Mittwoch, 23. Juni 2021

Best of Frühjahr 2021

Die besten Neuerscheinungen Belletristik des Frühjahrs und wichtige Themen des ersten Halbjahres 2021, zusammengestellt von Marcus Dahmke

Mit dem Juni ist das erste literarische Halbjahr schon wieder vorbei und in den Buchhandlungen beginnt die Vorbereitung für den Herbst. Aber jetzt ist noch Zeit, die vielen hervorragenden belletristischen Texte Revue passieren zu lassen, die die deutschsprachigen Verlage im Laufe der letzten sechs Monate veröffentlicht haben. Und wie so häufig lassen sich einige (vor allem thematische) Trends feststellen. Natürlich gibt es Überschneidungen, andere Leser und Leserinnen würden sehr wahrscheinlich andere Themengruppen und andere Lektüren wählen. Diese Übersicht ließe sich ohne Weiteres kürzen oder ergänzen.

Letzten Endes entscheiden immer Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, was Sie mit diesem Blogbeitrag anfangen wollen, ob dieser Sie inspirieren wird, Sie neugierig macht (hoffentlich) oder ob er Sie aufgrund der Auswahl oder aus anderen Gründen irritiert zurücklässt (hoffentlich nicht). Eines sei noch der Vollständigkeit halber gesagt: alle Bücher sind von uns als Felix-Jud-Team als „besonders empfehlenswert“ im Bereich „Belletristik“ eingestuft worden, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Keine Berücksichtigung haben in dieser Zusammenstellung Neuübersetzungen von Klassikern gefunden (auch wenn diese so modern daherkommen wie James Baldwin und Tove Ditlevsen, die wir natürlich auch sehr empfehlen möchten!).


Erzählungen aus aller Welt

Corona hat dafür gesorgt, dass entweder epische Werke hervorgeholt worden sind - von Proust war häufig die Rede - aber die Liebe zu den kleinen feinen Texten, die man nach einem anstrengenden Tag vor dem PC, an dem die Konzentration langsam aber sicher nachlässt, hervorholen kann, ist ungebrochen.

Haruki Murakami: Erste Person Singular (Dumont)

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami erzählt vom Menschen – und vom Affen! Dem Ich, in seiner ganz eigenen Art und Weise. Man lernt das Alleinsein zu schätzen in diesen melancholisch-nachdenklichen Texten, die mit altbekannten Themen spielen: Musik, Baseball und ... Literatur. Und freuen auch Sie sich schon auf das Buch über Murakamis Lieblings-T-Shirts, das im Herbst erscheinen wird?!

Carlos Ruiz Záfon: Der Friedhof der vergessenen Bücher (S. Fischer)

Das letzte Buch des 2020 verstorbenen Carlos Ruiz Záfon ist eine Sammlung von Erzählungen. Noch einmal geht es nach Barcelona zum Friedhof der vergessenen Bücher in mystischen, fantastischen, historischen und kriminellen Geschichten, die vor Lebendigkeit sprühen. Ein Wiedersehen mit alten Freunden. Nur manchmal nah an kitschigen Tönen.


Familie und/oder Individuum

Familienbande waren weltweit in letzter Zeit besonders gefragt, in der Literatur spiegelt sich das Bedürfnis nach gemeinsamer Wärme oder auch dem Zerwürfnis von Bekannten ebenfalls in einigen Romanen wider. Häufig geht es aber auch hier um die Freiheit und Einzigartigkeit des Individuums.

Buwalda: Otmars Söhne (Rowohlt)

Peter Buwalda lässt im ersten Teil seiner Trilogie einen Sohn seinen vermeintlichen Vater finden, obwohl dieser gar nicht nach ihm gesucht hat. Damit liegt Pulverdampf in der Luft.

Goldblum: Eine ganze Welt (Hoffmann und Campe)

In Goldie Goldblums Roman muckt eine schwangere Großmutter im New Yorker jüdisch-orthodoxen Milieu gegen die Beschränkungen ihrer Gemeinde.

Annalena McAfee: Blütenschatten (Diogenes)

Eine Londoner Künstlerin plant ihren internationalen Durchbruch: mit einer Blumeninstallation. Nicht innovativ genug? Ein junger Kunststudent mischt das eingespielte Team um Eve auf.

Kracht: Eurotrash (Kiepenheuer und Witsch)

In eine ganz besondere Mutter-Sohn Geschichte nimmt uns Christian Kracht hier mit. Auf einen Roadtrip durch die Schweiz, in der die Grenzen zwischen Realität und Literatur zu verschwimmen scheinen.


Identität

Identität war bereits DAS Thema im letzten Jahr (und in den Jahren zuvor?!). Auch im Frühjahr 2021 sind spannende und teils sehr literarische Titel über den eigenen Platz in der Welt erschienen, über Eigen- und Fremdzuschreibungen, Vorurteile ... Wie divers ist die Welt heute? Wie sah es vor Jahren und Jahrzehnten aus?

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc. (Tropen)

Als schwarze, lesbische Dramatikerin hatte es Amma lange sehr schwer in Londons Theaterszene und jetzt erscheint auch noch ein provokantes Stück. Eine von vielen Lebensgeschichten, die Evaristo in experimenteller Form dem Leser, der Leserin präsentiert.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum (S. Fischer)

Ada lebt nicht in einer Zeit, in einem Raum, sondern in vielen. Sie kämpft als Frau um Anerkennung, trägt an ihren guten wie auch schlechten Erfahrungen und zeigt manchmal offen, manchmal versteckt, wer sie ist und was sie sein möchte.

 

Tier, Mensch, künstliches Wesen

Der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse greift das Thema bereits auf: der Mensch stammt vom Tier ab. Wie aber wird die Wechselbeziehung von Tier und Mensch in der Belletristik 2021 beschrieben? Und wie sieht es in der Zukunft aus? 

