Samstag, 3. April 2021

Über Genrefragen, Erinnerung und die Edelbauer'sche Übertreibung. Im Gespräch mit Raphaela Edelbauer

In einer riesigen Forschungsanlage wird die Superintelligenz „Dave“ entwickelt. Der Programmierer Syz ist einer von vielen, die sich Tag für Tag abrackern, um ihren Teil zum Gelingen dieses großangelegten Projekts beizusteuern. Ob es gelingen kann, eine Maschine mit menschlichem Bewusstsein auszustatten? Davon und von vielem mehr erzählt Raphaela Edelbauer in ihrem neuen Roman Dave, erschienen bei Klett-Cotta. Marcus Dahmke hat mit Ihr gesprochen.


Dahmke: Liebe Frau Edelbauer, was meinen Sie? Ist Künstliche Intelligenz ein Thema der Zukunft oder doch der Gegenwart?

Edelbauer: Ich denke, dass man in der Gegenwart bereits mehr oder weniger gut Tendenzen ablesen kann, die in der Zukunft geschehen werden. Wenn man gesellschaftspolitisch zu schreiben gewillt ist, sollte man auf der einen Seite zur Lebenswirklichkeit Bezug nehmen, auf der anderen Seite sollte man etwas skizzieren, das ein gewisses Potenzial hat in einigen Jahrzehnten noch relevant zu sein. Zumindest verstehe ich es so für die Texte, die ich mache.

Dahmke: Warum ist die Entwicklung von Dave so wichtig für die Menschheit? Und warum steht Syz, die Hauptperson Ihres Romans, dem Ganzen eher skeptisch gegenüber?

Edelbauer: Nunja, zunächst steht Syz dem Ganzen überhaupt nicht skeptisch gegenüber. Er ist ein typisches Kind seines Labors. Er glaubt an Dave und die verheißenen Verbesserungen. Ich benutze bewusst nicht den Begriff Propaganda, weil ich finde, für Propaganda fehlt dem Ganzen die Lügenkomponente, die bewusste Manipulation klassischer Dystopien wie Orwells 1984, die Leute glauben einfach daran, dass Dave viele Probleme der Menschheit lösen wird, wobei man sich noch wenig darüber im Klaren ist, worin diese Probleme überhaupt bestehen.

Syz beginnt dem Ganzen skeptisch gegenüberzustehen zunächst einmal aus einem persönlichen Grund. Nachdem es im Vorfelde immer wieder zu Abstürzen und zu teilweise sehr existenziellen Krisen in diesem Labor gekommen ist, wird nun Syz ausgewählt; als die Person, der Dave nachgebildet werden soll. Die sogenannte Personenhypothese besagt, dass es entscheidend sei, dass es ein reales Vorbild für solch eine Superintelligenz gibt. Auch wenn die KI über das menschliche Bewusstsein hinaussteigt, muss sie vom menschlichen ausgehen. Das ist der Grundgedanke. Syz beginnt sich in diesem Gedanken zu verlieren, kann man sagen. Dieses Unwohlsein könnte die Initialzündung für die Art Skepsis sein, die später erst theoretisch unterfüttert wird mit dem Gedankenmaterial seines Vorgängers.

Dahmke: Es gibt mehrere Gruppierungen innerhalb der Anlage, die Dave für ihre Zwecke nutzen wollen. Welche sind das und warum sind diese so abhängig von der Erschaffung eines künstlichen Bewusstseins?

Edelbauer: Die zwei Gruppierungen, die ich als Hauptparteien nenne, sind die Neoterraner und die Transhumanisten. Die eine Gruppe glaubt, man müsse von der Erde weg und andere Galaxien besiedeln – es ginge darum, die Intelligenz und das beseelte Leben von Planet zu Planet zu bringen – und die andere Gruppe meint, dass der Körper überwunden werden muss und dass man sich der Unsterblichkeit nähernd ein künstliches Bewusstsein hochladen solle. Warum diese so abhängig von der Erschaffung eines künstlichen Bewusstsein sind ... Sie sind eigentlich eher davon abhängig, dass im Labor sehr unreflektierte Heilsversprechen dominieren, könnte man sagen. Sie instrumentalisieren Heilsversprechen, die die Ängste der Menschen oder auch ein wenig die Orientierungslosigkeit der Menschen ausnutzen. Diese Form der Fortschrittsgläubigkeit, wie ich sie in Dave skizziere, hat viel damit zu tun, dass Religion weggefallen ist und kein entscheidender Formfaktor des modernen Lebens mehr ist und irgendwie ersetzt werden muss. Man kann das Transzendente nicht ausklammern aus der menschlichen Erfahrung.

Dahmke: Das Thema KI ist seit jeher mit einer Reihe von moralphilosophischen Fragen verbunden. Namhafte Science-Fiction Autoren haben sich mit diesen Fragen abgequält. Provokativ gesagt: Ist ihr Roman ein Science-Fiction Roman? Wenn nein, warum nicht?

Edelbauer: Das ist eine schwierige Frage, weil ich denke, dass Science-Fiction-Romane nicht prinzipiell von ihren Grundannahmen anders sind als normale Romane. Ich meine, was sind überhaupt „normale“ Romane?! Ist ein Roman ein Unterhaltungsroman, wenn er unterhaltend ist oder ist ein Roman ein Frauenroman, wenn er von Frauen gelesen wird?

Ich glaube, diese Genrebezeichnungen sind künstliche Strukturen, die wir uns errichten.

Was ich gerne anführe, ist, dass ich keine Technologien verwendet habe, die nicht heute schon denkbar sind. Das ist für mich ein relevanter Faktor. Gerade deswegen, weil ich den Roman zeitlich nicht genau platziere. (lacht) Ich komme mir schon selber ganz hängen geblieben vor, weil ich es immer wiederhole, aber es ist tatsächlich sehr schwierig über den Roman zu reden ohne die entscheidendsten Entwicklungen vorweg zu nehmen. Aber wenn man ihn so liest, wie ich ihn intendiert habe – was natürlich kein Zwang ist! – ist es möglich, dass der Roman nicht in der Zukunft spielt, ist es möglich, dass er jetzt spielt. Das habe ich über einen ganz massiven Plotttwist gelöst, der hier nicht verraten werden soll.

Dahmke: Erinnerung in Form einer erzählten, rekonstruierten Vergangenheit, spielt eine wichtige Rolle. Lieber in die Vergangenheit gucken, als über die Zukunft sinnieren?

