Freitag, 3. Juni 2022

Praktikant Mats Houken empfiehlt: Carl Meinhof. Das Leben des ersten Ordinarius für Afrikanistik

Ein Seiltanz zwischen fachlicher Anerkennung und moralischer Kritik:

Die Freie und Hansestadt Hamburg war durch ihren Hafen und die rege Handelskultur die Kolonialmetropole des noch jungen Deutschen Kaiserreichs und wurde so zum Magneten für Kolonialisten, Missionare, Afrikainteressierte, Kaufleute und Kolonialpolitiker. So kam es, dass an der gerade entstehenden Hamburger Universität, in seinen Kinderschuhen steckend noch „Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung“, ein Lehrstuhl für die neue Wissenschaft der Afrikanistik geschaffen wurde. Erster Inhaber dessen wurde der vorher in Berlin lehrende Pastor und Autodidakt Carl Meinhof; als weltweit Erster bekleidete er das Amt eines Ordinarius für Afrikanistik.

288 Seiten, 24,90 Euro

Sein Leben stellt sein wissenschaftlicher Nachfolger Ludwig Gerhardt kritisch dar, wodurch ihm der Balanceakt zwischen Anerkennung seiner Pionierarbeit einerseits und Darstellung der rassistische , nationalsozialistischen Gesinnung andererseits gelingt:

Als Pastor im preußischen Hinterland gelangt Meinhof zufällig in den Kontakt mit den afrikanischen Sprachen, die im Zuge der Kolonialpolitik des Kaiserreichs für das Gelingen der Missionarsarbeit, um den von Bismarck geforderten „Platz an der Sonne“ zu erreichen, immer wichtiger wurden. 

Insbesondere mit den Bantusprachen beschäftigt sich Carl Meinhof auf vergleichende Weise intensiv und publiziert einige wegweisende Schriften zur Grammatik und phonetischen Herkunft der Bantusprachen. Und das ohne je einen Fuß auf den afrikanischen Kontinent gesetzt zu haben. Fachliche Exkurse zur Phonetik einiger Bantusprachen bieten hierbei dem Leser einen ersten Einblick in das Gebiet der Afrikanistik, was mir und anderen Sprachinteressierten durchaus Freude bereitet. 

In seiner Heimat Zizow wird er immer mehr eine Anlaufstelle für die Ausbildung zukünftiger Missionare und hält somit die repressive Kolonialmaschinerie des Kaiserreichs mit am Laufen. Der gesteigerte Einfluss bringt ihn als Seminarleiter nach Berlin, er unterhält Bewohner der deutschen Kolonien als unfreie Assistenten und Seminarmitarbeiter und bereist schließlich mehrfach den afrikanischen Kontinent. 

Die oberste Sprosse seiner Karriereleiter soll der Lehrstuhl als Professor für Afrikanistik an der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung und späteren Universität Hamburg sein, in deren Gründungsprozess man beim Lesen auch eingeführt wird.

 Inszenierung der Sprachforschung im Lager für den Fotografen.
Quelle: DHM, Nachlass W. Doegen

Schließlich zeigt Carl Meinhof sich jedoch immer rassistischer, indem er seine Afrikanistik zur Begründung einer „Überlegung der hamitischen Rasse“ zweckentfremdet, wodurch er auch seinen Ruf nachhaltig schädigte; gekrönt wird sein moralischer Verfall durch den frühen Beitritt zur NSDAP und die Unterzeichnung des Bekenntnisses der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. 

Die kritische Beleuchtung seiner ambivalenten Person macht sich Ludwig Gerhardt mit seinem Buch zur Hauptaufgabe, die ihm hervorragend gelingt, indem er im richtigen Moment passende kritische Worte findet und so keine „Lobhudelei“ zu Meinhofs Person und Wirken zulässt, sondern seine wissenschaftliche Leistung und seine Person im aktuellen moralischen und politischen Antlitz neu bewertet.

