Freitag, 7. November 2014

Gedanken zur digitalen Zukunft: Stellen Sie sich vor, ...



... Sie finden die Dame oder den Herrn ihres Herzens über eine Partnervermittlung im Internet. Sie lernen sich kennen und lieben und heiraten schließlich. Die Partnervermittlung frohlockt und profitiert von ihren Daten, indem auch weitere Paare aufgrund ähnlicher Übereinstimmungen zusammengeführt werden. Die Partnervermittlung arbeitet also mit ihren Daten und verdient Geld damit denn schließlich ist die Nutzung solcher Portale nicht kostenlos. Fänden Sie es nicht fair, eine gewisse, wenn auch minimale Vergütung dafür zu erhalten, dass ihre Daten zum Gewinn und Erfolg der Partnerbörse beitragen? Im Sinne von Jaron Lanier wäre dies ein Beispiel für humanistische Informationsökonomie. Wäre unsere digitale Welt würdevoll, so Lanier, wäre jeder einzelne Mensch der kommerzielle Eigentümer aller seiner Daten, die sich aus seiner Situation oder seinem Verhalten ermitteln lassen.

Die Realität aber sieht anders aus, wie der Autor in seinem jüngsten Werk Wem gehört die Zukunft? (Hoffmann & Campe) eindrücklich vor Augen führt. Ohne Skrupel geben Internetnutzer und damit ein jeder von uns Daten persönlichster Natur an Plattformen wie Google und Facebook weiter, um deren Dienste kostenlos zu nutzen. Während einige große Konzerne dadurch immer reicher werden, gehen im Zuge der Digitalisierung und Prozessautomatisierung mehr und mehr Arbeitsplätze verloren, warnt Lanier. Beispiel 3D-Drucker: Womöglich werden irgendwann in der Zukunft Smartphones oder Tablet-Computer ebenso wie beispielsweise Kleidung einfach ausgedruckt. Menschliche Arbeitskraft? Nahezu überflüssig. Freilich, das ist noch Zukunftsmusik. Nicht umsonst bezeichnet Lanier sein Buch als Science Fiction in Form eines Sachbuchs. Aber: So, wie die Menschheit bisher ihre Welt rund um digitale Netzwerke organisiert hat, kann von keine Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit keine Rede sein, bekräftigt der Autor. Eben dafür Bewusstsein zu schaffen, ist das Ziel seiner Streitschrift.

Spannend für alle Buchliebhaber sind Lanier Ausführungen zur Zukunft des Buches, die allerdings, wie er betont, Skizzierungen auf Basis der bisherigen Entwicklung darstellen. Die Digitalisierung macht es (schon jetzt) möglich, dass ein jeder auf einfachstem Wege und schnell ein Buch veröffentlichen kann. Zugleich wird sich die Art und Weise des Schreibens und Rezipierens ändern. Ein und dasselbe Buch wird nicht für jeden Leser oder bei jedem Lesevorgang unbedingt dasselbe bleiben, so Lanier. Das ist plausibel, bedenkt man, dass bereits heute aus Blog-Episoden Bücher werden oder umgekehrt die Handlung eines Buches im Web fortgeschrieben wird. Eine Entwertung des Buches muss dies nicht zwangsläufig bedeuten. Die Generation der Digital Natives wird in Zukunft immer stärker crossmedial angelegte Geschichten wertschätzen und den Verlagen abfordern. Doch warnt Lanier zugleich: Ein Buch ist kein bloßes Objekt, sondern vollgültiger Ausdruck eines Individuums im Fluss der Menschheitsgeschichte. Und eben dies gelte es zu bewahren. Wohl wahr.

Laniers Ausführungen zu den digital geprägten Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen lesen sich hochspannend und rütteln auf. Es wäre wünschenswert, wenn seine eigene Hoffnung zuträfe, zumindest Verständnis für die Gefahren zu schaffen, die von einer Machtkonzentration auf wenige mächtige Konzerne und deren Sirenenserver ausgehen. All jenen, die sich damit nicht befassen mögen oder bereits resigniert haben, empfiehlt der Autor mit einem Augenzwinkern, beim Lesen eine Sonnenbrille aufzusetzen. Unsere Empfehlung an Sie, liebe Leser und Kunden von Felix Jud: Setzen Sie die Lesebrille auf (falls überhaupt nötig!) und widmen Sie sich Laniers scharfsinnigen Thesen.