Edelbauer: Auch eine sehr schwierige Frage, die man eigentlich nicht beantworten kann, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten... Erinnerung spielt eine größere Rolle als Vergangenheit. Erinnerung kann sein, wie wir uns in der Gegenwart unsere Identität chronologisch zurechtlegen. Zum Beispiel: es muss überhaupt nicht sein, dass, wie ich mich heutzutage an meine Kindheit erinnere, tatsächlich der Vergangenheit entspricht. Das ist ein sehr wichtiges Thema in diesem und in meinem ersten Roman Das flüssige Land, in dem es vorrangig ja auch um Vergangenheit und Geschichte geht. Der Mensch konstruiert immer die Vergangenheit. Und tja (lacht) Zukunft spielt eben auch keine so große Rolle! Ich denke, dass diese zwei Oppositionen nicht so entscheidend sind.

Dahmke: Sie haben Sprachkunst studiert und nehmen den Leser in ihren Texten gerne mal „auf den Arm“. Was ist die Edelbauer‘sche Übertreibung? Und warum sollte diese neben dem Begriff kafkaesk demnächst im Duden stehen?

Edelbauer (lacht): Auf der einen Seite aufgrund meines Egozentrismus. Nein, Spaß beiseite, ich bin nicht sonderlich narzisstisch veranlagt. Beispielsweise finde ich meine Bücher selber sehr imperfekt. Es gibt tausend Dinge, die ich schon kurz nach dem Druck wieder ändern würde. Nichtsdestotrotz glaube ich, ist eines der Dinge, die ich am besten beherrsche, eben diese Form der Übertreibung ist. Ich bevorzuge immer, wenn es eine Auswahl gibt zwischen verschiedenen Formulierungen, die extremste; diejenige, die die Realität bis an ihre Grenzen des gerade noch glaublichen ausreizt. Und das finde ich wahnsinnig lustig, aus sprachästhetischen und humoristischen Gründen. Außerdem weil die Welt absolut unfassbar ist. Schon, wenn wir sagen, wir nehmen nur die Fakten an und übertreiben gar nichts, ist das schon dermaßen übertrieben, ausgehend von dem Zustand, den man eigentlich erwarten würde. Ich glaube und hoffe, dass diese Form der Übertreibung eine tiefe Wahrheit enthält.

Dahmke: Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Edelbauer!


Hinweis: Die Antworten wurden vom Interviewer transkribiert und ggf. mit der Genehmigung der Autorin leicht für den Blog angepasst.  


Den neuen Roman von Raphaela Edelbauer können Sie bequem über den Felix Jud Online Shop bestellen DAVE - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen.

Samstag, 27. März 2021

Die Einheit der Welt

© UHH RZ, Mentz

Dahmke:
Liebe Frau Recki, in der schönen Reihe Fröhliche Wissenschaft, die bei Matthes und Seitz erscheint, ist ihr neuester Essay „Natur und Technik. Eine Komplikation“ erschienen. Von der Prometheus-Sage über Philosophen wie Rousseau und Kant und dem Universalgenie Leonardo Da Vinci schreiben Sie über ein sich stetig wandelndes und sich ausdifferenzierendes Natur- und Kulturverständnis. Rousseau meinte gar, dass die Kultur den Menschen weg von der Natur führen würde... Leben wir also in einer nur mehr vom Menschen geformten aber naturfernen Welt? Wie enggefasst ist unser „modernes“ Naturverständnis?

Recki: In der These, dass wir in einer vom Menschen völlig überformten Welt lebten, ja es gäbe vor lauter menschlichem Eingriff  gar keine Natur mehr, wird Natur so vorgestellt, als wäre sie ein Rohstoff, der sich in der Formung verbraucht, und dabei zugleich als ursprüngliche Güte und Wildnis, die man vor der menschlichen Berührung hätte schützen müssen. Die beiden Vorstellungen widersprechen einander nicht nur – sie drohen uns auch zu desensibilisieren gegenüber den vielfältigen Weisen, in denen mitten in der zivilisierten Welt die Natur weiterhin fortbesteht und wirkt. Da finde ich: das Verhältnis von Natur und Kultur hat ein achtsameres Denken verdient. Schließlich steht es im Zentrum des menschlichen Selbstverständnisses. In meinem Essay habe ich Station gemacht bei einer Handvoll markanter und prägender Positionen, die zum Nachdenken über diese Komplikation einladen – über den Menschen, zu dessen Natur es gehört, Kultur zu haben. Im Fokus steht das Erbe Rousseaus, das uns bis heute belastet. Laut Rousseau ist der Mensch von Natur aus gut – und es ist die Kultur, es ist mit anderen Worten sein eigenes Werk, das ihn verdirbt, indem es ihn von der Natur entfremdet. Der Gedanke ist gut gemeint, aber fatal selbstwidersprüchlich. Ich setze Kants spekulative Einsicht dagegen, dass der Mensch als Lebewesen mitsamt seiner Vernunft und Freiheit ein „Naturprodukt“ ist. 

Dahmke: Lässt sich der Dualismus „Natur – Kultur“, bzw. physis und thesis überwinden? Und wenn ja, wie?   

Recki: Dieser Dualismus soll uns ja die Welt und unsere Stellung in ihr durch eine gedankliche Konstruktion verständlich machen. Und er lässt sich zunächst auch nur dort auflösen: Im Denken. Dabei muss man  aber sehen, dass unser Handeln durchlässig ist für die Gedanken, die uns überzeugen. Ein solches Konstrukt ist deshalb nicht bloß ein Problem der Theorie, sondern zieht seine Praxis nach sich. Das heißt aber auch: Wenn wir uns zutrauen, ihm eine Alternative wie die der komplizierten Funktionseinheit entgegenzusetzen, kann es gelingen, unsere Wahrnehmung zu präzisieren und unsere Praxis daran zu orientieren. – Für das Thema meines Essays hat das eine besondere Pointe: Es ist eine andere Technik, ein anderer Umgang mit Technik denkbar, worin die ganzheitliche Überzeugung vom Verhältnis Natur-Kultur Gestalt annimmt und in die Gestaltung der Welt eingeht.

Dahmke: Natur und Kultur. Aber was hat die Technik und Leonardo Da Vinci mit beidem zu tun? Leben wir in einer Leonardo-Welt?

Recki: Was Kultur ist, wird in der Technik exemplarisch: Sie gilt als Extremfall dessen, was sich als `Menschenwerk´ von allem natürlich Gegebenen absetzt. Wie unter einem Brennglas kann man im Blick auf die Technik studieren, was Kultur, was ihr Nutzen und Nachteil für die Menschheit ist. In dem häufig beschworenen Gegensatz zur Natur wäre indessen Technik gar nicht möglich – sie funktioniert nur auf der Basis der Naturgesetze.

