Donnerstag, 4. März 2021

Über Stiftungen und Amazon-Algorithmen mit Ohren

Annegret Schult ist nicht nur Buchhändlerin bei Felix Jud, sondern auch in unterschiedlichen Stiftungen tätig. Mit Robert Eberhardt sprach sie über ihre Aufgaben, die Bedeutung von Stiftungen und Literaturpreisen, Siegfried Lenz und einiges mehr. 

Mitglieder der Siegfried Lenz Stiftung von links nach rechts:
Annegret Schult, Ulrich Greiner, Monique Schwitter, Prof. Dr. Rainer Moritz

Eberhardt: Liebe Frau Schult, seit vielen Jahren sind Sie im Kuratorium der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich für eine vielfältige Verlagslandschaft einsetzt. Was hat die Stiftung seit ihrer Gründung erreicht und was ist Ihre Funktion, Ihre Aufgabe?

Schult: Die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene, so die genaue Bezeichnung der Stiftung, wurde im Oktober 2000 von unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern sowie dem damaligen Kulturstaatsminister Dr. Michael Naumann gegründet. Der Name der Stiftung erinnert an den bedeutenden Verleger des deutschen Expressionismus, der von 1887 bis 1963 lebte und mit dem Kurt Wolff Verlag unter anderem in Leipzig wirkte. Unterstützt wird diese Einrichtung vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, von der Bundesregierung, vom Freistaat Sachsen und der Stadt Leipzig.

Die Stiftung versteht sich als Interessenvertretung unabhängiger deutscher Verlage und macht seit ihrer Gründung deutlich, dass in der Vielfalt unserer unabhängigen Verlagslandschaft ein enormer kultureller Reichtum steckt. Die Stiftung bemüht sich um die Bewahrung dieser Vielfalt, fördert und unterstützt sie, bietet ihnen ein Netzwerk und prämiert sie. Jährlich wird der Kurt Wolff Preis verliehen. Der Bund stockte die Preisgelder für die Gewinner des Kurt Wolff Preis gerade auf: der Hauptpreis ist mit 35.000 Euro dotiert und der Förderpreis mit 15.000 Euro. Meine schöne Aufgabe seit 2010 ist es zusammen mit den anderen Kuratoriumsmitgliedern die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie sind auch Mitglied in der Siegfried-Lenz-Stiftung. Wie kam es dazu?

Schult: Die Siegfried Lenz Stiftung ist noch recht jung, 2014 wurde der erste Preis an Amos Oz vergeben. Es folgten die Verleihungen an Julian Barnes, Richard Ford und jetzt 2021 an Ljudmila Ultitzkaja. Siegfried Lenz hatte die Stiftung noch selbst vor seinem Tod ins Leben gerufen. Die Siegfried Lenz Stiftung vergibt diesen bedeutenden, neuen Literaturpreis alle zwei Jahre, er ist mit 50.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit ihrem erzählerischen Werk Anerkennung erlangt haben und deren schöpferisches Wirken dem Geist Siegfried Lenz nah ist. Außerdem hat die Stiftung sich die wissenschaftliche Aufarbeitung seines schriftstellerischen und publizistischen Werks zur Aufgabe gemacht. Sie vergibt Stipendien und an junge Künstler und Wissenschaftler, insbe­son­dere Schriftsteller, um diese im Sinne des Stiftungszweckes zu unterstützen.

Zur Vergabe des Preises hat die Stiftung eine Jury berufen, in der ich seit 2016 Mitglied bin. Durch meine langjährige Tätigkeit bei Felix Jud bin ich neben Rainer Moritz, dem Leiter des Hamburger Literaturhauses, der Schriftstellerin Monique Schwitter und dem Journalisten Ulrich Greiner als Buchhändlerin eine gute Ergänzung, um die Preisträger auszuwählen.

Eberhardt: Sie haben Siegfried Lenz mehrmals getroffen. Was war er für ein Autor und Mensch?

Schult: Ein gewitzter und lebenskluger Menschenfreund! Wilfried Weber, der langjährige Inhaber von Felix Jud, und ich fuhren 2008 zu Siegfried Lenz und seiner Frau Ulla Reimer auf die Insel Fünen, um die Druckbögen von „Der Geist der Mirabelle“ signieren zu lassen. Wir bereiteten gerade eine Neuauflage der Erzählung im Verlag Felix Jud als Künstlerbuch vor, mit den dafür entstandenen Landschaftsbildern von Klaus Fußmann. Das war schon ein Erlebnis, dieser Besuch. Das Signieren war schnell erledigt, dann kam eine echte dänische Kaffeetafel zum Vorschein, die den eigentlichen Höhepunkt des Tages darstellte. Es gab noch ein paar andere Begegnungen, alle liebenswürdig und intensiv. Wie gesagt, ein Menschenfreund, und das prägt auch sein Werk.

Eberhardt: Was denken Sie: Nicht in allen literarischen Gremien und Jurys ist noch eine Buchhändlerin oder ein Buchhändler vertreten. Hat sich die Rolle dieses Berufstandes im individualisierten und digital geprägten Buchmarkt geändert? Braucht man diesen viellesenden Menschen, der zu gewissen Zeiten hinter einem Tresen, umgeben von abertausenden Bücher, steht überhaupt noch - trotz „Kunden die das kauften, schauten sich auch das an“? Was möchten Sie einem Amazon-Algorithmus entgegenhalten, wenn er online eingebildet vor Ihnen herumschaltet und Ohren hätte?

Schult: Die Rolle des Buchhändlers hat sich eigentlich nicht verändert. Er wird nur nicht mehr von so vielen Menschen vor Ort aufgesucht und zu Rate gezogen wie früher. Ein großer Teil der Leser glaubt, dass Amazon durch diese Leseempfehlungen „Kunden, die das kauften…“ eine Beratung bereitstellt! Du meine Güte, diese Menschen sollten einmal zu uns kommen oder zu jedem anderen engagierten Buchhändler, um unseren Gesprächen zu lauschen, die wir führen. Da kann es durchaus mal sein, dass eine Beratung kontrovers geführt wird und zwanzig Minuten andauert. Und dann kann es auch passieren, dass nur ein Buch oder auch gar keines gekauft wird. Aber dann, und das ist eine wirkliche Erfahrung, kommen diese Kunden wieder und wieder und die Anzahl der Buchkäufe, von denen wir ja schließlich leben, wächst und wächst. So haben wir Stammkundschaften gewinnen und über Jahre pflegen können, die zu freundschaftlichen Beziehungen wurden. Und nicht selten sind auch deren Kinder und Enkel Kunden geworden. Es ist eine wirkliche Bereicherung für beide Seiten, sich über Bücher face to face zu unterhalten! Wie oft hören wir: „So habe ich das noch nie gesehen.“ „Auf dieses Buch wäre ich ja nie gekommen!“ Diese persönliche Komponente und der lebendige Dialog ist natürlich von keinem Algorithmus berechenbar. Die Rolle des Buchhändlers ist unersetzbar. In Jurys und Gremien allemal. „Hab eine eigene Meinung!“ würde ich dem Amazon-Algorithmus mit Ohren entgegnen!

Die Preisträgerin des Siegfried Lenz Preises 2021 im Felix Jud Webshop: Eine Seuche in der Stadt - Produkt (buchkatalog.de)

https://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://www.siegfriedlenz-stiftung.org/

Keine Kommentare:

Kommentar posten