Kern.

Martina Clavadetscher erzählt in „Die Erfindung des Ungehorsams“ von Selbst- und Fremdbestimmung, Körperlichkeit, gesellschaftlichen und sozialen Schranken, Spielarten der Liebe und über die befreiende Kraft des Erzählens und des Gehört-werdens.

Copyright: Janine Schranz

Dahmke: Liebe Frau Clavadetscher, ist es richtig, dass eine Fotoserie Sie zu Ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ inspiriert hat? Was für eine Serie war das? Und was hat Sie an dieser so fasziniert?

Clavadetscher: Ja, es war eine Bilderserie des Fotografen Aleksander Plavevski, der für Keystone in Shenzhen eine Sexpuppenfabrik dokumentiert hat. Die Bilder zeigen den Herstellungsvorgang dieser Puppen, die Metallskelette, die Silikonkörper ohne Kopf und wie sie schließlich für den Versand in Kisten verpackt werden. Diese eindrücklichen Bilder haben sich in meinem Kopf festgekrallt, dieser seltsam anmaßende Schöpfungsakt – diese Illusion, diese Imitation, dieses "So-tun-als-ob", das damit verbunden wird. Ich wusste sofort, ich muss etwas darüber erzählen und ich trug diese Bilder eine ganze Weile mit mir herum, denn ich wusste auch, dass diese Welt alleine "zu wenig" war, ich wollte sie verknüpfen mit anderen Zeiten, anderen Welten. 

Dahmke: In solch einer Sexpuppenfabrik arbeitet eine von drei Protagonistinnen Ihres Romans: Ling, die als eine Art Vorarbeiterin die Makellosigkeit der Frauenkörper kontrolliert, die von dieser männergeführten Fabrik für andere Männer produziert werden. Ein sehr starkes, aussagekräftiges Bild meiner Meinung nach. Was hat Sie an künstlich geschaffenen Wesen, die hier ja zunächst nicht mehr als willenlose in ihren Körpern gefangenen Puppen sind, interessiert?

Clavadetscher: Einerseits der bereits erwähnte Schöpfungsakt, der hier serienmäßig geschieht. Dabei entstehen seltsame "Wunschfrauen", grotesk in ihrer Körperlichkeit und an jedes Bedürfnis individuell angepasst. Andererseits das Puppenmotiv, das in der Literatur eine lange Tradition hat. Puppen sind etwas sehr Fiktionales, Erzählendes; sie leben von der Behauptung, der Imitation der Realität und sind Projektionsflächen. Oder besser: Sie sind Hüllen, die mit einer jeweiligen Phantasie gefüllt werden können, um so die Bedürfnisse der Besitzer und Benutzerinnen zu befriedigen. Dabei war für mich der sexuelle Aspekt nur am Rande von Interesse, viel mehr wollte ich wissen, was diese künstlichen Wesen über die realen Menschen aussagen, die sie erschaffen oder besitzen. Weshalb? Sind reale Menschen zu kompliziert, zu emanzipiert, also kreiert und kauft man ein neues künstliches Menschenbild, das genau so ist, wie man es will? Und die Frage, die dazwischen liegt: Was tatsächlich unterscheidet biologische Menschen von programmierten, künstlichen Wesen?

Dahmke: Eine weitere Protagonistin, Ada, versucht sich als Frau des 19. Jahrhunderts in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Mit was für Schwierigkeiten hatte sie als Frau in den Wissenschaften bei der zumindest theoretischen Entwicklung der ersten Denkmaschine zu kämpfen?

Clavadetscher: Ada Augusta Lovelace lebte in einer viktorianischen Zeit, in der Frauen als gesellschaftliche Figuren zwar respektiert wurden, aber eine klar begrenzte Rolle zu erfüllen hatten, eine Rolle, die stark durch Verbote geprägt war: Kein Zugang zu Universitäten, keine geistige, intellektuelle Karriere, keine Ausschweifungen, keine Lust, überhaupt keine Körperlichkeit - es schien, als ob auch diese Frauen gezwungen waren, in einem künstlichen Körper, in einer sauberen und für die Öffentlichkeit herausgeputzten Hülle dahinzuvegetieren. Und zwar still, angepasst. Auch hier wieder: Abziehbilder. Bis auf einige Ausnahmen natürlich. Ada Lovelace wurden im Privaten mathematische Studien erlaubt, lerne Charles Babbage kennen, der die Differenzmaschine gebaut hatte, und kämpfte mit ihren Schriften und Visionen nicht nur gegen die damaligen gesellschaftliche Zwänge, sondern auch gegen eine sehr dominante Mutter, die Ada ein Leben lang steuerte und - wenn man so will - auf perfide Weise programmierte.