Und Leonardo? Sein Ingenium besteht darin, dass er Wissenschaft, Technik und Kunst zu einer Einheit gebracht hat – zur arbeitsteiligen Einheit wechselseitiger Steigerung produktiver Funktionen. In Leonardo verkörpert sich der neuzeitliche Entwicklungsschub, dem die abendländische Welt ihre Verfassung verdankt. Der Ausdruck „Leonardo-Welt“, den der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß geprägt hat, ist die Metapher für die spezifische Rationalität, die sich in unserer Kultur ausprägt. – Ja, und mir scheint die Diagnose, dass wir in einer Leonardo-Welt leben, weiterhin zutreffend – vorausgesetzt wir nehmen in den Begriff auch das Element auf, das Hans Blumenberg in seiner Würdigung Leonardos geltend gemacht hat: die politische Rationalität.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Frau Recki!


Birgit Recki: Natur und Technik. Eine Komplikation. DE NATURA VIII. Fröhliche Wissenschaft bei Matthes und Seitz Bd. 178. Entweder über unseren Webshop Natur und Technik. Eine Komplikation - Produkt (buchkatalog.de) oder vor Ort bei Felix Jud bestellen oder einfach abholen.


Dienstag, 23. März 2021

Welche Ausgabe darf es sein? Neuübersetzungen von Orwells Kultbuch 1984

Am 21.01.1950, nur wenige Monate nach der Erstveröffentlichung einer der heutzutage bekanntesten Texte des 20. Jahrhunderts, starb der englische Schriftsteller, Essayist und Journalist Eric Arthur Blair, der wohl eher unter dem Namen George Orwell hierzulande bekannt sein dürfte. Und jetzt 70 Jahre nach seinem Tod ist das gesetzliche Urheberrecht, das nach § 64 UrhG allgemein für Schriftwerke gilt, so auch für die Publizistik Orwells, erloschen. Was bedeutet das für den Buchmarkt? Durch den Stellenwert, den der dystopische Roman 1984 im literarischen Kanon immer noch hat, nutzen viele Verlage die „gesetzliche Chance“ diesen einflussreichen Text in ihr Portfolio, in ihr Verlagsprogramm, aufzunehmen.

Gab es in den letzten Jahren fast nur die Übersetzung von Michael Walter beim Ullstein Verlag in zwei unterschiedlichen Ausgaben, so ist man im Frühjahr 2021 nahezu überfordert von der Auswahl an Neuübersetzungen (mal mit, mal ohne Nachwort, mal gebunden, mal als Taschenbuch, mit und ohne Illustrationen usw.). Namhafte Verlage wie Manesse, Insel, dtv, Rowohlt und Reclam haben bereits Ende Januar/Anfang Februar ihre Ausgaben herausgebracht, es folgte noch die Neuübersetzung von Fischer im Februar bzw. März. Um einen kurzen Überblick zu geben, seien im Folgenden die sprachlichen und gestalterischen Besonderheiten ausgewählter Hardcover-Ausgaben vergleichend dargestellt.

1) Neuübersetzung bei Insel von Eike Schönfeld

Im Insel-Verlag erscheint nur Orwells 1984 und nicht „Farm der Tiere“. Übersetzt ist der Text von Eike Schönfeld, die bereits andere Klassiker aus dem 20. Jahrhundert für den Verlag ins Deutsche übertragen hat, z.B. Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray. Anders als bei Wilde ist diese Ausgabe aber rein auf die Geschichte fokussiert, es gibt weder Vor- noch Nachwort, keine Einordnung in heutige Verhältnisse, keinen Anhang und Annotationen. Die Übersetzung ist nicht so kurz und präzise wie andere, sondern etwas ausschweifender in den Satzkonstruktionen. Dafür schmeicheln sowohl Typografie als auch Satz dem Auge. Unter dem Umschlag gibt es eine Augen-Prägung auf dem Pappband, ein Lesebändchen findet man allerdings nicht. Für 20,- € kann man den Band erwerben.

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Schön gestalteter Band mit Prägedruck auf dem Pappband ohne viel Firlefanz an Sekundärtexten. Wer „nur“ eine Neuübersetzung haben möchte, greife zu. Liegt gut in der Hand.


2) Neuübersetzung bei dtv von Lutz-W. Wolff  


Lutz-W. Wolff hat die Neuübersetzung bei dtv besorgt, den man als Übersetzer von Fitzgerald und London kennt, gewohnt nah am Originaltext mit spannenden neuen Übertragungen ins Deutsche. Eine – wenn auch nur sehr kurze – Einordnung von Autor und Werk für den heutigen deutschen Leser gibt Robert Habeck. Diese Ausgabe glänzt allerdings durch Anmerkungen und einen chronologischen Lebenslauf von Orwell (Zeittafel). Anders als bei Insel hat der Deutsche Taschenbuch Verlag dem Band ein blaues Lesebändchen gegönnt, dafür fehlen Prägung als auch eine spannende Gestaltung unterhalb des auf die Zahl und ein Auge reduzierten Covers. Zudem lässt die Qualität des Umschlags und des Pappbandes im Vergleich zu den anderen genannten Ausgaben etwas zu Wünschen übrig, leider! Verlagsfrisch für 24,- € zu bekommen. „Farm der Tiere“ gibt es ebenfalls in einer ähnlichen Ausstattung.

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Gelungene Übersetzung, nah am Original, mit kurzem Nachwort aber einigen interessanten Annotationen und einer lesenswerten Tafel, leider – im Vergleich – qualitativ nicht ganz so hochwertig eingebunden, aber mit Lesebändchen.


3) Übersetzung bei Manesse von Gisbert Haefs   


Grell und bunt kommt die neue Ausgabe von 1984 bei Manesse daher. Man wundert sich zunächst über die Dicke dieses von Gisbert Haefs (Kipling, Thackeray, Jerome K. Jerome) übersetzten Bandes. Das liegt zum einen an der Seitenstärke, als auch an der angenehmen Schriftgröße, die der Manesse Verlag gewählt hat. Beides sorgt dafür, dass der Text um fast 50 Seiten länger ist als der von anderen. Die Übersetzung ist sehr zu empfehlen, präzise und modern gehalten, der Text bekommt damit eine sehr zeitgemäße Form. Famos ist überdies das umfangreiche Nachwort von Mirko Bonné, in dem er u.a. über die nicht eindeutige Erzählinstanz und die Vergangenheitsform des Romans nachdenkt. Zudem gibt es die so notwendige editorische Notiz am Ende. Für mich persönlich gewöhnungsbedürftig ist die knallige Gestaltung dieses großen, etwas unhandlichen Bandes, der nicht zur ursprünglichen Manesse-Bibliothek zählt. Zum Meckern auf hohem Niveau zählt bei diesem Band auch der fehlende Leinenband (den aber keiner der Bände aufweisen kann!) und den wir bei Manesse wohl nicht mehr sehen werden. Ein Lesebändchen ist vorhanden. Auch gibt es eine Neuübersetzung von Farm der Tiere in ähnlicher Ausstattung - wer einheitliche Rücken im Regal stehen haben möchte. 22,- € und Sie sind dabei!