Jaron Lanier, US-amerikanischer Informatiker, Musiker und Schriftsteller, ist am 12. Oktober dieses Jahres mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: „Mit der Forderung, dem schöpferischen Beitrag des Einzelnen im Internet einen nachhaltigen und ökonomischen Wert zu sichern, setzt Jaron Lanier sich für das Bewahren der humanen Werte ein, die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens, auch in der digitalen Welt, sind.“

Dienstag, 28. Oktober 2014

Wir fühlen uns ausgezeichnet

Feierliche Preisverleihung (Foto: Anke Wälischmiller)

Der Julius-Campe-Preis 2014 geht an die Buchhandelskooperation 5plus

Am 10. Oktober 2014 ist auf der Frankfurter Buchmesse der Julius-Campe-Preis an 5plus verliehen worden. Die Laudatio hielt Felicitas von Lovenberg, Autorin und Literaturchefin der FAZ.


Liebe zur Literatur, ein erlesenes Angebot, Sortimentsvielfalt, literarische Fachkompetenz und individuelle Beratung – so lauten die Erfolgsfaktoren jener acht unabhängigen literarischen Buchhandlungen, die sich 2009 auf Initiative von Wilfried Weber, Geschäftsführer Felix Jud, zur Kooperation 5 plus zusammenschlossen. Als Orte für literarische Gesprächskultur bereichern die Buchhandlungen das kulturelle Angebot in ihrem städtischen Umfeld – ganz im Sinne eines Zitates von Helmut Schmidt, der die deutschen Buchhandlungen einmal als „geistige Tankstelle der Republik“ bezeichnete, die einen kulturellen Auftrag in ihrer Umgebung erfüllen und einen wesentlichen Beitrag für die Leseförderung leisten.

Literarisches Gespür und Kundenservice
„5plus ist ein zusätzlicher Schritt, um uns gegenseitig zu unterstützen und unsere Bekanntheit in andere Städte zu tragen“, sagte Wilfried Weber 2009 zum Startschuss von 5plus. Gemeinsame Veranstaltungen, Marketingmaßnahmen, ein eigenes Logo und ein Kundenmagazin gehören zu den Initiativen, mit denen der Zusammenschluss in den vergangenen Jahren in der Branche Beachtung fand, als Paradebeispiel für Kundenorientierung und Marketingverstand gepaart mit literarischer Fachkompetenz.

„Mit dem Julius-Campe-Preis 2014 an die Buchhandlungen 5 plus wird auch die literaturvermittelnde Rolle des Buchhändlers vor Ort ausgezeichnet, die in vielen weiteren literarischen Buchhandlungen in ganz Deutschland erlebt und deren kulturelle Bedeutung nicht genug gewürdigt werden kann“, urteilen die Hoffmann und Campe-Geschäftsführer Daniel Kampa und Markus Klose anlässlich der Verleihung des Julius-Campe-Preises. Die Auszeichnung gilt „Persönlichkeiten oder Institutionen, die sich auf herausragende Weise literaturkritische und literaturvermittelnde Verdienste erworben haben“.

Namensgeber ist Julius Campe (1792 – 1867), der zu den größten Verlegern der deutschen Geschichte zählt. Als Entdecker von Heinrich Heine und als mutiger Förderer der Autoren des „Jungen Deutschlands“ wurde er zum Inbegriff des idealistischen Verlegers, der literarische Entdeckungsfreude mit gesellschaftlichem Engagement vereint. Und zu den diesjährigen Preisträgern passend: Julius Campe war nicht nur Verleger, sondern auch Buchhändler, in der Bohnenstraße 18 in Hamburg.