T. C. Boyle: Sprich mit mir (Hanser)

Wie sehr ist der Mensch Affe, haben Tiere Seelen, einen Geist? Hier werden Grenzen ganz neu verhandelt, hier scheinen die zunächst scharf geschnittenen Unterschiede sich mehr und mehr aufzulösen. Ein bahnbrechendes (literarisches) Experiment!

Sylvain Tesson: Der Schneeleopard (Rowohlt)

Der Schneeleopard. Ausgestorben?! Nein, ein Tier soll noch in Tibet leben, nach langer Annäherung sei es zu erreichen, erhofft sich Munier in Sylvain Tessons Roman. Was für Entbehrungen muss der Mensch in Kauf nehmen, um sich dem Tier zu nähern? Und auf welche Art und Weise tut er dies?

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne (Blessing)

Der Literaturnobelpreisträger blickt mit den Augen der Künstlichen Freundin (KF) Klara auf eine uns in vielem bekannte Welt. Können Roboter fühlen? Ein nachdenklich machendes Buch über unseren Umgang mit dem Leben, und den Menschen, die uns umgeben.

 

Besondere Empfehlungen

Nichts für schwache Nerven und nur schwer zu ertragen, aber großartig sind die Romane von Ian McGuire: Der Abstinent und der Kriegsheimkehrerroman von Robin Robertson: Wie man langsamer verliert. Eine Honorable Mention im Napoleon-Jahr möchte ich noch aussprechen: Garde: Der gefangene König (C. H. Beck).


Auch wenn wir die früheren Romane von Otessa Moshfegh und Christoph Ransmayr lieben, haben es die neuen leider dieses Mal nicht auf die Liste geschafft. Warum? Sprechen Sie uns gerne an und fragen nach!

Dienstag, 22. Juni 2021

Die letzten Tage mit Scott und Zelda

Marcus Dahmke rezensiert Beautiful Fools von R. Clifton Spargo, erschienen bei Ebersbach & Simon, und anderes aus dem Fitzgerald-Kosmos.

Zelda und F. Scott Fitzgerald; dem ,literarischen' Lebensweg dieses Glamourpaars der Roaring Twenties in Amerika ist nun ein – abschließendes?! - Kapitel hinzugefügt worden: R. Clifton Spargo schreibt vom letzten gemeinsamen Ausflug und dem Versuch eines Neuanfangs in der Fremde. Damit spielt der Roman ein paar Jahre nach den Ereignissen, die Joséphine Nicolas in Tage mit Gatsby - Produkt (buchkatalog.de) schildert.


Vom einstigen Vorzeigepaar, das man noch auf einem humorvoll-skurrilen Roadtrip entlang der Ostküste der USA in Die Straße der Pfirsiche - Produkt (buchkatalog.de) kennenlernen durfte, ist nur noch wenig geblieben. Seit den Nervenzusammenbrüchen in den 30er Jahren verbringt Zelda längere Zeit in unterschiedlichen Nervenkliniken (und schreibt an ihrem Roman Ein Walzer für mich - Produkt (buchkatalog.de)). Der einst so erfolgreiche und bekannte Stern am literarischen Himmel, Autor von Der große Gatsby - Produkt (buchkatalog.de): F. Scott Fitzgerald, verlischt zusehends. Verunsichert und alkoholsüchtig taumelt er durch die Great Depression der Börsencrashzeit. Egozentrik, ein beidseitig geführter Konkurrenzkampf und die Hoffnung auf Anerkennung - eine zermürbende Hassliebe - kennzeichnet das Zusammenleben im Folgenden (nachzuhören im Eheprotokoll von 1933 in: Wir waren furchtbar gute Schauspieler, 2 Audio-CDs - Produkt (buchkatalog.de)).

Vom Publikum abgestoßen, seinen Süchten verfallen und mit hohen Schulden im Gepäck zieht sich Scott aus dem öffentlichen Leben zurück. Im Schatten des Ruhms, in der Nähe der großen Filmstätten Hollywoods, beginnt er wieder zu schreiben: Erzählungen und Drehbücher für MGM (Für dich würde ich sterben - Produkt (buchkatalog.de)).

Ende der 30er Jahre, wenige Monate vor dem Tod von F. Scott Fitzgerald durch zwei Herzinfarkte, setzt der Roman Beautiful Fools - Produkt (buchkatalog.de) von R. Clifton Spargo ein. Erzählt wird von der Kuba-Reise des Ehepaars im Jahr 1939, aus der Sicht eines Erzählers, der sowohl Scotts als auch Zeldas Lebenswelt abbildet. Der Ton ist bewusst melancholisch gehalten, schwankend wie die Stimmungen der beiden Hauptprotagonisten, zwischenzeitlich aber durchaus Distanz vermittelnd.

Für Neulinge der Fitzgerald Welt bietet die deutsche Ausgabe leider weder Vor- noch Nachwort zum Lebensweg des Ehepaars. So können Anspielungen zu Scribners bzw. Max Perkins, bei dem nicht nur Scotts Bücher mehrheitlich erschienen sind, sondern auch Zeldas zerstückelt herausgegebener Roman Ein Walzer für mich, nicht unbedingt zur Fülle ausgekostet werden; aber später - bei Bedarf - nachrecherchiert werden,

Auch in die zerrütteten Lebenswelten wird man abgesehen von einer Einführung, die Anfang der 1930er Jahre spielt, recht unvermittelt hineingeworfen.

Stark ist der Roman in seinen anspielungsreichen Details: Scotts Beziehung zu Sheilah Graham, das „Phantom“ Hemingway, der als Person zwar nie selbst auftritt, sich aber in vielen Gedankengängen von Scott und Zelda wiederfindet, ein sagenumwobenes Notizbuch.

Ein Begegnen und Entfremden der Protagonisten findet in zahllosen Wiederholungen und in unterschiedlichen Situationen statt. Unterschiedliche Gefühlslagen werden ausdifferenziert, die viel zitierte Hassliebe ist omnipräsent. Eine gute Ergänzung für Liebhaber und Liebhaberinnen.