Rezensiert von Mats Houcken (Instagram: @seitenstapler)

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Donnerstag, 7. April 2022

Johann Hinrich Claussen und "Die Sprache der Stille: Haiku"

Am Montag, den 4. April 2022, bereitete Johann Hinrich Claussen* dem Hamburger Künstler und Gestalter Patrick Gabler im Gespräch die Bühne um über dessen Haikus samt Holzdruckschnitte zu sprechen.

Darüber hinaus machte Pastor Claussen zusammen mit dem Pfarrer Ulrich Lilie* ein neues Buch Für sich sein. Ein Atlas der Einsamkeiten. Daraus stellt Herr Claussen exklusiv einen Auszug im FELIX-JUD-BLOG vor:


"Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis nach Stille, die Sehnsucht, sich von allem menschlichen Lärm und Gedränge zu lösen, das Glück, in einem Augenblick der Ruhe ganz da zu sein.


        Nichts als die Stille!

        Tief in den Felsen sich gräbt

        Schrei der Zikaden.


248 Seiten, 18 Euro

Doch wer die Stille finden und genießen will, braucht eine Sprache für sie. Das ist kein Widerspruch. Denn wie sonst sollte man sich ihrer bewusst werden, ein inneres Bild von ihr gewinnen? Dazu taugt die grobe, laute und eilige Sprache des Alltags offenkundig nicht. Zum Glück gibt es den Haiku. Er konzentriert sich auf eine konkrete Anschauung der Natur: eine Pflanze, Tages- oder Jahreszeit, ein Tier, Duft oder Geräusch. Dies wird aber nicht ausführlich beschrieben oder poetisch ausgemalt, sondern nur aufgerufen. Der Haiku ist konsequenter Kürze, absoluter Nichtgeschwätzigkeit verpflichtet. Er besteht aus lediglich drei Wortgruppen, die zudem häufig in der Anzahl der Silben oder Wortlaute begrenzt sind: 5 – 7 – 5. Doch diese Zahlen sind nicht so wichtig. Entscheidend ist das konkrete „Ding“ und das Vertrauen, dass seine bloße Nennung genügt, um beim Leser Bilder, Erinnerungen, Stimmungen und Atmosphären lebendig werden zu lassen. So werden die Haiku beim Lesen, Auswendiglernen und Nachsprechen weitergeschrieben. So kurz sie sich fassen, so tief kann man sich in ihnen versenken, so lange in ihnen verweilen.

Das Ich, das im Haiku auftritt, ist keine einzelne Person, kein individueller Autor. Wie in den Psalmen des Alten Testaments ist das Ich auch hier die Tür, durch die man als Leser in die Verse hineingehen gehen, um sie sich zu eigen zu machen. Wer ein Haku liest, langsam und mehrfach, nimmt weniger einen Text zur Kenntnis, als dass er sich von ihm in eine meditative Besinnung über eine Erscheinung der Natur führen lässt, in der sich sein innerstes Selbst spiegelt.


        Traurigkeit in mir,

        einsam ist es geworden – 

        der Ruf des Kuckucks.


So in sich versunken ein Haiku erscheint, ist er dennoch ein stilles Gespräch und auf andere Menschen bezogen, die ihn jeweils für sich lesen, ihm nachfolgen auf einem Weg zu den Wurzeln des Seins. Selbst als Europäer des 21. Jahrhunderts kann man sich von einem klassischen japanischen Haiku anrühren lassen. Natürlich geht in der Übersetzung von einer Sprache, Kultur und Epoche zur anderen vieles verloren: der Klang und die Bedeutungsnuancen der Wörter, die Fülle der möglichen Assoziationen, die Einbettung in ein kulturelles Leben, nicht zuletzt das Schriftbild – der leichte Schwung der getuschten Zeichen und ihre vertikale Anordnung. Aber was die Übertragung überlebt, genügt auch heute noch, um sonst so gehetzte, zerstreute Menschen für einen Moment in die Stille zu führen.