Ein Auftrag für die Zukunft
Wir 5plus Buchhändler(innen) sind stolz darauf, dass dieser Preis vom Hoffmann und Campe Verlag vergeben wird – der Verlag, in dem das Buch „Wem gehört die Zukunft“ des diesjährigen Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Jaron Lanier erschienen ist. Lanier weist in diesem Buch deutlich wie kein anderer auf die Veränderungen und Gefahren hin, die von Internetmonopolen wie Amazon ausgehen. Zusammenfassend sagt er: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“ 

Wir begreifen diese Auszeichnung als Verpflichtung für die Zukunft. Julius Campe schreibt an Heinrich Heine am 14. Oktober 1834: “Ich arbeite ja nicht wegen meines Futters so viel, wie ich arbeite; es ist das freudige Gefühl was mich treibt und fortreißt das ich am Buchhandel finde etwas wirken zu können, das nicht jedem gegeben ist...“ 

Die Julius-Campe-Preisträger der vergangenen Jahre:
2013: Felicitas von Lovenberg
2012: Petra Roth
2011: Roger Willemsen
2010: Elke Heidenreich
2009: Elisabeth Niggemann
2008: Wendelin Schmidt-Dengler (posthum)
2007: Klaus Reichert
2006: Michael Naumann
2005: Jan Philipp Reemtsma
2004: Joachim Kaiser
2003: Heinrich Detering
2002: Martin Walser







Sonntag, 22. Juni 2014

Neuübersetzung: "Washington Square" von Henry James, dem Meister des psychologischen Erzählens

Plötzlich stand er vor ihr, der „bemerkenswert gut“ aussehende junge Morris Townsend - die Bekanntschaft eines solch eloquenten Charmeurs zu machen, war kaum die Erwartung von Catherine Sloper gewesen, als sie sich zur Verlobungsfeier ihrer Cousine begeben hatte. Doch ganz offensichtlich war sein Interesse an ihr groß und ihr Entzücken nicht minder… der Beginn einer romantischen Liaison? Ganz so einfach verhält es sich nicht. Denn schließlich ist Catherine als Tochter eines wohlhabenden Arztes im New York Mitte der 1850er Jahre eine äußerst gute Partie. Das wiederum stimmt Catherines Vater misstrauisch gegenüber dem Werben des jungen Mannes. In den Augen von Dr. Austin Sloper ist Catherine nicht eben eine junge Dame, die das männliche Geschlecht durch ihre Schönheit, Anmut oder Intelligenz bezaubern könnte. Besitzt sie nach Ansicht ihres Vaters doch keine dieser Eigenschaften in besonderem Maße.

Es scheint, als stehe die sich anbahnende Beziehung zwischen Catherine und Morris unter keinem guten Stern. Zumal Catherine in ihrem Vater eine in jeder Hinsicht ehrenwerte moralische und autoritäre Instanz sieht. „Liebe fordert bestimmte Dinge als ihr Recht; Catherine aber hatte keinen Sinn für ihre Rechte; sie hatte lediglich ein Bewusstsein von unermesslichen und unerwarteten Gunstbezeigungen“, befindet der auktoriale Erzähler in Henry James Roman, der 1881 erstmals in Buchform erschien und jetzt bei Manesse in einer Neuübersetzung vorliegt. 

Und welche Motive hat Morris Townsend wirklich? Ist er ein Mitgiftjäger, wie von Dr. Sloper befürchtet? Dem Leser fällt es schwer, sich ein Urteil darüber zu bilden. Denn der Erzähler spielt meisterlich mit den Erwartungen des Lesers: Hier eine Andeutung, dort ein ironischer Kommentar und dennoch stets plastische Beschreibungen der emotionalen und rationalen Beweggründe und Beziehungen der Figuren untereinander.

Für zusätzliches Amusement des Lesers und Turbulenzen auf Handlungsebene sorgt Catherines Tante Lavinia Penniman, deren Hang zu romantischen und dramatischen Liebesgeschichten eine ganz eigene Wendung der Ereignisse bewirken mag.
Catherine selbst schwankt zwischen kindlichem Gehorsam, Pflichtgefühl, ihren Gefühlen für Morris und dem wachsenden Bedürfnis, eigenverantwortlich zu handeln und zu entscheiden.
Wird die zwölfmonatige Europareise, auf die Dr. Sloper seine Tochter mitnimmt, Catherine zur Vernunft bringen - wie ihr Vater es erhofft? Nach der Rückkehr ins heimische New York, an den Wohnsitz der Familie am Washington Square, verlaufen die Ereignisse anders, als es Catherine selbst erwartet hätte. 