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Für mich persönlich, auch wenn die Gestaltung gewöhnungsbedürftig ist, die editorisch beste Ausgabe im Hardcover. Sehr gute, moderne Neuübersetzung des Klassikers mit ausreichend Anhang. Sehr zu empfehlen! 


4) Übersetzung bei S. Fischer von Frank Heibert


Wer es etwas opulenter mag: Die wohl innovativste Übersetzung bietet der S. Fischer Verlag mit Frank Heiberts Version von Orwells 1984. Hier gilt es den Roman neu in deutscher Sprache zu entdecken! Der Kniff, den Heibert anwendet, ist so einfach erklärt und banal wie genial (wie man im Nachwort nachlesen kann): er übersetzt nicht im Präteritum, sondern im Präsens und verleiht dem Text damit eine beklemmende Aktualität! Der Roman des 20. Jahrhunderts wird zur Dystopie des 21. Auch durch die etwas andere Ausstattung glänzt der Roman: ein flacher Rücken, Lesebändchen, aber vor allem die kongenialen Illustrationen von Reinhard Kleist, der bereits die Feder für die Neuübersetzung von Schöne neue Welt bei Fischer geschwungen hat. By the way: es gibt eine Stanzung im Pappband. Einen Umschlag braucht dieses Buch durch die andere Herstellungsart nicht.

Gleich drei Ausgaben gibt es in der Neuübersetzung von Heibert: eine Taschenbuchausgabe für 12,- € (ohne Zeichnungen von Kleist), eine normale gebundene Ausgabe für 38,- € und eine auf 300 Exemplare limitierte Pracht- bzw. Vorzugsausgabe mit einem von Reinhard Kleist signierten Siebdruck und bezogenem Pappschuber für 98,- €.

Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

Fazit: Ganz egal für welche Ausgabe man sich bei dieser innovativen Übersetzung entscheidet, man lernt 1984 noch mal etwas anders kennen. Zu empfehlen sind die illustrierten Ausgaben, da die Bilder von Kleist die beklemmende Atmosphäre des Romans hervorragend einzufangen wissen! Tolle Ausstattung, spannender Übersetzungsansatz, für etwas mehr Geld.


Graphic Novel Adaption bei Knesebeck


 
Erwähnt sei die kongeniale Graphic Novel Adaption von Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa, erschienen bei Knesebeck. Wer sich mehr Bild und weniger Text dieser aussagekräftigen Geschichte wünscht, dem sei mit dieser Ausgabe geholfen, in der Übersetzung aus dem Französischen von Anja Kootz. 22,- € bezahlt man für diese Form der Ausarbeitung.
Im Geschäft oder im Webshop: 1984 - Produkt (buchkatalog.de)

 

Hinweis: Natürlich konnte nicht Rücksicht auf alle Neuübersetzungen genommen werden. Es handelt sich – wie eingangs erwähnt – um eine Auswahl.

 

Empfehlungen von: Marcus Dahmke

Freitag, 12. März 2021

Schiffsunglücke

 

Ein neuer Verlag! let's sea - gegründet von Marc Bielefeld und Rike Sattler. Im ersten Buch schildern Sie das Schiffsunglück der Adelheid. Von jedem verkauften Buch gehen zwei Euro an die Seenotretter. Wir haben mit Gestalterin Rike Sattler gesprochen.


Robert Eberhardt
: Das Buch heißt „Der Untergang der Adelheid“, wer oder was ist Adelheid und warum geht sie unter?

Rike Sattler: Es geht um ein Schiffsunglück, ich glaube wohl das dramatischste Schiffsunglück, das es in der Nordsee je gegeben hat. Es ist 1960 und die junge, frischgebackene Familie Meiners ist unterwegs mit einer Kohleladung, kommt auf der Nordsee Ende September in Seenot und, wie man es sich nicht vorstellen kann, werden alle ihre Notsignale von den Menschen falsch interpretiert. Sie halten sie zum Beispiel für Marineübungen. So wird dieses Schiff von der Flut überspült, die Familie muss in die See gehen, nur Frau Meiners überlebt dieses Schicksal.

Eberhardt: Frau Meiners lebt ja auch heute noch, oder?

Sattler: Genau. Frau Meiners lebt heute in Westrhauderfehn. Sie war damals 21 Jahre alt, stand mittellos da und hat wieder geheiratet. Es vergeht selten ein Tag, an dem sie nicht an das Unglück denkt.

Eberhardt: Wie sind Sie denn auf dieses Schicksal aufmerksam geworden? Ist das eigentlich etwas Besonderes, dass ein Schiff untergeht oder passierte das in diesen Jahren, oder auch heute noch, öfter? Das ist mir als Neu-Hamburger noch nicht so bekannt. Es gibt ja auch ein Denkmal für die auf See gebliebenen, also gehört das zur Seefahrt dazu?

Sattler: Ja, das gehört zur Seefahrt dazu, das gab es schon immer, früher natürlich öfter. Große Schiffe, die Ware transportiert haben, sind zum Beispiel früher ums Kap Horn gefahren. Von denen sind viele Kapitäne, gerade aus dem Emsland, losgesegelt. Dann gingen die Schiffe einfach unter und man hat von ihnen nie wieder etwas gehört... Das ist schon an der Tagesordnung, da die See natürlich ihre Opfer fordert. Das Segeln kann schön, aber auch ganz schrecklich sein, wenn man in Sturm gerät.

Dieses Unglück, als die Adelheid überspült wurde, war schrecklich, Frau Meiners trieb 14 Stunden lang in der Nordsee, bis die Seenotretter sie gefunden haben.

Eberhardt: Haben die Retter sie auf einem Stück Holz gefunden, oder trieb sie einfach im Wasser?

Sattler: Sie ist da einfach so getrieben, mit einer Rettungsweste, die es auch heute noch in Rhauderfehn, in dem Fehn-und Schifffahrtsmuseum gibt. Sie hatte ihr totes Baby auf dem Bauch und ihren toten Mann an einem Seil. Die beiden anderen Mitglieder, die mit unterwegs gewesen sind, wurden nach zwei Wochen vor Helgoland angespült und von einem anderen Frachter gefunden.

Eberhardt: Von Frau Meiners gibt es ein eindrückliches Foto in dem Buch. Haben Sie sie auch interviewt und gesprochen?