Das zeigen zum Beispiel die hier vorgestellten Haiku von Matsuo Bashō (1644 bis 1694), dem wohl berühmtesten Haiku-Dichter. Er lebte in einer gänzlich anderen Welt: Aus einer Samurai-Familie stammend, hatte er sich entschieden, kein Krieger zu werden, sondern sich als buddhistischer Mönch und Pilger ganz der geistlichen Dichtung zu widmen. Es gibt in den asiatischen Hochkulturen, vor allem Japans und Chinas, eine lange Tradition eines solchen Rückzugs aus dem politischen und militärischen Leben in eine arme, aber künstlerisch erfüllte Abgeschiedenheit. Neben vielen Gedichten zeugen ungezählte Landschaftsbilder davon. Dieser Rückzug hat allerdings wenig Beschauliches, oft war er die Folge politischer Umwälzungen und Katastrophen, eine erzwungene Flucht in die Einsamkeit.

Bashōs Verse sind nicht in den engen Grenzen einer bestimmten Sprache, literarischen Tradition, religiösen Kultur oder politischen Situation gefangen geblieben, sondern weit in die Welt hinausgezogen und haben viele, auch moderne Dichter Europas oder Nordamerikas inspiriert, eigene Haiku zu verfassen. Vor allem aber können sie immer noch Menschen, ob künstlerisch begabt oder auch nicht, ob buddhistisch oder christlich – sogar die, die sich selbst als nicht-religiös bezeichnen würden –, dazu bringen, sich auf etwas Schönes und Wesentliches zu konzentrieren, aufmerksam zu werden für das Leben selbst, ruhig und wach zugleich, einfach da zu sein, ganz bei sich und über sich selbst hinaus. Und auf einmal fehlt nichts mehr.


        Einsamkeit. Niemand

        Will zu mir kommen, nur ein

        Blatt vom Kiribaum."


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*Johann Hinrich Claussen, geboren 1964 in Hamburg, Studium der Evangelischen Theologie in Tübingen, Hamburg und London, anschließend Promotion und Habilitation in Systematischer Theologie. Publizistische Arbeiten zu kulturtheologischen Themen für deutsche Zeitungen, Zeitschriften und Radioprogramme. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zum Beispiel über die Geschichte des Kirchbaus und der Kirchenmusik. Nach Stationen als Pastor, dann als Propst und Hauptpastor in Hamburg, ist Dr. Johann Hinrich Claussen seit dem 1. Februar 2016 Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


*Pfarrer Ulrich Lilie, geboren 1957, ist seit 2014 Präsident der Diakonie Deutschland, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung und seit 2021 Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW). 2011 bis 2014 war er Theologischer Vorstand der Graf Recke Stiftung Düsseldorf. Bis 2011 arbeitete er unter anderem als Krankenhausseelsorger und Gemeindepfarrer mit dem Zusatzauftrag der Leitung und Seelsorge im Hospiz am Evangelischen Krankenhaus. Vier Jahre versah er außerdem das Amt des Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreises Düsseldorfs. Lilie studierte als Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst evangelische Theologie an den Universitäten Bonn, Göttingen und Hamburg und wurde 1989 zum Pfarrer ordiniert.

Freitag, 25. März 2022

Ernst Jünger und die Abwicklung des postheroischen Mannes

Der russische Krieg gegen die Ukraine lässt uns erschrocken zurück. Und wir staunen, wie schnell sich manche, als sicher geglaubte politische Haltung in ihr Gegenteil verkehrte. Als KZ-Häftling hat sich unser Firmengründer Felix Jud (1899-1985) stets um Friedensbelange gekümmert. Er gehörte u.a. der Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an. Nun herrscht Krieg in Europa. Es gibt einen klaren Angreifer und Feind. Was hätte man vorher tun können? Die Politik? Wir? 

In einer Buchhandlung wie Felix Jud laufen viele Stränge des geistigen und politischen Lebens zusammen: Als Celebrity und Weltstar-Boxer war Vitaly Klitschko 2001 bei uns zu Gast. Nun ist er eine Figur, wie aus einem Film, ein Kraftmensch, ein für seine Nation kämpfender Heroe. Und der mit unserer Buchhandlung verbundene ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi vertritt in der Frage nach den Kriegsgründen einen anders justierten Blick als die Mehrheit.