Am Ende des Romans bleibt der Leser fasziniert zurück ob der sprachlichen Raffinesse, mit der Henry James das emotionale Innenleben und den Charakter seiner Figuren offenbar werden lässt, ohne damit die Wendungen der Handlung vorwegzunehmen. Vielmehr schwankt auch der Leser zwischen den doch all zu menschlichen Motiven der einzelnen Protagonisten. Und das ist ganz im Sinne des Autors: „Glaube nichts was dir irgendjemand über irgendjemand anderes erzählt. Beurteile jeden und alles für dich selbst“, lautet ein bekanntes Zitat von Henry James.

Die Neuübersetzung von „Washington Square“ (Manesse Verlag, Zürich, Übersetzung: Bettina Blumenberg, ISBN: 978-3-7175-2310-9, 24,95 Euro) ebenso wie weitere Werke des amerikanischen Schriftstellers erhalten Sie bei Felix Jud. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Mittwoch, 2. April 2014

Über die Bücherzukunft: Gesprächsrunde zum Jubiläum der Buchhandlungskooperation 5plus

Gemeinsam die Buchhandels-Zukunft prägen: Die Vertreter der Gemeinschaft "5plus"
Im Dialog die Buchhandelskultur pflegen, zweimal im Jahr ein eigenes Magazin publizieren sowie in einer Edition bisher unveröffentlichte Texte berühmter Autoren verlegen – mit diesen Ansprüchen gründeten fünf literarische Buchhandlungen 2009 „5plus“. Inzwischen erzielt das 5plus Magazin eine Auflage von 30.000 Exemplaren und wird vom Literaturarchiv in Marbach gesammelt. In der 5plus Edition sind Texte von Louis Begley, Irène Némirovsky, Willam Boyd und Henry James erschienen. 

Viel Anerkennung für ihre kreativen Ideen erhält die Gemeinschaft seither von Verlagen und Branchenkollegen und im Laufe der Jahre ist die Kooperation um drei weitere Mitglieder gewachsen, so dass mit Buchhandlungen in Österreich und der Schweiz der gesamte deutschsprachige Raum abgedeckt ist.

Das fünfjährige Bestehen von „5plus“ nahmen die Buchhandlungen Felix Jud (Hamburg), Dombrowsky (Regensburg), Klaus Bittner (Köln), Lehmkuhl (München), Leporello (Wien), Librium (Baden b. Zürich), Schleichers/Kohlhaas & Company (Berlin) und zum Wetzstein (Freiburg) zum Anlass für eine Gesprächsrunde über die „Bücherzukunft“. So kamen am 1. April im Hamburger Literaturhaus sechs Podianten zusammen, die im Buchmarkt und der Literaturszene auf unterschiedlichste Art und Weise wirken:

Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg und Mitgründer des Hamburger Literaturhauses
Ulrich Greiner, Literaturkritiker und ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT
Lothar Müller, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler
Michael Lemling, Geschäftsführer der Buchhandlung Lehmkuhl
Daniel Kampa, Verleger Hoffmann & Campe
Dagmar Fohl, Autorin


Eine lebendige Diskussion über die Zukunft der Buchbranche
entwickelte sich im Hamburger Literaturhaus
Wovon hängt die Zukunft des Buches und des Buchhandels ab? 
Vor diese Frage stellte Moderation Annemarie Stoltenberg die sechs Vertreter der Literaturszene. „In Zeiten einer virtuell verbundenen, digitalisierten Welt wird es zu einer der größten Herausforderungen, nachwachsende Generationen für das Lesen von Büchern zu begeistern“, betonte Klaus von Dohnanyi. „Denn wer früh beginnt zu lesen, der lässt es nicht mehr.“

Buchhandlungen, so führte Michael Lemling aus, müssten dabei ihren Trumpf als Orte des kulturellen Austausches ausspielen. „Mehr denn je sind wir als Buchhändler aufgerufen, mit unseren eigenen Meinungen und Emotionen vertreten zu sein. Sich mit den Kunden über ein Buch kritisch auseinanderzusetzen und Meinungsverschiedenheiten zuzulassen, stärkt die Beziehung zum Leser“, weiß Lemling aus Erfahrung.