Sattler: Genau, das hatte Mark Bielefeld gemacht. So sind wir überhaupt auf das ganze Thema gestoßen: Er sollte für die Seenotretter, diese bringen jedes Jahr ein Jahrbuch mit interessanten Geschichten heraus, Frau Meiners und Herrn Zeh, ihren Seenotretter, interviewen. Die beiden sind schon hochbetagt, Herr Zeh ist leider jetzt bereits verstorben. Er hat die beiden interviewt, mit ihnen gesprochen und sich gedacht, dass diese Geschichte für einen Artikel eigentlich zu schade ist. Er hat mir davon auch erzählt und wir haben uns entschieden, einfach mal ein Konzept für dieses mögliche Buch zu machen. Wir haben die Seenotretter gefragt, ob sie uns da unterstützen, also mal mit uns zur Unglücksstelle herausfahren, uns mit Spezialwissen versorgen, denn es gibt zum Beispiel verschiedene Sandarten auf dem Meeresgrund, weswegen sich die Adelheid auch sehr schnell eingegraben hat, als sie auf Grund gelaufen ist. Da gibt es viel Fachwissen, womit sie uns viel weiterhelfen konnten.

Eberhardt: Vielleicht könnten Sie noch etwas zur Gestaltung sagen, also was macht das Buch aus? Und was war Ihre Idee bei der Verlagsgründung?

Sattler: Marc Bielefeld und ich sind beide Segler, haben somit eine große Leidenschaft für die See und das Meer und so wollten wir dieses Thema bei uns in den Fokus rücken, vor allem in Verbindung mit stillen Geschichten. Die Geschichte der Adelheid kannte man vorher nicht. Wenn man früher „Adelheid“ bei Google eingegeben hat, konnte man überhaupt nichts zu diesem Schiffsunglück finden. Solchen Geschichten wollen wir uns widmen.

Eberhardt: Es handelt sich aber nicht ausschließlich um Untergangsgeschichten, die Sie bei let's sea herausbringen möchten?

Sattler: Nein, nicht nur Untergangsgeschichten. Das ist natürlich zur Zeit sowieso nicht so einfach, mit einer solchen Geschichte zu kommen, obwohl natürlich in diesem Untergang auch eine Rettung steckt. Das ist uns immer wichtig, dass das herauskommt. Außerdem natürlich die Spende an die Seenotretter, damit sie weiter daran arbeiten, den Menschen zu helfen, wenn sie auf See in Not geraten.

Zur Gestaltung des Buches: Ich bin auf dieses Format gekommen, weil Frau Meiners, bei der wir natürlich auch öfter schon Zuhause in Rhauderfehn waren, so ein Fotoalbum, wirklich in diesem Format, hat. Dort sind ihre einzigen Fotos von ihrem Mann, ihrem Kind und auch von dem Leben an Bord. Dann haben wir die Geschichte in sieben Kapitel unterteilt, diese werden durch Meeresfotos getrennt, die wir auf der Nordsee gemacht haben. 

Mein Kollege ist mit einem Segelboot die ganze Region abgefahren, dabei sind viele Bilder entstanden und damit wollten wir alles noch untermalen und diese Geschichte, die natürlich auch dramatisch ist, etwas unterteilen. Ich habe versucht, mich bei der Gestaltung zurückzuhalten, also relativ klar zu gestalten, damit der Leser nicht abgelenkt wird, ihn also gut durch die Seiten zu tragen, aber nicht durch aufregende Gestaltung abzulenken.

Das Buch gibt es bei uns am Neuen Wall 13 für 29,90 Euro. 

Mehr zum Projekt: Adelheid - Lets Sea (lets-sea.com)



Donnerstag, 4. März 2021

Über Stiftungen und Amazon-Algorithmen mit Ohren

Annegret Schult ist nicht nur Buchhändlerin bei Felix Jud, sondern auch in unterschiedlichen Stiftungen tätig. Mit Robert Eberhardt sprach sie über ihre Aufgaben, die Bedeutung von Stiftungen und Literaturpreisen, Siegfried Lenz und einiges mehr. 

Mitglieder der Siegfried Lenz Stiftung von links nach rechts:
Annegret Schult, Ulrich Greiner, Monique Schwitter, Prof. Dr. Rainer Moritz

Eberhardt: Liebe Frau Schult, seit vielen Jahren sind Sie im Kuratorium der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich für eine vielfältige Verlagslandschaft einsetzt. Was hat die Stiftung seit ihrer Gründung erreicht und was ist Ihre Funktion, Ihre Aufgabe?

Schult: Die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene, so die genaue Bezeichnung der Stiftung, wurde im Oktober 2000 von unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern sowie dem damaligen Kulturstaatsminister Dr. Michael Naumann gegründet. Der Name der Stiftung erinnert an den bedeutenden Verleger des deutschen Expressionismus, der von 1887 bis 1963 lebte und mit dem Kurt Wolff Verlag unter anderem in Leipzig wirkte. Unterstützt wird diese Einrichtung vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, von der Bundesregierung, vom Freistaat Sachsen und der Stadt Leipzig.

Die Stiftung versteht sich als Interessenvertretung unabhängiger deutscher Verlage und macht seit ihrer Gründung deutlich, dass in der Vielfalt unserer unabhängigen Verlagslandschaft ein enormer kultureller Reichtum steckt. Die Stiftung bemüht sich um die Bewahrung dieser Vielfalt, fördert und unterstützt sie, bietet ihnen ein Netzwerk und prämiert sie. Jährlich wird der Kurt Wolff Preis verliehen. Der Bund stockte die Preisgelder für die Gewinner des Kurt Wolff Preis gerade auf: der Hauptpreis ist mit 35.000 Euro dotiert und der Förderpreis mit 15.000 Euro. Meine schöne Aufgabe seit 2010 ist es zusammen mit den anderen Kuratoriumsmitgliedern die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie sind auch Mitglied in der Siegfried-Lenz-Stiftung. Wie kam es dazu?

Schult: Die Siegfried Lenz Stiftung ist noch recht jung, 2014 wurde der erste Preis an Amos Oz vergeben. Es folgten die Verleihungen an Julian Barnes, Richard Ford und jetzt 2021 an Ljudmila Ultitzkaja. Siegfried Lenz hatte die Stiftung noch selbst vor seinem Tod ins Leben gerufen. Die Siegfried Lenz Stiftung vergibt diesen bedeutenden, neuen Literaturpreis alle zwei Jahre, er ist mit 50.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit ihrem erzählerischen Werk Anerkennung erlangt haben und deren schöpferisches Wirken dem Geist Siegfried Lenz nah ist. Außerdem hat die Stiftung sich die wissenschaftliche Aufarbeitung seines schriftstellerischen und publizistischen Werks zur Aufgabe gemacht. Sie vergibt Stipendien und an junge Künstler und Wissenschaftler, insbe­son­dere Schriftsteller, um diese im Sinne des Stiftungszweckes zu unterstützen.