Tage mit Zelda und Scott

Sie waren vielleicht DAS Paar der Roaring Twenties: F. Scott und Zelda Fitzgerald! Marcus Dahmke spricht mit der Autorin Joséphine Nicolas über ihren Roman Tage mit Gatsby, erschienen im Dumont Buchverlag. 

Joséphine Nicolas ©MinaMassias

Dahmke: Liebe Joséphine Nicolas, F. Scott und Zelda Fitzgerald! Was fasziniert Sie an diesen beiden Charakteren?

Nicolas: In der Tat scheint das enorme Faszinationspotential der Fitzgeralds auch nach einhundert Jahren ungebrochen. Sie betörten die High Society New Yorks, tanzten durch die Prohibition, badeten nachts in Springbrunnen. Glamour, Skandale, Schlagzeilen - Zelda und Scott waren Meister der Selbstinszenierung, waren besonders, und selbstverständlich wussten sie um dieses Attribut. Wer könnte sich dem arroganten Charme ihrer Jugend entziehen? Die turbulenten Roaring Twenties galten den beiden als ideale Bühne, das Paar rückte sich stets neu ins Rampenlicht, um dem eigenen Mythos weiteren Glanz zu verleihen.

Doch es sind ihre kaleidoskopischen Charaktere, die für mich von Interesse sind, die mich überhaupt zu einer Recherche veranlassten. Hinter der rebellischen Fassade finden sich verletzliche Eigenschaften; sensible Menschen, denen die sich auflösende Grenzen zwischen Realität und Fiktion zum tragischen Verhängnis wurde.

Dahmke: Der große Gatsby ist zum zeitlosen Klassiker geworden und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Warum übt genau dieser Roman von F. Scott Fitzgerald eine so große Sogkraft auf das Lesepublikum aus?

Nicolas: Interessanterweise hat sich dieser Sog erst nach Scotts Tod in den Vierzigerjahren entwickelt; tatsächlich war das Buch nach Erscheinen 1925 trotz guter Kritiken ein Flop.

Weitaus eindringlicher als seine beiden vorangegangenen Romane verkörpert der ‚Gatsby‘ das Sinnbild der Epoche des Jazz Age. Der Text ist geprägt von raschen, an Filmsequenzen erinnernde Szenewechseln, damals ein stilistisches Novum. Er steckt voller Symbolik und Vieldeutigkeiten, entzieht sich an manchen Stellen gar einer eindeutigen Auslegung, so dass er fast mystisch anmutet und Raum für Interpretationen bietet. Mich fasziniert der virtuose Sprach- und Erzählstil des Autors; wie bei vielen anderen Leser und Leserinnen wohl auch, ist es die poetische Verdichtung der Prosa, die mich in den Bann zieht. Wenngleich Scott anfangs den Titel und das Cover für den Misserfolg verantwortlich machte, war es neben dem Fehlen einer zentralen Frauenfigur übrigens genau jene Kürze, die ihm zum kommerziellen Verhängnis wurde. Zwischen den mondänen Buchdeckeln findet sich auf nicht einmal zweihundert Seiten eine Geschichte, die erst spät ihren Zauber entfalten sollte.

Dahmke: In Ihrem jüngst bei DuMont erschienenen Roman erzählen Sie aus Zeldas Sicht die Geschichte des einen Sommers, in dem Der große Gatsby entstanden ist. Wie dicht kann man den Sommer mit Fakten rekonstruieren und wie viel muss Fiktion bleiben?

Nicolas: Es war mir ein großes Anliegen, Tage mit Gatsby so authentisch wie möglich an die reale Geschichte heranzuführen. Während meiner einjährigen Recherche habe ich mich intensiv mit der Materie beschäftigt und auch sämtliche Schauplätze aufgesucht, ein wichtiges Kriterium, um ein Gespür für Stimmungen, für Geräusche und Gerüche unterschiedlicher Orte zu erhalten. Eine perfekte Grundlage waren die Texte der Fitzgeralds; nur wenige Literaten haben Leben und Wirken derartig eng miteinander verwoben wie die beiden. Ihre Romane und Erzählungen lesen sich an vielen Stellen wie autobiografische Gesellschaftsporträts, die häufig von erschütternder Intimität geprägt sind. Darüber hinaus schaffen Tagebücher, Notizen und vielfältige Erinnerungen ihrer Zeitgenossen ein atmosphärisch dichtes Bild jener Jahre. Das Material bietet also eine fantastische Bandbreite, so dass es keines erfundenen Plots bedarf. Und doch habe ich Ungereimtheiten entdeckt, die mir als Autorin die Möglichkeit gaben, unbestreitbare Fakten mit jener Dramaturgie zu versehen, die literarische Figuren zum Leben erwecken. Tage mit Gatsby ist eine Collage aus Fakten und Fiktion mit fließend gestalteten Übergängen.

Dahmke: „Das Beruhigende ist, dass es viele Wahrheiten gibt“, zitieren Sie mehrmals während der Geschichte. Oder in Scotts Worten: “Sometimes I don’t know whether Zelda and I are real or whether we are characters in one of my novels.” Die fiktive Welt scheint sich (nicht nur in Scotts Romanen) mit der realen zu vermischen.

Nicolas: Lange Jahre haben sich die Fitzgeralds nicht an der Verschmelzung ihrer Welten gestört, ganz im Gegenteil, sie liebten die Inszenierung, den Rollenwechsel, das Spiel mit den Erwartungen einer begeisterten Leserschaft. Erst als Zelda mit ernsthafter Ambition eine eigene Karriere anstrebte, bekam das Leben der beiden Risse, aus denen Neid, Missgunst und Geltungsdrang hervorquollen.

©josephinenicolasschreibt_instagram

Dahmke: Apropos Zelda: Wie ausschlaggebend war sie bei der Entstehung der Texte? Was für Kämpfe musste sie austragen, um anerkannt zu werden: als Frau, als Schriftstellerin?