Mit einem gewissen Eigensinn rückläufigen Markentwicklungen zu trotzen, sei Verlagen wie Buchhandlungen gleichermaßen empfohlen, befindet Daniel Kampa. Bei stetig wachsender Anzahl an Titeln, die jährlich um die Lesergunst werben, sichert eine glänzende Vermarktung noch lange nicht den Verkaufserfolg. Für Autoren heißt das zugleich: Auch sie sind stärker gefragt, wenn es darum geht, das eigene Buch öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen, führte Dagmar Fohl aus. „Qualität zu wahren und  literarische Vielfalt erhalten“ sind aus ihrer Sicht die unverzichtbaren Aufgaben des Buchhandels. Gerade inhabergeführte, mittelständische Buchhandlungen hätten den Vorteil einer größeren Flexibilität, bemerkte dazu Klaus von Dohnanyi.

Die wachsende Konkurrenz durch den Onlinebuchhandel ist gleichwohl nicht mehr wegzudiskutieren und - so stellte Ulrich Greiner klar - in Kleinstädten und ländlichen Gegenden ist das Internet eine wichtige Bezugsquelle für Lesestoff. „Das Buch selbst hat immer eine Zukunft. Die Frage ist nur, welche Formate und Geschäftsmodelle in der Buchbranche künftig tragfähig sein werden“, so Greiner.

In jedem Fall - darüber waren sich alle Podianten einig - sollte ein jeder Branchenvertreter mit Blick auf die Bücherzukunft ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen, um die eigene Rolle positiv auszufüllen. Um es mit den Worten von Wilfried Weber, Geschäftsführer von Felix Jud, zu sagen: „Wir müssen uns als Juwel verstehen, nicht als Nische“.

Fotos: Tim Brüning 


Samstag, 22. März 2014

Naturlyrik von Barthold Hinrich Brockes: Zeitlos schön


v.l. Prof. Jan Philipp Reemtsma, Prof. Volker Gerhardt
und Wifried Weber (Felix Jud)
Als „Hamburger Goethe“ betitelte die Tageszeitung „Die Welt“ einmal den Dichter und Senator Barthold Hinrich Brockes (1680-1747)— und nicht umsonst trägt eine Straße unweit des Hauptbahnhofes noch heute den Namen des Poeten. „Er war die literarische Berühmtheit jener Zeit in Deutschland“, bekräftigte Jan Philipp Reemtsma, als er am Abend des 19. März in den Räumlichkeiten der Buchhandlung Felix Jud Auszüge aus dem Werk von Brookes vortrug.

Mehrere tausend Seiten voll praller Natur-Lobpreisungen schrieb der Lyriker der frühen Aufklärung einst nieder. Nicht jedem mag die so entstandene Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ bekannt sein. Gleichwohl erschließt sie sich leicht einem jeden, der sich genussvoll von dem wahrhaftigen Wortschwall des Werkes einnehmen lässt. 

In der Tat spiegeln Brockes Verse eine impressionistische Sichtweise auf die Dinge wider, die auch heute noch zu begeistern und zuweilen zu amüsieren vermag. Denn es scheint nichts in der Natur zu geben, dass Brockes nicht entzückt und en détail beschreibt: Sonne, Luft, Wasser, durch Licht und Schatten veränderte Landschaften, Blumen jeder Sorte, ja selbst Kühe und Ameisen:

„In diesem holden Ort’ und schönen Lustrevier
erblickt ich einen Ameisenhaufen.
Ich sah Verwundrungsvoll dieß kleine Thier,
Mit unverdrossnem Fleiß und eifriger Begier,
Sich stets bewegen, rennen, laufen.
Es eilt sonder Ruh’, und hatte keine Zeit,
Die ungemeine Pracht, die holde Zierlichkeit,
Veränderung, Farben, Glanz, Schmuck, Ordnung, Seltenheit
Des Gartens anzusehn. Ach! rief ich überlaut:
Du scheinst, wie sehr mir auch vor der Vergleichung graut,
Uns zum belehrenden Exempel vorgestellt.
Die Ameis’ ist der Mensch, der Garten ist die Welt."

Barthold Hinrich Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott.
Erster und zweiter Teil. Hrsg. u. Kommentar von Jürgen Rathje.
Werke Bd.2. 2013. 1216 Seiten. €  98.- Verlag Wallstein
„Alles auf der Welt kann zur Produktion eigener poetischer Schönheit werden“, charakterisiert Jan Philipp Reemtsma die Lyrik von Brockes, der die Natur stets als eine von Gott gegebene Schönheit besingt, auf dass sie der Betrachter und Leser mit allen seinen Sinnen in sich aufsauge.