Zur Vergabe des Preises hat die Stiftung eine Jury berufen, in der ich seit 2016 Mitglied bin. Durch meine langjährige Tätigkeit bei Felix Jud bin ich neben Rainer Moritz, dem Leiter des Hamburger Literaturhauses, der Schriftstellerin Monique Schwitter und dem Journalisten Ulrich Greiner als Buchhändlerin eine gute Ergänzung, um die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie haben Siegfried Lenz mehrmals getroffen. Was war er für ein Autor und Mensch?

Schult: Ein gewitzter und lebenskluger Menschenfreund! Wilfried Weber, der langjährige Inhaber von Felix Jud, und ich fuhren 2008 zu Siegfried Lenz und seiner Frau Ulla Reimer auf die Insel Fünen, um die Druckbögen von „Der Geist der Mirabelle“ signieren zu lassen. Wir bereiteten gerade eine Neuauflage der Erzählung im Verlag Felix Jud als Künstlerbuch vor, mit den dafür entstandenen Landschaftsbildern von Klaus Fußmann. Das war schon ein Erlebnis, dieser Besuch. Das Signieren war schnell erledigt, dann kam eine echte dänische Kaffeetafel zum Vorschein, die den eigentlichen Höhepunkt des Tages darstellte. Es gab noch ein paar andere Begegnungen, alle liebenswürdig und intensiv. Wie gesagt, ein Menschenfreund, und das prägt auch sein Werk.

Eberhardt: Was denken Sie: Nicht in allen literarischen Gremien und Jurys ist noch eine Buchhändlerin oder ein Buchhändler vertreten. Hat sich die Rolle dieses Berufstandes im individualisierten und digital geprägten Buchmarkt geändert? Braucht man diesen viellesenden Menschen, der zu gewissen Zeiten hinter einem Tresen, umgeben von abertausenden Bücher, steht überhaupt noch - trotz „Kunden die das kauften, schauten sich auch das an“? Was möchten Sie einem Amazon-Algorithmus entgegenhalten, wenn er online eingebildet vor Ihnen herumschaltet und Ohren hätte?

Schult: Die Rolle des Buchhändlers hat sich eigentlich nicht verändert. Er wird nur nicht mehr von so vielen Menschen vor Ort aufgesucht und zu Rate gezogen wie früher. Ein großer Teil der Leser glaubt, dass Amazon durch diese Leseempfehlungen „Kunden, die das kauften…“ eine Beratung bereitstellt! Du meine Güte, diese Menschen sollten einmal zu uns kommen oder zu jedem anderen engagierten Buchhändler, um unseren Gesprächen zu lauschen, die wir führen. Da kann es durchaus mal sein, dass eine Beratung kontrovers geführt wird und zwanzig Minuten andauert. Und dann kann es auch passieren, dass nur ein Buch oder auch gar keines gekauft wird. Aber dann, und das ist eine wirkliche Erfahrung, kommen diese Kunden wieder und wieder und die Anzahl der Buchkäufe, von denen wir ja schließlich leben, wächst und wächst. So haben wir Stammkundschaften gewinnen und über Jahre pflegen können, die zu freundschaftlichen Beziehungen wurden. Und nicht selten sind auch deren Kinder und Enkel Kunden geworden. Es ist eine wirkliche Bereicherung für beide Seiten, sich über Bücher face to face zu unterhalten! Wie oft hören wir: „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Auf dieses Buch wäre ich ja nie gekommen!“ Diese persönliche Komponente und der lebendige Dialog ist natürlich von keinem Algorithmus berechenbar. Die Rolle des Buchhändlers ist unersetzbar. In Jurys und Gremien allemal. „Hab eine eigene Meinung!“ würde ich dem Amazon-Algorithmus mit Ohren entgegnen!

Die Preisträgerin des Siegfried Lenz Preises 2021 im Felix Jud Webshop: Eine Seuche in der Stadt - Produkt (buchkatalog.de)

https://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://www.siegfriedlenz-stiftung.org/

Donnerstag, 18. Februar 2021

"Mein Roman ist eine Frucht mit Haut, Fleisch und Kern"

Heute, am 18. Februar 2021, erscheint „Die Erfindung des Ungehorsams", das neue Buch von Martina Clavadetscher im Unionsverlag. Marcus Dahmke hat mit der Autorin und Dramatikerin gesprochen.

Zum Inhalt: Anfang des 19. Jahrhunderts strebt die Wissenschaftlerin Ada in Europa nach Anerkennung in einer von Männern dominierten Welt. Jahrhunderte später kontrolliert die Arbeiterin Ling die weiblichen Körper einer Sexpuppenfabrik in China, die als willenlose künstliche Wesen ohne Bewusstsein an männliche Kunden verkauft werden, auf ihre Makellosigkeit. In Manhattan entkommt Iris nicht den ständig gleichen Abläufen eines öden Lebens, das nur mit der Sehnsucht nach einem „draußen“ erträglich bleibt.

Drei Frauen, drei Geschichten, ein Kern.

Martina Clavadetscher erzählt in „Die Erfindung des Ungehorsams“ von Selbst- und Fremdbestimmung, Körperlichkeit, gesellschaftlichen und sozialen Schranken, Spielarten der Liebe und über die befreiende Kraft des Erzählens und des Gehört-werdens.

Copyright: Janine Schranz

Dahmke: Liebe Frau Clavadetscher, ist es richtig, dass eine Fotoserie Sie zu Ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ inspiriert hat? Was für eine Serie war das? Und was hat Sie an dieser so fasziniert?

Clavadetscher: Ja, es war eine Bilderserie des Fotografen Aleksander Plavevski, der für Keystone in Shenzhen eine Sexpuppenfabrik dokumentiert hat. Die Bilder zeigen den Herstellungsvorgang dieser Puppen, die Metallskelette, die Silikonkörper ohne Kopf und wie sie schließlich für den Versand in Kisten verpackt werden. Diese eindrücklichen Bilder haben sich in meinem Kopf festgekrallt, dieser seltsam anmaßende Schöpfungsakt – diese Illusion, diese Imitation, dieses "So-tun-als-ob", das damit verbunden wird. Ich wusste sofort, ich muss etwas darüber erzählen und ich trug diese Bilder eine ganze Weile mit mir herum, denn ich wusste auch, dass diese Welt alleine "zu wenig" war, ich wollte sie verknüpfen mit anderen Zeiten, anderen Welten. 

Dahmke: In solch einer Sexpuppenfabrik arbeitet eine von drei Protagonistinnen Ihres Romans: Ling, die als eine Art Vorarbeiterin die Makellosigkeit der Frauenkörper kontrolliert, die von dieser männergeführten Fabrik für andere Männer produziert werden. Ein sehr starkes, aussagekräftiges Bild meiner Meinung nach. Was hat Sie an künstlich geschaffenen Wesen, die hier ja zunächst nicht mehr als willenlose in ihren Körpern gefangenen Puppen sind, interessiert?