Nicolas: Zweifelsohne ist Zeldas Einfluss auf das Werk ihres Mannes unschätzbar hoch. Sie war seine Liebe, seine wichtigste Ansprechpartnerin. Als charismatische Muse -  geistreich, kritisch und belesen - inspirierte sie zu immer neuen Romanheldinnen. Auch wenn Scott sich ihrer Liebesbriefe und Tagebücher bediente, seinen Namen unter ihre Geschichten setzte und Zelda höchstens als Koautorin in Erscheinung trat, wird allgemein angenommen, dass Zelda hauptsächlich an den Überarbeitungen der Romane ihres Mannes beteiligt gewesen war. Die traurige Wahrheit ist, dass Zelda Zeit ihres Lebens nicht die Anerkennung bekam, die sie sich gewünscht hatte. Weder als Autorin noch als Tänzerin oder Malerin. Dabei versuchte sie auf vielen Wegen für ihre Talente wahrgenommen zu werden und finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Scott wusste die Ambitionen seiner Frau zu verhindern. Der Rosenkrieg des Paares kulminierte in jenen Jahren, als Zelda während eines Psychiatrieaufenthaltes einen Roman schrieb, der in Teilen das Material von Scotts ‚Zärtlich ist die Nacht‘ vorwegnahm.

Dahmke: Ein Walzer für mich.

Nicolas: Genau. Auch nach Scotts Tod 1940 blieb sie lange Jahre lediglich die Ehefrau des berühmten Schriftstellers, was daran gelegen haben mag, dass das Paar während der Roaring Twenties beinahe ausschließlich mit sich selbst beschäftigt war. Anfang der Siebzigerjahre ist es der Biografin Nancy Milford gelungen, sie aus dem Schattendasein zu befreien und als eigenständige Persönlichkeit in der Gesellschaft zu positionieren. Milford bezeichnete Zelda als Symbol einer vereitelten Künstlerin.

Dahmke: F. Scott Fitzgerald wird seiner Trinksucht verfallen und abgeschieden in Hollywood landen, Zelda von Nervenzusammenbrüchen ihr restliches Leben fristen. Was wird von den Fitzgeralds in Erinnerung bleiben? Das glamouröse Paar der Goldenen Zwanziger oder der langsame psychische und körperliche Verfall, eher die Schattenseite ihres einstigen Daseins?

Nicolas: Das ist eine sehr spannende Frage. Die Antwort dürfte die unterschiedlichsten Meinungen hervorrufen, möglicherweise richtet sie sich nach der Intensität der Beschäftigung mit der Materie. Ich denke, die Fitzgeralds haben mit ihrem Lebensstil einen großen Anteil zu unserem heutigen Bild der Zwanzigerjahre beigetragen. Party, Rausch, Glamour. Ihr Name transportiert nach wie vor das Gefühl des unbändigen Lebenshungers jener Zeit, den Willen zum Ausprobieren und Überschreiten jeglicher Grenzen, diesen unglaublichen Freiheitsdrang.

Idealerweise kennt man die vollständige Biografie der beiden, weiß um ihre leisen Anfänge, die anrührenden Liebesbriefe, die sie sich schrieben. Spannt den Bogen über die Roaring Twenties, die tumultartigen Streitgkeiten Anfang der Dreißiger, schließlich die Krankheit Zeldas, die in der damaligen Zeit erschütternden Behandlungsmethoden unterlag. Weiß um die  Krankheit Scotts. Das Paar stand vor der Hoffnungslosigkeit, vor dem absoluten Nichts,  und gab doch nicht auf. Das bezeugen die Liebesbriefe, die zu schreiben sie wenige Jahre vor Scotts Tod wieder aufnahmen. Obwohl er in Hollywood längst mit einer anderen Frau liiert war, erlosch die Liebe der Fitzgeralds nie ganz. Sie waren nicht mehr das romantische Paar von einst, doch die Zeilen sind voller Zärtlichkeit. Und vielleicht ist es genau diese Verbundenheit, die Zelda und Scott der Nachwelt hinterlassen wollten …  

Dahmke: Was für schöne abschließende Worte! Vielen Dank, liebe Joséphine Nicolas!

Nicolas: Es war mir eine Ehre, Herr Dahmke! Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Interview.

 

Den Roman von Joséphine Nicolas können Sie bequem über den Felix Jud Webshop bestellen Tage mit Gatsby - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen.

 

Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf die Instagram-Seite von Joséphine Nicolas:

@joséphinenicolasschreibt

Dienstag, 25. Mai 2021

Annalena McAfees dritter Roman: Blütenschatten

Annalena McAfee neuer Roman Blütenschatten ist gerade bei Diogenes erschienen. Marcus Dahmke rezensiert:


Annalena McAfee dürfte im deutschsprachigen Raum, auch wenn Sie bereits mit Zeilenkrieg und Zurück nach Fascaray zwei Romane vorgelegt hat, (noch) recht unbekannt sein. Das ändert sich hoffentlich spätestens jetzt! Die in London geborene Autorin, ehemalige Feuilletonredakteurin bei der "Financial Times" und Gründerin der Kunst- und Literaturbeilage des "Guardian", hat nun ihren dritten Roman vorgelegt.

Foto: © Ollie Grove

Spielt ihr Debüt Zeilenkrieg im journalistischen Milieu und setzt sich mit dem Aufeinanderprallen von zwei unterschiedlichen Generationen und Typen von Journalistinnen auseinander, begibt sich McAfee nun literarisch in den nicht minder von Konkurrenzkampf und Erfolgsdruck gezeichneten Kunstbetrieb. 

Die Protagonistin von Blütenschatten, die Künstlerin Eve Laing, irrt durch das nächtliche London. Erinnerungen beherrschen ihre Gedankenwelt. Immer wieder wird die Rahmenhandlung unterbrochen, um Szenen aus der Vergangenheit zu zeigen: Eves Werdegang, eine wilde Jugend, der künstlerische Aufstieg, begleitet von kleineren und größeren Skandalen und Affären, ihre Ehe erscheint in Eves Augen trostlos und fad, geprägt durch Routinen und eine beidseitig einnehmende Arbeit.