Das Bedürfnis nach Gespräch ist da und so veranstalteten wir am 17. März einen offenen Gesprächsabend zur aktuellen Lage. Wir stellten literarische Titel und Sachbücher zur Thematik vor. Der Journalist Daniel Haas hielt einen Vortrag, der im Anschluss, unter anderem mit reger Beteiligung des aus Berlin angereisten Journalisten Alexander von Schönburg, lebendig von allen Anwesenden diskutiert wurde. Der aktuelle Krieg ist für Daniel Haas nicht nur eine politische Zäsur sondern auch eine kulturelle Denkwende. Gelten alte Kategorien von links und rechts noch? Wäre nicht Ernst Jünger, hätte er noch einmal 100 Jahre gelebt, heute ein Linker? 

Wir danken Daniel Haas sehr für seinen Input und die Genehmigung seinen Text hier exklusiv veröffentlichen zu dürfen. 


Bücher zu den schrecklichen Geschehnissen und zur ukrainischen wie russischen Kultur und Politik finden Sie bei uns am Neuen Wall. In einer Spendenbox werden Münzen und Scheine gesammelt, die an den Malteser Hilfsdienst weitergereicht werden.


Foto: die jugendlichen Klitschko-Brüder in der Ukraine – jetzt Freiheitshelden des Westens

Vortrag von Daniel Haas

Eine Frage an die Kulturkritik: Wie wird die ästhetische Sphäre auf die aktuelle Lage in Europa reagieren? Beziehungsweise: Gab es ästhetisch verfasste Vorboten dieses Krieges, der neben einer politischen Neujustierung Westeuropas auch einen gesellschaftlichen Kulturwandel zur Folge haben wird?

Die Kunst als Kassandra, als Diagnostikerin, die avant la lettre die Verhältnisse einem breiteren Verstehen zugänglich macht, das ist ein alter Topos. Der 2014 verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat historisch gewordene Texte gern in dieser Hinsicht intellektuell bewirtschaftet. So las er beispielsweise Thomas Mann und projizierte zu Beginn der nuller Jahre dessen Kritik der bürgerlichen Welt auf eine Gegenwart, die ihrerseits Probleme mit der Idee von Bürgerlichkeit bekommen hatte. 

Ich möchte dieses Verfahren anwenden und einen Künstler zu Rate ziehen, dessen ästhetische Praxis meiner Ansicht nach einiges klarstellen kann, wenn es um das Begreifen der aktuellen Lage geht.

Mit aktueller Lage meine ich vor allem die Abwicklung des postheroischen Subjekts. In den Bombenkellern von Kiew ist die linksliberale Idee von einer ewig pazifistischen Staats- und Kulturräson an ihr sehr schmerzhaftes Ende gelangt. 

Putin zwingt uns, Abschied zu nehmen von der Idee, das wehrhafte Subjekt sei einer Sache für Freunde der Militärgeschichte oder Fans antiker Männlichkeitsideale aus dem Geiste Roms und Spartas. 

Einhundert Milliarden Euro für die Aufrüstung eines Landes, das sich qua Geschichte eigentlich für eine tausend Jahre währende Regentschaft grün-woker Liberaler qualifiziert hatte, das ist schon was. 

Für mich, der es wenigstens zum Obergefreiten der Luftwaffe gebracht hat, ist es jedenfalls spooky, um ein neudeutsches Modewort zu gebrauchen, wenn ich mir vorstelle, am Radarschirm russische Kampfjets im deutschen Luftraum zu markieren, die in der Folge von deutschen Kampfjets bestenfalls aus dem hiesigen Hoheitsgebiet hinausbegleitet, schlimmstenfalls aber angegriffen werden.