Clavadetscher: Einerseits der bereits erwähnte Schöpfungsakt, der hier serienmäßig geschieht. Dabei entstehen seltsame "Wunschfrauen", grotesk in ihrer Körperlichkeit und an jedes Bedürfnis individuell angepasst. Andererseits das Puppenmotiv, das in der Literatur eine lange Tradition hat. Puppen sind etwas sehr Fiktionales, Erzählendes; sie leben von der Behauptung, der Imitation der Realität und sind Projektionsflächen. Oder besser: Sie sind Hüllen, die mit einer jeweiligen Phantasie gefüllt werden können, um so die Bedürfnisse der Besitzer und Benutzerinnen zu befriedigen. Dabei war für mich der sexuelle Aspekt nur am Rande von Interesse, viel mehr wollte ich wissen, was diese künstlichen Wesen über die realen Menschen aussagen, die sie erschaffen oder besitzen. Weshalb? Sind reale Menschen zu kompliziert, zu emanzipiert, also kreiert und kauft man ein neues künstliches Menschenbild, das genau so ist, wie man es will? Und die Frage, die dazwischen liegt: Was tatsächlich unterscheidet biologische Menschen von programmierten, künstlichen Wesen?

Dahmke: Eine weitere Protagonistin, Ada, versucht sich als Frau des 19. Jahrhunderts in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Mit was für Schwierigkeiten hatte sie als Frau in den Wissenschaften bei der zumindest theoretischen Entwicklung der ersten Denkmaschine zu kämpfen?

Clavadetscher: Ada Augusta Lovelace lebte in einer viktorianischen Zeit, in der Frauen als gesellschaftliche Figuren zwar respektiert wurden, aber eine klar begrenzte Rolle zu erfüllen hatten, eine Rolle, die stark durch Verbote geprägt war: Kein Zugang zu Universitäten, keine geistige, intellektuelle Karriere, keine Ausschweifungen, keine Lust, überhaupt keine Körperlichkeit - es schien, als ob auch diese Frauen gezwungen waren, in einem künstlichen Körper, in einer sauberen und für die Öffentlichkeit herausgeputzten Hülle dahinzuvegetieren. Und zwar still, angepasst. Auch hier wieder: Abziehbilder. Bis auf einige Ausnahmen natürlich. Ada Lovelace wurden im Privaten mathematische Studien erlaubt, lerne Charles Babbage kennen, der die Differenzmaschine gebaut hatte, und kämpfte mit ihren Schriften und Visionen nicht nur gegen die damaligen gesellschaftliche Zwänge, sondern auch gegen eine sehr dominante Mutter, die Ada ein Leben lang steuerte und - wenn man so will - auf perfide Weise programmierte.

Dahmke: Die dritte im Bunde, Iris „wie die Blume“, lebt zurückgezogen in ihrem Penthouse in Manhattan, bekommt immer nur Besuch von der gleichen Frauengruppe, obwohl sie liebend gerne ihre Schwestern empfangen würde, ist gefangen in immer gleichen Abläufen und erzählt Abend für Abend Geschichten von starken Frauen. Kann man sagen, dass alle Protagonistinnen, Gefangene sind; im Körper, in gesellschaftlich-historischen Vorstellungen, Rollenzuschreibungen etc.? Und gibt es Hoffnung diesen Hierarchien und Grenzziehungen zu entkommen?

Clavadetscher: Die drei Hauptfiguren sind – wie wir alle – in eine Art strukturellen Triangel eingespannt: Gesellschaft, Körper und Intelligenz bzw. Geist im weitesten Sinne. Also das Nicht-Ich, das körperliche Ich und das geistige Ich. Und um es in Computersprache auszudrücken: Diese drei Seiten programmieren sich gegenseitig. Aber die Kräfteverhältnisse sind ungleich verteilt, da die größte Kraft in der Programmierung des Ichs durch die Gesellschaft liegt; Rollenzuschreibung, traditionelle Vorstellungen, genau wie Sie sagen. Die drei Figuren haben sich davon zu befreien, jede auf ihre Weise.

Und ja, es gibt diese Hoffnung auf ein Entkommen, indem wir den Programmierungsprozess umdrehen - wir sollen nicht mehr einheitlich von Außen programmiert werden, sondern aus unserem diversen Inneren nach Außen mitgestalten. Im Roman ist das Erzählen der Inbegriff der Befreiung. Selbstermächtigung. Selbstbestimmung. Ein Narrativ, der aus dem Kern kommt.

Dahmke: Der Roman spielt mit Motiven und Gestalten aus unterschiedlichen Epochen (E.T.A. Hoffmanns Menschenpuppe Olimpia aus „Der Sandmann“ muss natürlich erwähnt werden), mit Fragestellungen feministischer Literatur, mit Motiven aus Science-Fiction-Romanen und und und. Wie umfangreich haben Sie recherchiert und wie kräftezehrend war es, den richtigen Stil, die richtige Sprache für „Die Erfindung des Ungehorsams“ zu finden? Gab es einen Punkt im Werkprozess, an dem Sie wussten, genau so muss die Geschichte erzählt werden?

Clavadetscher: Dem Roman liegt tatsächlich eine sehr umfangreiche Recherche zugrunde. Aber gerade die Vielseitigkeit der Recherche hat enorme Freude gemacht, da sie mich von Freizeitparks, cineastischen Motiven, mechanischen Automaten des 19. Jahrhunderts über die Bitteresche, Urban Legends bis hin zu Künstlicher Intelligenz und Luigi Galvani führten. All diese Einflüsse in einer Geschichte zu vereinen, war eine schöne, aber knifflige Arbeit – und sie hat mir deutlich bestätigt, dass alles irgendwie zusammenhängt. Die Welt, die Geschichte ist ein Netz aus Dingen, die sich gegenseitig bedingen. Genau wie die drei Teile des Romans – die drei Welten, drei Zeiten, drei Frauen. Es galt, diese zu verflechten und ihnen jeweils eine eigenständige Sprachlichkeit zu geben.

Lange habe ich gegrübelt, um dafür den passenden Weg zu finden, bis mir Mary Shelleys Frankenstein die einfache Antwort lieferte: Gerade weil sich die drei Teile bedingen, muss die Geschichte verschachtelt sein. Es geht um Herkunft. Die Erzählung bohrt nach einem Kern. Mein Roman ist eine Frucht mit Haut, Fleisch und Kern. Oder noch schöner: Eine Matrjoschka.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Frau Clavadetscher, für dieses vielseitige Gespräch!

Clavadetscher: Ich danke!


Im Felix-Jud-Webshop versandkostenfrei bestellen oder am Neuen Wall 13 abholen.