Ein größerer Auftrag bietet der verkannten Künstlerin nun die Chance, sich in der modernen, in vielfacher Hinsicht kompromisslosen und durch die mediale Aufbereitung mehr und mehr beeinflussten Kunstwelt zu beweisen und Anerkennung zu finden. In ihrem Atelier im Osten Londons bereitet sie eine Installation vor: Ölbilder, die Nachtschattengewächse in einer vermeintlich idyllischen Bergwelt zeigen, filmische Frequenzen, die in Dauerschleife das Leben der Blumen vom Verwelken bis zum Keimen festhalten, und in Glaskästen schwebenden Pflanzen. Es soll ihr Meisterwerk werden. 

Mit einer kleinen eingeschworenen Gruppe aus Künstlerinnen und Künstlern stemmt sie sich dem Zeitdruck, bestimmt durch Händler und Galerien, entgegen. Mitglied dieser Gruppe ist ein junger Kunststudent, Luka, viele Jahre jünger als Eve, mit dem sie eine Affäre anfängt. Aber ist diese Liebesbeziehung glückbringend und belebend für das Projekt oder ist es doch eine Affäre zu viel im Leben?  



Annalena McAfee hat eine Protagonistin erschaffen, die einem – als ganz subjektivem Leser – zutiefst zuwider ist, so nazistisch und verantwortungslos sie in ihrer Art, vor allem im Umgang mit anderen Menschen, daherkommt. Ein Leben, das geprägt ist von Neid und Missgunst. Je tiefer man in Eves Erinnerungen vordringt, je mehr Affären und abstruse Geschichten sich dem Leser offenbaren, desto ambivalenter erscheint einem aber auf einmal die Protagonistin. Oder doch nicht? ... Ein Leben ohne Rücksicht auf Verluste? Oder Schachfigur in einem Intrigenspiel?

Blütenschatten ist ein Text voller Dämonen (eigenen und fremden), ein Spiel mit Licht und Schatten, ein literarisches und psychologisches Manipulationsspiel erster Güte.


Ein kleiner aber – wie ich finde – lohnender Ausflug in die Botanik: Nightshades, wie das Buch im englischen Original heißt, oder auch Nachtschattengewächse (Solanaceae), charakteristisch durch fünfzählige Blüten mit verwachsenen Kelchblättern, verströmen in der Nacht einen betörenden Geruch. Sie dienen als Nahrung und Zierpflanzen und können in der Medizin u.a. als Rauschmittel verwendet werden. In geringen Dosen haben einige Nachtschattengewächse zwar eine schmerzlindernde (tröstende) Wirkung, die meisten Früchte und Blätter dieser Pflanzenfamilie sind allerdings giftig!

Den neuen Roman von Annalena McAfee können Sie bequem über den Felix-Jud-Webshop bestellen Blütenschatten - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen. 

Mittwoch, 19. Mai 2021

Bibliothek Deutscher Klassiker

Über einen instagram-Deal zweier Antiquare

„Als die Postmoderne regierte, gründete Siegfried Unseld den Deutschen Klassiker Verlag, der die gesamte klassische Literatur unseres Sprachraums in höchsten Ansprüchen genügenden Ausgaben verfügbar macht.“ Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Nicht nur Leser und Kunden informieren sich immer mehr auf den Social-Media-Kanälen über Bücher und Autoren, sondern auch der eine oder andere Antiquar legt an langen Corona-Abenden den Wiegendruck einmal (natürlich nur kurz) zur Seite und lässt sich von der schwerelosen Welt der bunten instagram-Bilder ablenken. Aber bevorzugt schaut man sich dann eben doch die inhaltsvollen Postings und Stories der buchliebenden Kolleginnen und Kollegen an. Zu einem Handel kam es dabei jüngst zwischen Michael Solder (Münster) und Robert Eberhardt (Felix Jud Hamburg). Im Chat kam man auf die „Bibliothek Deutscher Klassiker“ zu sprechen, die Michael Solder in Münster fand und den Kollegen in Hamburg darauf ganz wild machte. 

Michael Solder (links) und Robert Eberhardt (rechts)
Michael Solder und Robert Eberhardt

Dieser fragte sogleich seine zwei Kolleginnen Marina Krauth und Annegret Schult, die seit Jahrzehnten als Buchhändlerinnen bei Felix Jud wirken, wie sie die Chancen für solch eine, mehr als 200 Einzelbände umfassende komplette Sammlung einschätzen. Es war rasch klar: diese Sammlung muss nach Hamburg! Denn als geschlossene, alle Bände umfassende Zusammenstellung hatte man die "Bibliothek Deutscher Klassiker" bisher nur einmal im Haus. Zudem intensiviert man zur Zeit das Kuratieren ganzer Bibliotheken und daher ist eine solche Sammlung mehr als willkommen. 

Gesagt, getan. Michael Solder setzte sich in sein Auto und eine Maske auf und kam in den Genuss einer kleinen Dienstreise. Ein bisschen Möwengeschrei und maritimes Feeling in diesen reiselosen Zeiten... Sein portugiesisches Essen to go bekam der reisende Antiquar vom Restaurant sogar in echten Töpfen mit aufs Hotelzimmer. Da sage mal einer, auf einer Corona-Reise könne man nichts erleben...

 

Zurück zur „Bibliothek Deutscher Klassiker": Die Übergabe geschah in freudiger Stimmung an einem Montagmorgen. In acht Chiquita-Bannanen-Kartons verstaute Michael Solder seinen Schatz. Im Grunde bestätigte man sich eine halbe Stunde nur darin, dass jeder Anwesende die acht Kisten voll des „deutschensprachigen Geistes“ eigentlich selbst besitzen möchte… Nur wie bezahlen? Das Schicksal des Buchhändlers und Antiquars bleibt das Gehenlassen des Geliebten...