Die Medien haben die kulturkämpferischen Signale – denn das ist es, was uns meiner Meinung nach ins europäische Haus steht: ein sich noch weiter zuspitzender Kulturkampf – die Medien haben dieses Signale nicht nur registriert, sondern ihrerseits verstärkt und versilbert. Selenskij und die Klitschko-Brüder werden so offen als Helden ausgewiesen wie weiland Stauffenberg oder Elser. Das geht in Ordnung. Man braucht Mut, Schneid, eine gewisse Todes- und Leidensverachtung sogar, wenn man sich als schwer reicher, eigentlich im sicheren Ausland lebender ukrainischer Spitzensportler zurück nach Kiew begibt, um dort eventuell das Zünglein an der wild kippelnden Weltwaage zu sein. 

Ernst Jünger, der mit 17 zur Fremdenlegion abhaute, um dann von seinem Vater mit einiger Mühe zurückgeholt zu werden, hätte das sofort verstanden. Und deshalb möchte ich Jünger als jenen Gewährsmann für ein der Zeit angemessenes Denken in Anspruch nehmen, von dem ich eingangs gesprochen habe.

An welcher Stelle in seinem Werk berichtet uns dieser Autor also von unserer postheroischen Gegenwart? Welcher Text ist geeignet, uns die Signatur des katastrophalen, verwirrenden Jetzt wenigstens ansatzweise aufzuschlüsseln?

Es ist ein Capriccio aus dem „Abenteuerlichen Herzen“. Das Stück findet sich nicht in der Ersten Fassung, die Klett Cotta dankenswerter Weise sogar als Taschenbuch zugänglich gemacht hat. 

Die Erste Fassung des Abenteuerlichen Herzens ist übrigens, wie mir beim Wiederlesen klar wurde, ein politisch so brutaler Text, ein selbst gegen die eigenen intellektuellen und moralischen Schwächen des Autors so gnadenlos verfahrendes Stück Weltliteratur, dass einem mulmig werden kann. Wenn so ein bis an die Schmerzgrenze des Nihilsmus aufgeklärter Konservatismus zu klingen hat, dann müssen wir uns alle sehr warm anziehen (ein Tweed-Sakko und ein Lodenmantel werden nicht reichen).

Der Text, den ich meine, hat den lakonischen Titel: 

Das Entsetzen

„Es gibt eine Art von dünnem und großflächigem Blech, mittels dessen man an kleinen Theatern den Donner vorzutäuschen pflegt. Sehr viele solcher Bleche, noch dünner und klangfähiger, denke ich mir in regelmäßigen Abständen 
übereinander angebracht, gleich Blättern eines Buches, die jedoch nicht gepreßt liegen, sondern durch eine sperrige Vorrichtung voneinander entfernt gehalten sind. 

Auf das oberste Blatt dieses gewaltigen Stoßes hebe ich dich empor, und sowie das Gewicht deines Körpers es berührt, reißt es krachend entzwei. Du stürzt, und stürzest auf das zweite Blatt, das ebenfalls und mit heftigerem Knalle zerbirst. Der Sturz trifft auf das dritte, vierte und fünfte Blatt und so fort, und die Steigerung des Falles läßt die Schläge in einer Beschleunigung aufeinanderfolgen, die einem an Tempo und Heftigkeit anwachsenden Trommelwirbel gleicht. 

Immer noch rasender werden Fall und Wirbel, in einen mächtig rollenden Donner sich verwandelnd, der endlich die  Grenzen des Bewußtseins sprengt. 

So pflegt das Entsetzen den Menschen zu vergewaltigen - das Entsetzen, das etwas ganz anderes ist als das Grauen, die Angst oder die Furcht. Eher ist es schon dem Grausen verwandt, das das Gesicht der Gorgo mit gesträubtem Haar und zum Schrei geöffnetem Munde erkennt, wahrend das Grauen das Unheimliche mehr ahnt als sieht, aber gerade deshalb von ihm mit mächtigerem Griff gefesselt wird. Die Furcht ist noch von der Grenze entfernt und darf mit der 
Hoffnung Zwiesprach halten, und der Schreck — ja, der Schreck ist das, was empfunden wird, wenn das oberste Blatt zerreißt. Und dann, im tödlichen Sturze, steigern sich die grellen Paukenschläge und roten Glühlichter, nicht mehr als Warnungen, sondern als schreckliche Bestätigungen, bis zum Entsetzlichen. 