Die Erfindung des Ungehorsams - Produkt (buchkatalog.de)

Freitag, 5. Februar 2021

Felix und Felicitas - Kinder- und Jugendbücher im Winter

Home-Schooling, lange Winterabende und vieeeel gemeinsame Zeit: Genau der richtige Moment, um Kinder und Enkel mit einem schönen Kinderbuch zu unterhalten oder zu unterrichten. Oder einmal wieder ein Kinderbuch an entfernte Nichten und Neffen, Freundeskinder verschicken - oder das Nachbarskind überraschen? Unsere Kinderbuchexpertin Constanze Hell hat einige Novitäten zusammengestellt. 

Sie können die Bücher bei uns via Mail oder Telefon bestellen und täglich zwischen 10 und 16 Uhr abholen oder sie sich ganz einfach über die unten stehenden Links via unseres Webshops nach Hause liefern lassen.


Kommt in die Felder, Wiesen und Wälder!: 365 Gedichte für jeden Tag.

Illustration: Preston-Gannon, Frann, 320 Seiten, Verlag ars edition, 28,00 EUR    

Diese wunderschön gestaltete Sammlung klassischer und moderner Gedichte ist eine poetische Einladung an alle kleinen und großen Leser nach draußen zu gehen und sich an unserer schönen Natur zu erfreuen. Angeordnet nach den Monaten eines Jahres entdecken wir jeden Tag bekannte und vielfach unbekannte Kinderlieder und Reime von Autoren wie Christian Morgenstern oder James Krüss, Wolfgang Borchert oder Mascha Kaléko. Farbenfroh und stimmungsvoll illustriert regt dieses Hausbuch voll großer und kleiner Tiere und Pflanzen uns zum Vorlesen oder Auswendig-Lernen an. 


Im Webshop bestellen:

https://felix-jud.buchkatalog.de/webapp/wcs/stores/servlet/Product/3000002486036/175705/10002/-3/////////





Go, HeyjinSchneeglück verschenken

44 Seiten, Verlag Atlantis, 15,00 EUR 

Das Bilderbuch Schneeglück verschenken ist eine zauberhafte Freundschaftsgeschichte für große und kleine Leser. Der Winter naht und der Bär verabschiedet sich von seinen gefiederten Freunden, die in den warmen Süden fliegen wollen und verkriecht sich in sein Bett. Unsanft aus seinem Winterschlaf geweckt von den anderen lauten Waldtieren, sieht der Bär zum ersten Mal Schnee! Er ist so beglückt und begeistert, dass er einen kleinen Schneemann baut, den er seinen Vogelfreunden mit der Post in den Süden schicken will. Dieses Paket sorgt für eine große Überraschung!

Im Webshop bestellen:

https://felix-jud.buchkatalog.de/webapp/wcs/stores/servlet/Product/3000002997428/175705/10002/-3/////////



Schärer, Kathrin: Da sein. Was fühlst du? 

64 Seiten, Verlag Hanser12,00 EUR        

Es sind gerade aufregende Zeiten für alle und auch unsere Kleinsten durchleben täglich viele verschiedene Gefühle. Das neue Bilderbuch der Schweizer Bilderbuch-Künstlerin Kathrin Schärer da sein. Was fühlst Du? fängt die einzelnen Emotionen in treffenden Bildern ein. Ein ängstlicher Bär tappt durch den dunklen Wald, ein wütender Hase schreit laut seinen Ärger heraus und ein unentschlossener Elefant hält ein ungeduldiges Wiesel am Eisstand auf. So viele Situationen, in denen die Kinder sich wiedererkennen können, so liebevoll umgesetzt! Es geht uns wie dem Hasen mit seinem spannenden Buch: in einer anderen Welt sein! Einfach sein!


Im Webshop bestellen:

https://felix-jud.buchkatalog.de/webapp/wcs/stores/servlet/Product/3000003309038/175705/10002/-3/////////





Burnett, Frances Hodgson
: Der geheime Garten

Übersetzung: Müller-Wallraf, Gundula, Illustration: Ingpen, Robert, 240 Seiten, Verlag Knesebeck30,00 EUR 

Der geheime Garten von Frances Hodgson Burnett zählt zu den beliebtesten englischen Kinderbuchklassikern. Erstmals 1911 erschienen, zieht die Geschichte des Waisenmädchens Mary und ihrer beiden neuen Freunde Colin und Dickon ihre Leser auch heute noch in ihren Bann. 


Die immer etwas missmutige Mary kommt nach dem Tod ihrer Eltern aus Indien zurück nach England in das Haus ihres Onkel und Vormunds, der sich nicht sonderlich für sie interessiert. Auf ihren einsamen Streifzügen über das weitläufige Anwesen freundet sie sich mit Dickon, dem kleinen Bruder eines Hausmädchens, an und gemeinsam entdecken sie hinter einer großen Mauer einen geheimen, arg verwilderten Garten, mit dem es eine traurige Bewandtnis hat. Die beiden kümmern sich fortan um den Garten und Mary entdeckt im Haus einen weiteren geheimen Gast, ihren kranken Cousin Colin, der ebenfalls von seinem Vater missachtet wird. Die drei Kinder werden Freunde und gemeinsam bringen sie Colin das Laufen wieder bei.


Im Webshop bestellen:

https://felix-jud.buchkatalog.de/webapp/wcs/stores/servlet/Product/4099276460845314372/175705/10002/-3/Buecher_Kinder--und-Jugend/Frances-Hodgson-Burnett/Der-geheime-Garten/4099276460822241237/4099276460822241224/4099276460822241224





Zimmermann, Laura: Meine Augen sind hier oben.  

Übersetzung: König, Barbara, 336 Seiten, Arctis Verlag18,00 EUR 

Die 15-jährige Greer mag es überhaupt nicht, im Mittelpunkt zu stehen und fühlt sich doch ständig so! Schuld daran ist ihre große Oberweite, die die Mitschüler zu anzüglichen Bemerkungen verleitet und ihr nicht nur beim Kleiderkauf im Weg ist. Greer trägt darum lieber weite Kapuzenpullis und versucht, auch ihre Gefühle zu verbergen. Doch dann passiert einiges Aufregendes in Greers Leben und sie  lernt, ihren Körper und vor allem sich selbst, zu lieben. Die Geschichte mit Jackson tut ein übriges und Greer entdeckt das Glück!

Ein witzig-ironischer Jugendroman, der sich sehr klug mit Körperwahrnehmung und Selbstbewußtsein auseinandersetzt. Nicht nur für Mädchen lesenswert!


Im Webshop bestellen:

https://felix-jud.buchkatalog.de/webapp/wcs/stores/servlet/Product/3000003000305/175705/10002/-3/Buecher_Kinder--und-Jugend/Laura-Zimmermann/Meine-Augen-sind-hier-oben/4099276460822241237/4099276460822241224/4099276460822241224