201 Einzelbände umfasst die Bibliothek


Mit der Anlieferung der kompletten Bibliothek schließt sich auch ein Kreis. Denn als Siegfried Unseld Mitte der 1980er Jahre durch Deutschland tourte und die Buchhändler des Landes für sein Projekt begeisterte, besuchte er auch Wilfried Weber, damaliger und langjähriger Inhaber der „Hamburger Bücherstube“, wie "Felix Jud & Co" sich damals noch ganz gemütlich nannte. Von literarischer Inbrunst bebende Verleger bei ebensolchen Buchhändlern… hach ja, das war 1985. Unseld schrieb in seinen Reiseberichten, die in Auswahl 2020 erschienen, auch über seine „Promotour“ nach Hamburg: 

 

„Flug nach Hamburg via München. Im Flugzeug Claus Peymann. Da war plötzlich Peymann wieder auf meiner Seite. Wie könne man Bernhard bewegen, daß er mit ihm, Peymann, kooperiere? Freilich sei es ja gut, wenn keine andere österreichische Bühne Bernhard spielen könnte, aber er müsse frei darüber verfügen. 


Hamburg 

In der Reihe der Nobel-Hotels, die sich der Klassiker-Verlag für die Abendessen mit den Buchhändlern ausgesucht hatte, fügte sich das Atlantic gut ein; freilich, diesmal war das Hotel für die teilnehmenden Buchhändler wirklich richtig. Es waren nicht - wie im Berliner Kempinski - Jungbuchhändlerinnen, sondern wirklich die prominenten Leute des Buchgeschäfts anwesend. Und die waren sehr angetan von der Bibliothek und ihrer Präsentation.


Albrecht Schöne hielt einen sehr guten Vortrag über die Genesis der Zeile von „auf eigenem Grund und Boden stehen“ bis hin „auf freiem Grund mit freiem Volke stehen“.


Am nächsten Morgen Besuch bei den Buchhandlungen Saucke und Jud. Mit Herrn Weber habe ich eine besondere Aktion für das Evangeliar besprochen. Seine Überlegung ist, sofortiger Werbebeginn für die Subskription bei der ersten Ausstellung im August in Braunschweig. Für die Werbung braucht er zumindest eine Doppelseite. Dann: bei Veranstaltungen im kleinen Kreis von Interessierten müsse ein Blindband vorliegen. Bei der Subskriptionsbestellung wäre eine Zahlung von DM 5000,- erforderlich. Herr Weber wird sich weiter „Gedanken“ machen.“


(Siegfried Unseld: Reiseberichte. Herausgegeben von Raimund Fellinger, Suhrkamp, 2020, S. 206f)

Siegfried Unseld später zu Besuch bei uns, 75. Firmenjubiläum, 1998. Auf dem Foto von links: Gottfried Honnefelder, Günther Christiansen, Marina Krauth, Wilfried Weber, Siegfried Unseld.


Ein neues Handelsmedium, das uns eine so wertvolle Bibliothek ins Haus brachte - wir sagen "Danke instagram!".


Die Bibliothek Deutscher Klassiker ist bei uns erhältlich. Hier mehr erfahren.


Samstag, 3. April 2021

Über Genrefragen, Erinnerung und die Edelbauer'sche Übertreibung. Im Gespräch mit Raphaela Edelbauer

In einer riesigen Forschungsanlage wird die Superintelligenz „Dave“ entwickelt. Der Programmierer Syz ist einer von vielen, die sich Tag für Tag abrackern, um ihren Teil zum Gelingen dieses großangelegten Projekts beizusteuern. Ob es gelingen kann, eine Maschine mit menschlichem Bewusstsein auszustatten? Davon und von vielem mehr erzählt Raphaela Edelbauer in ihrem neuen Roman Dave, erschienen bei Klett-Cotta. Marcus Dahmke hat mit Ihr gesprochen.


Dahmke: Liebe Frau Edelbauer, was meinen Sie? Ist Künstliche Intelligenz ein Thema der Zukunft oder doch der Gegenwart?

Edelbauer: Ich denke, dass man in der Gegenwart bereits mehr oder weniger gut Tendenzen ablesen kann, die in der Zukunft geschehen werden. Wenn man gesellschaftspolitisch zu schreiben gewillt ist, sollte man auf der einen Seite zur Lebenswirklichkeit Bezug nehmen, auf der anderen Seite sollte man etwas skizzieren, das ein gewisses Potenzial hat in einigen Jahrzehnten noch relevant zu sein. Zumindest verstehe ich es so für die Texte, die ich mache.

Dahmke: Warum ist die Entwicklung von Dave so wichtig für die Menschheit? Und warum steht Syz, die Hauptperson Ihres Romans, dem Ganzen eher skeptisch gegenüber?

Edelbauer: Nunja, zunächst steht Syz dem Ganzen überhaupt nicht skeptisch gegenüber. Er ist ein typisches Kind seines Labors. Er glaubt an Dave und die verheißenen Verbesserungen. Ich benutze bewusst nicht den Begriff Propaganda, weil ich finde, für Propaganda fehlt dem Ganzen die Lügenkomponente, die bewusste Manipulation klassischer Dystopien wie Orwells 1984, die Leute glauben einfach daran, dass Dave viele Probleme der Menschheit lösen wird, wobei man sich noch wenig darüber im Klaren ist, worin diese Probleme überhaupt bestehen.