Ahnst du, was vorgeht in jenem Raume, den wir vielleicht eines Tages durchstürzen werden und der sich zwischen der Erkenntnis des Unterganges und dem Untergang erstreckt?“

Ich glaube, dass das postheroische Subjekt in die Phase dieses von Jünger präzise beschriebenen Entsetzens eingetreten ist. Ich denke, dass Klitschko solch ein entsetztes Bewusstsein von der Lage haben muss, um die Stahlgewitter von Kiew zu ertragen. Ob sie sich überstehen lassen, auch diese Frage kann ohne ein Know-how des Entsetzens nicht angemessen gestellt werden.

Die Weltlage, ganz konkret Putin, haben uns auf das oberste Blech emporgehoben. Die ersten Bomben, die auf Kiew fielen, haben den Donnerwirbel eingeleitet, der uns nun täglich in allen Medien umbraust.

Die Gorgo eines dritten Weltkriegs hat ihr Maul bereits zum Schrei geöffnet, und wie Perseus, der das Monstrum nur indirekt, im Blick auf seinen spiegelnden Schild, zu fassen bekommt, suchen wir nach der indirekten, diplomatischen Lösung.

Dem abgeschlagenen Haupt der Gorgo Medusa entspringt der Pegasus, das Wappentier der Kunst. „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“ wird Rilke später dichten. Das Schöne, dass den Schrecken dieses europäischen Krieges entspringt, was soll das sein? Eine neue pazifistische Weltordnung, in der Russen, Amerikaner, Chinesen und Europäer gemeinsam Eckart Tolle lesen und vegane Ernährung zum Klassenziel einer aufgeklärten bürgerlichen Existenz erklären? Ich glaube das nicht. Und Jünger hätte es wohl auch nicht geglaubt.

Bemerkenswerterweise glauben es auch die Kids und Jugendlichen nicht, die sich täglich mit Gangsta Rap beschallen, mit einer Hingabe, die dem Genre die größten Streaming- und Verkaufszahlen aller Popgenres beschert. Bushido, Fler, Haftbefehl, Kollegah: alles Männer, die vom linksliberalen Zeitgeist so viel halten wie ein Redneck von der Homoehe. 

Wenn auch für moderne Gemeinschaften gilt, was Freud erklärt hat, dass nämlich das Verdrängte wiederkehrt, dann ist die Begeisterung der Mittelschichtsjugend, (und der migrantischen Jugendlichen) für diesen derben, alle Rollenklischees rearrangierenden HipHop ein sicheres Indiz dafür, dass das genderfluide, auf Achtsamkeit geeichte, Grün wählende und empfindende Subjekt nicht die ultima ratio gesellschaftlichen Handelns darstellt.

Wovor ich tatsächlich Angst habe: Dass wir bereits jenen Raum durchstürzen, „der sich zwischen der Erkenntnis des Unterganges und dem Untergang erstreckt“. Sie mögen mir dies als apokalyptisch verzerrtes Bewusstsein auslegen, womöglich als intellektuellen Narzissmus, der sich freut, seine dekadenten Ideen von „Verfeinerung, Abstieg und Trauer“, diese Trias stammt von Benn, dem alten Verfallspoeten, diesen dekadenten Akkord genüsslich anzuschlagen. 

Aber das oberste Blech ist zerrissen, und selbst wenn wir uns heute noch in der Phase des Schrecks, wie Jünger ihn darstellt, befinden sollten - das Entsetzen macht sich breit. 

Womöglich war es immer schon da, als Bewusstsein der politischen Linken, die nicht müde werden uns zu sagen, wir sollen aufhören mit der Klimazerstörung, mit der kapitalistischen Ausbeutung. Womöglich aktualisiert es sich in den Kundgebungen und Aufmärschen der Fridays-For-Future-Kids, mit ihrem Pathos, das so naiv und aufdringlich wirkt, dass man leicht vergessen kann, dass sie die Wissenschaft auf ihrer Seite haben. Wir stürzen dem Untergang entgegen, das ist ein Faktum, nicht fake news.