Dahmke: Die dritte im Bunde, Iris „wie die Blume“, lebt zurückgezogen in ihrem Penthouse in Manhattan, bekommt immer nur Besuch von der gleichen Frauengruppe, obwohl sie liebend gerne ihre Schwestern empfangen würde, ist gefangen in immer gleichen Abläufen und erzählt Abend für Abend Geschichten von starken Frauen. Kann man sagen, dass alle Protagonistinnen, Gefangene sind; im Körper, in gesellschaftlich-historischen Vorstellungen, Rollenzuschreibungen etc.? Und gibt es Hoffnung diesen Hierarchien und Grenzziehungen zu entkommen?

Clavadetscher: Die drei Hauptfiguren sind – wie wir alle – in eine Art strukturellen Triangel eingespannt: Gesellschaft, Körper und Intelligenz bzw. Geist im weitesten Sinne. Also das Nicht-Ich, das körperliche Ich und das geistige Ich. Und um es in Computersprache auszudrücken: Diese drei Seiten programmieren sich gegenseitig. Aber die Kräfteverhältnisse sind ungleich verteilt, da die größte Kraft in der Programmierung des Ichs durch die Gesellschaft liegt; Rollenzuschreibung, traditionelle Vorstellungen, genau wie Sie sagen. Die drei Figuren haben sich davon zu befreien, jede auf ihre Weise.

Und ja, es gibt diese Hoffnung auf ein Entkommen, indem wir den Programmierungsprozess umdrehen - wir sollen nicht mehr einheitlich von Außen programmiert werden, sondern aus unserem diversen Inneren nach Außen mitgestalten. Im Roman ist das Erzählen der Inbegriff der Befreiung. Selbstermächtigung. Selbstbestimmung. Ein Narrativ, der aus dem Kern kommt.

Dahmke: Der Roman spielt mit Motiven und Gestalten aus unterschiedlichen Epochen (E.T.A. Hoffmanns Menschenpuppe Olimpia aus „Der Sandmann“ muss natürlich erwähnt werden), mit Fragestellungen feministischer Literatur, mit Motiven aus Science-Fiction-Romanen und und und. Wie umfangreich haben Sie recherchiert und wie kräftezehrend war es, den richtigen Stil, die richtige Sprache für „Die Erfindung des Ungehorsams“ zu finden? Gab es einen Punkt im Werkprozess, an dem Sie wussten, genau so muss die Geschichte erzählt werden?

Clavadetscher: Dem Roman liegt tatsächlich eine sehr umfangreiche Recherche zugrunde. Aber gerade die Vielseitigkeit der Recherche hat enorme Freude gemacht, da sie mich von Freizeitparks, cineastischen Motiven, mechanischen Automaten des 19. Jahrhunderts über die Bitteresche, Urban Legends bis hin zu Künstlicher Intelligenz und Luigi Galvani führten. All diese Einflüsse in einer Geschichte zu vereinen, war eine schöne, aber knifflige Arbeit – und sie hat mir deutlich bestätigt, dass alles irgendwie zusammenhängt. Die Welt, die Geschichte ist ein Netz aus Dingen, die sich gegenseitig bedingen. Genau wie die drei Teile des Romans – die drei Welten, drei Zeiten, drei Frauen. Es galt, diese zu verflechten und ihnen jeweils eine eigenständige Sprachlichkeit zu geben.

Lange habe ich gegrübelt, um dafür den passenden Weg zu finden, bis mir Mary Shelleys Frankenstein die einfache Antwort lieferte: Gerade weil sich die drei Teile bedingen, muss die Geschichte verschachtelt sein. Es geht um Herkunft. Die Erzählung bohrt nach einem Kern. Mein Roman ist eine Frucht mit Haut, Fleisch und Kern. Oder noch schöner: Eine Matrjoschka.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Frau Clavadetscher, für dieses vielseitige Gespräch!

Clavadetscher: Ich danke!


Im Felix-Jud-Webshop versandkostenfrei bestellen oder am Neuen Wall 13 abholen.

Die Erfindung des Ungehorsams - Produkt (buchkatalog.de)