Syz beginnt dem Ganzen skeptisch gegenüberzustehen zunächst einmal aus einem persönlichen Grund. Nachdem es im Vorfelde immer wieder zu Abstürzen und zu teilweise sehr existenziellen Krisen in diesem Labor gekommen ist, wird nun Syz ausgewählt; als die Person, der Dave nachgebildet werden soll. Die sogenannte Personenhypothese besagt, dass es entscheidend sei, dass es ein reales Vorbild für solch eine Superintelligenz gibt. Auch wenn die KI über das menschliche Bewusstsein hinaussteigt, muss sie vom menschlichen ausgehen. Das ist der Grundgedanke. Syz beginnt sich in diesem Gedanken zu verlieren, kann man sagen. Dieses Unwohlsein könnte die Initialzündung für die Art Skepsis sein, die später erst theoretisch unterfüttert wird mit dem Gedankenmaterial seines Vorgängers.

Dahmke: Es gibt mehrere Gruppierungen innerhalb der Anlage, die Dave für ihre Zwecke nutzen wollen. Welche sind das und warum sind diese so abhängig von der Erschaffung eines künstlichen Bewusstseins?

Edelbauer: Die zwei Gruppierungen, die ich als Hauptparteien nenne, sind die Neoterraner und die Transhumanisten. Die eine Gruppe glaubt, man müsse von der Erde weg und andere Galaxien besiedeln – es ginge darum, die Intelligenz und das beseelte Leben von Planet zu Planet zu bringen – und die andere Gruppe meint, dass der Körper überwunden werden muss und dass man sich der Unsterblichkeit nähernd ein künstliches Bewusstsein hochladen solle. Warum diese so abhängig von der Erschaffung eines künstlichen Bewusstsein sind ... Sie sind eigentlich eher davon abhängig, dass im Labor sehr unreflektierte Heilsversprechen dominieren, könnte man sagen. Sie instrumentalisieren Heilsversprechen, die die Ängste der Menschen oder auch ein wenig die Orientierungslosigkeit der Menschen ausnutzen. Diese Form der Fortschrittsgläubigkeit, wie ich sie in Dave skizziere, hat viel damit zu tun, dass Religion weggefallen ist und kein entscheidender Formfaktor des modernen Lebens mehr ist und irgendwie ersetzt werden muss. Man kann das Transzendente nicht ausklammern aus der menschlichen Erfahrung.

Dahmke: Das Thema KI ist seit jeher mit einer Reihe von moralphilosophischen Fragen verbunden. Namhafte Science-Fiction Autoren haben sich mit diesen Fragen abgequält. Provokativ gesagt: Ist ihr Roman ein Science-Fiction Roman? Wenn nein, warum nicht?

Edelbauer: Das ist eine schwierige Frage, weil ich denke, dass Science-Fiction-Romane nicht prinzipiell von ihren Grundannahmen anders sind als normale Romane. Ich meine, was sind überhaupt „normale“ Romane?! Ist ein Roman ein Unterhaltungsroman, wenn er unterhaltend ist oder ist ein Roman ein Frauenroman, wenn er von Frauen gelesen wird?

Ich glaube, diese Genrebezeichnungen sind künstliche Strukturen, die wir uns errichten.

Was ich gerne anführe, ist, dass ich keine Technologien verwendet habe, die nicht heute schon denkbar sind. Das ist für mich ein relevanter Faktor. Gerade deswegen, weil ich den Roman zeitlich nicht genau platziere. (lacht) Ich komme mir schon selber ganz hängen geblieben vor, weil ich es immer wiederhole, aber es ist tatsächlich sehr schwierig über den Roman zu reden ohne die entscheidendsten Entwicklungen vorweg zu nehmen. Aber wenn man ihn so liest, wie ich ihn intendiert habe – was natürlich kein Zwang ist! – ist es möglich, dass der Roman nicht in der Zukunft spielt, ist es möglich, dass er jetzt spielt. Das habe ich über einen ganz massiven Plotttwist gelöst, der hier nicht verraten werden soll.

Dahmke: Erinnerung in Form einer erzählten, rekonstruierten Vergangenheit, spielt eine wichtige Rolle. Lieber in die Vergangenheit gucken, als über die Zukunft sinnieren?

Edelbauer: Auch eine sehr schwierige Frage, die man eigentlich nicht beantworten kann, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten... Erinnerung spielt eine größere Rolle als Vergangenheit. Erinnerung kann sein, wie wir uns in der Gegenwart unsere Identität chronologisch zurechtlegen. Zum Beispiel: es muss überhaupt nicht sein, dass, wie ich mich heutzutage an meine Kindheit erinnere, tatsächlich der Vergangenheit entspricht. Das ist ein sehr wichtiges Thema in diesem und in meinem ersten Roman Das flüssige Land, in dem es vorrangig ja auch um Vergangenheit und Geschichte geht. Der Mensch konstruiert immer die Vergangenheit. Und tja (lacht) Zukunft spielt eben auch keine so große Rolle! Ich denke, dass diese zwei Oppositionen nicht so entscheidend sind.

Dahmke: Sie haben Sprachkunst studiert und nehmen den Leser in ihren Texten gerne mal „auf den Arm“. Was ist die Edelbauer‘sche Übertreibung? Und warum sollte diese neben dem Begriff kafkaesk demnächst im Duden stehen?

Edelbauer (lacht): Auf der einen Seite aufgrund meines Egozentrismus. Nein, Spaß beiseite, ich bin nicht sonderlich narzisstisch veranlagt. Beispielsweise finde ich meine Bücher selber sehr imperfekt. Es gibt tausend Dinge, die ich schon kurz nach dem Druck wieder ändern würde. Nichtsdestotrotz glaube ich, ist eines der Dinge, die ich am besten beherrsche, eben diese Form der Übertreibung ist. Ich bevorzuge immer, wenn es eine Auswahl gibt zwischen verschiedenen Formulierungen, die extremste; diejenige, die die Realität bis an ihre Grenzen des gerade noch glaublichen ausreizt. Und das finde ich wahnsinnig lustig, aus sprachästhetischen und humoristischen Gründen. Außerdem weil die Welt absolut unfassbar ist. Schon, wenn wir sagen, wir nehmen nur die Fakten an und übertreiben gar nichts, ist das schon dermaßen übertrieben, ausgehend von dem Zustand, den man eigentlich erwarten würde. Ich glaube und hoffe, dass diese Form der Übertreibung eine tiefe Wahrheit enthält.