Vielleicht wäre Ernst Jünger ein Linker geworden, hätte er nochmal 100 Jahre zu leben gehabt. Schirrmacher verabschiedete sich offiziell in der FAZ von den Konservativen. Lorenz Jäger, lange der Vorzeige-Rechte der konservativen Intelligenz, ebenfalls. Im FAZ-Feuilleton ist einer der markantesten Kulturkritiker heute ein Marxist namens Dietmar Dath. Jünger, so meine Vermutung, hätte lieber mit Dath diskutiert als mit Götz Kubitschek. 

„Ein Mensch von Rang sollte sich lieber in böse als in schlechte Gesellschaft begeben, weil Rang und Wert nur in der tragischen, nicht aber in der sozialen Welt zusammenfallen, in der vielmehr die Zahl die Rolle des Wertes übernimmt.“
So schreibt Jünger im Jahr 1929 in der Ersten Fassung des „Abenteuerlichen Herzens“.

Die tragische Welt ist die des Helden, jenes Akteurs, der die postheroische Phase zu beenden scheint. Wer sind die Bösen, deren Gegenwart der ranghohe Mensch nun aufzusuchen hat? Ist es Putin, der redliche Irre, dessen ideologisches Projekt im Zivilisationsbruch enden könnte? Oder ist es für uns Konservative der linke Sozialist Bernie Sanders mit seinen radikalen Umverteilungsplänen, ein ordentlicher Gegner, wie Schmitt gesagt hätte, denn der Sozialist ist für den Konservativen „die Frage nach dem Eigenen als Gestalt“?

Ich möchte lieber mit Sanders zu Abend essen als mit Putin, ganz klar. Mit Jünger kann ich nur noch durch seine Texte kommunizieren. Das Zwiegespräch mit Ernst Jünger sollte nicht aufhören, woker Zeitgeist hin oder her. Das postheroische und auch das heroische Subjekt, sie können von einer Aussprache mit diesem Autor nur profitieren.

Dienstag, 25. Januar 2022

Praktikantin Alisa Schönfelder, Gymnasium Hochrad, empfiehlt:

Das Mädchen im blauen Mantel

Dieses Buch erzählt von der Jugendlichen Hanneke in Amsterdam, die während des Zweiten Weltkriegs durch Handel mit Schwarzmarktwaren ihre Eltern und sich durchbringt. Doch eines Tages lässt sie sich auf eine gefährliche Mission ein und begibt sich auf die Suche nach einem vermissten jüdischen Mädchen.

Im Laufe ihres Abenteuers, auf der Suche nach der Verschollenen, erfährt sie, wie ihre Mitmenschen leben und rebellieren. Dadurch ist sie gezwungen, sich endlich ihrer bedrückenden Vergangenheit zu stellen.

379 Seiten, 16 Euro

Das Buch zieht besonders Jugendliche in den Bann, denn man erfährt beim Lesen hautnah vom Überleben im Zweiten Weltkrieg. Die vielschichtigen Charaktere entwickeln einen Sog, welcher die Leser förmlich in die Geschichte hineinzieht. Die Hauptfigur Hanneke liefert ihrer Leserschaft eine Identifikationsfigur.

 Ein junges Leben sollte viel Zukunft vor sich haben; im Krieg jedoch weiß man nicht, ob man noch den nächsten Tag erlebt. Die ungewisse Zukunft ist für uns fern, sowie eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Das Kriegsjahr 1942 ist ein denkbar starker Kontrast zu manch gegenwärtigen Selbstverständlichkeiten. Hesses packendes Buch versteht es sich sein eigenes Leben mit dem Leben einer Gleichaltrigen im Krieg zu vergleichen. Einerseits fühlt man sich mit den Erfahrungen der Schulzeit verbunden, anderseits zerstören die Kriegsumstände Freundschaften, Laufbahnen und Gewissheiten. Man lernt in der Schule die Todesgefahr im wahrsten Sinne des Wortes hautnah kennen. Diese Auseinandersetzung ist wirklich ein nachhaltiger Perspektivgewinn.

 Alisa Schönfelder

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