Die Mannigfaltigkeit der Farben, Schatten, Umrisse, Formen, optische Spiele - all dies steht bei Brockes besonders im Mittelpunkt, womit erneut die Parallele zum Impressionismus ersichtlich wird:

„Was entsteht nicht durch die Sonne
Überall für Nutz und Wonne!
Diese Licht- und Lebens-Quelle
Machet nicht nur jede Stelle
In der Luft, und auf der Erden,
Auch so gar in kalter Flut,
Lieblich, lustig, hell und licht;
Es wird, von der reinen Glut,
Durch das sinnliche Gesicht,
Selbst in meiner Seelen helle.“

Brachte es Brockes in Hamburg seinerzeit als Ratsherr zu Ruhm und Ehre, so verschaffte ihm sein dichterisches Werk landesweit Bekanntheit; insbesondere die Naturlyrik prägte er nachhaltig.

Mag er in längst vergangenen Zeiten seine Verse verfasst haben - auf faszinierende Weise schafft es Brockes noch heute, den Blick des Lesers auf die Natur neu zu schärfen und dabei wohlige Glücksgefühle auszulösen. Wer sich davon überzeugen mag, dem sei ein vertiefter Blick in das Werk von Brockes ans Herz gelegt.

Zum Abschluss noch ein paar beschwingte Verse von Brockes - passend zum Frühlingsanfang:

„Meine Seele hört im Sehen,
Wie, den Schöpfer zu erhöhen,
Alles jauchzet, alles lacht.
Höret nur!
Des beblümten Frühlings Pracht
Ist die Sprache der Natur,
Die sie deutlich durchs Gesicht
Allenthalben mit uns spricht.


Quelle aller Verse: Reclam, B.H. Brockes, „Irdisches Vergnügen in Gott“, ISBN 978-3-15-002015-9

Alle Fotos: Tim Brüning

Mittwoch, 12. Februar 2014

Murakamis neuer Roman: Heilt eine Reise in die Vergangenheit alle Wunden?

3,5 Millionen Menschen passieren täglich den „Shinjuku“ - den größten Bahnhof Tokios. Berufspendler und Reisende hechten von Zug zu Zug, schieben sich durch die Gänge und die Rolltreppen hinauf- und hinunter, um pünktlich ihr Ziel zu erreichen. Eigentlich kein idyllischer Ort, vielmehr eine Explosion großstädtischer Hektik.

Doch Tsukuru Tazaki liebt es, sich dort aufzuhalten. Er eilt nicht von A nach B, sondern setzt sich am Bahnsteig auf eine Bank, um das rege Treiben zu beobachten, die an- und abfahrenden Züge, Menschen, die einander wiedersehen, zusammen aufbrechen oder sich verabschieden. Stunden kann Tsukuru so vertreiben; es bereitet ihm nicht minder großes Vergnügen wie anderen Menschen ein Kinofilm oder ein Konzertbesuch.

So war es schon immer. Seit Tsukuru denken kann, faszinierte ihn die Bahnhofswelt - so sehr, dass er sie zu seinem Beruf machte und nun, im Alter von 36 Jahren, als gestandener Ingenieur Bahnhöfe konstruiert. Vielleicht ist ihm diese Eigenschaft bereits in die Wiege gelegt worden - denn „Tsukuru“ steht für das japanischen Verb „machen“.

Etwas zu schaffen, Bahnhöfe zu kreieren, damit andere Menschen sicher ans Ziel kommen, mag also Tsukurus Berufung sein. Doch er selbst hält sich nur für mittelmäßig - „farblos“, wie er es selbst formuliert. Und dies nicht ohne Grund: Seine vier besten Freunde aus der Schulzeit - zwei Jungen und zwei Mädchen - tragen allesamt eine Farbe in ihren Nachnamen. Ein wenig außen vor fühlte sich Tsukuru deshalb hin und wieder.

Mag dies auch der Grund dafür sein, dass er eines Tages, aus heiterem Himmel, aus der Gruppe ausgeschlossen wird? Dieser Frage folgt der Leser des neuen Romans von Haruki Murakami - „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ (Dumont). Der Mittdreißiger lebt seit seiner Studienzeit in Tokio, ist beruflich erfolgreich, hin und wieder führte er eine Beziehung, zur festen Partnerschaft und Heirat kam es nie.