Dahmke: Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Edelbauer!


Hinweis: Die Antworten wurden vom Interviewer transkribiert und ggf. mit der Genehmigung der Autorin leicht für den Blog angepasst.  


Den neuen Roman von Raphaela Edelbauer können Sie bequem über den Felix Jud Online Shop bestellen DAVE - Produkt (buchkatalog.de) oder am Neuen Wall abholen.

Samstag, 27. März 2021

Die Einheit der Welt

© UHH RZ, Mentz

Dahmke:
Liebe Frau Recki, in der schönen Reihe Fröhliche Wissenschaft, die bei Matthes und Seitz erscheint, ist ihr neuester Essay „Natur und Technik. Eine Komplikation“ erschienen. Von der Prometheus-Sage über Philosophen wie Rousseau und Kant und dem Universalgenie Leonardo Da Vinci schreiben Sie über ein sich stetig wandelndes und sich ausdifferenzierendes Natur- und Kulturverständnis. Rousseau meinte gar, dass die Kultur den Menschen weg von der Natur führen würde... Leben wir also in einer nur mehr vom Menschen geformten aber naturfernen Welt? Wie enggefasst ist unser „modernes“ Naturverständnis?

Recki: In der These, dass wir in einer vom Menschen völlig überformten Welt lebten, ja es gäbe vor lauter menschlichem Eingriff  gar keine Natur mehr, wird Natur so vorgestellt, als wäre sie ein Rohstoff, der sich in der Formung verbraucht, und dabei zugleich als ursprüngliche Güte und Wildnis, die man vor der menschlichen Berührung hätte schützen müssen. Die beiden Vorstellungen widersprechen einander nicht nur – sie drohen uns auch zu desensibilisieren gegenüber den vielfältigen Weisen, in denen mitten in der zivilisierten Welt die Natur weiterhin fortbesteht und wirkt. Da finde ich: das Verhältnis von Natur und Kultur hat ein achtsameres Denken verdient. Schließlich steht es im Zentrum des menschlichen Selbstverständnisses. In meinem Essay habe ich Station gemacht bei einer Handvoll markanter und prägender Positionen, die zum Nachdenken über diese Komplikation einladen – über den Menschen, zu dessen Natur es gehört, Kultur zu haben. Im Fokus steht das Erbe Rousseaus, das uns bis heute belastet. Laut Rousseau ist der Mensch von Natur aus gut – und es ist die Kultur, es ist mit anderen Worten sein eigenes Werk, das ihn verdirbt, indem es ihn von der Natur entfremdet. Der Gedanke ist gut gemeint, aber fatal selbstwidersprüchlich. Ich setze Kants spekulative Einsicht dagegen, dass der Mensch als Lebewesen mitsamt seiner Vernunft und Freiheit ein „Naturprodukt“ ist. 

Dahmke: Lässt sich der Dualismus „Natur – Kultur“, bzw. physis und thesis überwinden? Und wenn ja, wie?   

Recki: Dieser Dualismus soll uns ja die Welt und unsere Stellung in ihr durch eine gedankliche Konstruktion verständlich machen. Und er lässt sich zunächst auch nur dort auflösen: Im Denken. Dabei muss man  aber sehen, dass unser Handeln durchlässig ist für die Gedanken, die uns überzeugen. Ein solches Konstrukt ist deshalb nicht bloß ein Problem der Theorie, sondern zieht seine Praxis nach sich. Das heißt aber auch: Wenn wir uns zutrauen, ihm eine Alternative wie die der komplizierten Funktionseinheit entgegenzusetzen, kann es gelingen, unsere Wahrnehmung zu präzisieren und unsere Praxis daran zu orientieren. – Für das Thema meines Essays hat das eine besondere Pointe: Es ist eine andere Technik, ein anderer Umgang mit Technik denkbar, worin die ganzheitliche Überzeugung vom Verhältnis Natur-Kultur Gestalt annimmt und in die Gestaltung der Welt eingeht.

Dahmke: Natur und Kultur. Aber was hat die Technik und Leonardo Da Vinci mit beidem zu tun? Leben wir in einer Leonardo-Welt?

Recki: Was Kultur ist, wird in der Technik exemplarisch: Sie gilt als Extremfall dessen, was sich als `Menschenwerk´ von allem natürlich Gegebenen absetzt. Wie unter einem Brennglas kann man im Blick auf die Technik studieren, was Kultur, was ihr Nutzen und Nachteil für die Menschheit ist. In dem häufig beschworenen Gegensatz zur Natur wäre indessen Technik gar nicht möglich – sie funktioniert nur auf der Basis der Naturgesetze.

Und Leonardo? Sein Ingenium besteht darin, dass er Wissenschaft, Technik und Kunst zu einer Einheit gebracht hat – zur arbeitsteiligen Einheit wechselseitiger Steigerung produktiver Funktionen. In Leonardo verkörpert sich der neuzeitliche Entwicklungsschub, dem die abendländische Welt ihre Verfassung verdankt. Der Ausdruck „Leonardo-Welt“, den der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß geprägt hat, ist die Metapher für die spezifische Rationalität, die sich in unserer Kultur ausprägt. – Ja, und mir scheint die Diagnose, dass wir in einer Leonardo-Welt leben, weiterhin zutreffend – vorausgesetzt wir nehmen in den Begriff auch das Element auf, das Hans Blumenberg in seiner Würdigung Leonardos geltend gemacht hat: die politische Rationalität.

Dahmke: Vielen Dank, liebe Frau Recki!


Birgit Recki: Natur und Technik. Eine Komplikation. DE NATURA VIII. Fröhliche Wissenschaft bei Matthes und Seitz Bd. 178. Entweder über unseren Webshop Natur und Technik. Eine Komplikation - Produkt (buchkatalog.de) oder vor Ort bei Felix Jud bestellen oder einfach abholen.