Doch nun tritt Sara in sein Leben und damit erstmals eine Frau, mit der Tsukuru Tazaki sich eine
Copyright: Markus Tedeskino / Ag.Focus
gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Wenn da nur nicht dieses Problem wäre, das Tsukuru seit vielen Jahren mit sich herumträgt - genau genommen seit seinem zwanzigsten Lebensjahr, kurz nachdem er seine Heimatstadt Nagoya verlassen hatte.

Weshalb nur hatten sich seine vier Freunde damals so urplötzlich von ihm abgewendet? Schien es doch, als zeichne sich die Gruppe durch eine unzerstörbare Harmonie aus. Obwohl Tsukuru seinerzeit entsetzlich gelitten hatte und sich gar den Tod herbeiwünschte, vergrub er den Schmerz tief in seinem Unterbewusstsein.

Sara ist es, die ihn schließlich dazu bewegt, herauszufinden, was damals wirklich geschah und was aus seinen Freunden geworden ist. Die Reise in die Vergangenheit führt Tsukuru nicht nur ins heimische Nagoya, sondern auch nach Finnland.

Murakamis neuestes Werk bewegt sich zwischen großen, intensiven Emotionen, wie sie nur zwischenmenschliche Beziehungen hervorrufen können. Am Ende stellt sich heraus, dass Tsukuru womöglich doch gar nicht so farblos ist, wie er selbst glaubt. Schließlich baut er die besten Bahnhöfe - und vielleicht erschafft er - im metaphorischen Sinne - auch einen Bahnhof für Sara?

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Ganz und gar phantastisch: Ulrich Tukurs "Die Spieluhr"

„Seine Novelle ist eine Liebeserklärung an die Macht der Malerei und die Magie der Musik“, urteilte die ‚Augsburger Allgemeine’ über die Novelle „Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur. Wenn Kunst zum Gegenstand literarischen Erzählens wird, dann bildet die Buch- und Kunsthandlung Felix Jud einen würdigen Rahmen dafür. Bereits zwei Mal signierte Tukur sein Buch persönlich am Neuen Wall 13. Kurz vor Weihnachten wird der Schauspieler und Musiker ein weiteres Mal in unseren Räumlichkeiten zu Gast sein und exklusiv für unsere Kunden signieren.

Virtuos und opulent
Eine in diesem Jahr gestartete Imagekampagne des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels trägt den Claim „Vorsicht Buch!“, womit augenzwinkernd verdeutlicht wird, dass Bücher eine besondere Kraft entfalten, indem sie den Leser mit ihren Erlebniswelten faszinieren. Die Novelle des Schauspielers und Musikers Ulrich Tukur ist ein wunderbares Beispiel dafür. „Rauschhaft, fast labyrinthisch“, „opulente Bilder“, „halsbrecherisch und virtuos“ – so lauten die Rezensionen in den Feuilletons.

Die Novelle ist gewissermaßen eine literarische Verlängerung der Filmbiographie „Séraphine“ aus dem Jahr 2008. Ulrich Tukur spielte darin den deutschen Kunstsammler Wilhelm Uhde, der in die französischen Provinz umsiedelt und dort in seiner Putzfrau eine talentierte Malerin entdeckt, die er in der Folgezeit zu fördern versucht – erschwert durch die brisante weltpolitische Lage (Erster Weltkrieg, Große Depression).

Wir reservieren Ihnen ein signiertes Exemplar
In seiner Novelle verknüpft Tukur mit Raffinesse filmische Episoden mit historischen Grundlagen und phantastischen Elementen, heraufbeschworen mit Eindrücken eines vergessenen Schlosses in der Picardie, in dem ein Leben hinter den Bildern und damit zugleich andere Epochen erschlossen werden. Der Leser wird dabei mitgenommen auf eine Reise durch drei Jahrhunderte vom Rokoko bis zur Gegenwart.

Vorbild für den schmucken Einband der Novelle ist übrigens der Roman „Die andere Seite“ von Alfred Kubin. Wir freuen uns auf Ihren Besuch und beantworten Ihnen gerne weitere Fragen. Haben Sie Interesse an einem von Ulrich Tukur signierten Exemplar der Novelle? Dann schreiben Sie an kontakt@felix-jud.de. Wir reservieren Ihnen gern ein Exemplar!