Freitag, 5. Februar 2021

Felix und Felicitas - Kinder- und Jugendbücher im Winter

Home-Schooling, lange Winterabende und vieeeel gemeinsame Zeit: Genau der richtige Moment, um Kinder und Enkel mit einem schönen Kinderbuch zu unterhalten oder zu unterrichten. Oder einmal wieder ein Kinderbuch an entfernte Nichten und Neffen, Freundeskinder verschicken - oder das Nachbarskind überraschen? Unsere Kinderbuchexpertin Constanze Hell hat einige Novitäten zusammengestellt. 

Sie können die Bücher bei uns via Mail oder Telefon bestellen und täglich zwischen 10 und 16 Uhr abholen oder sie sich ganz einfach über die unten stehenden Links via unseres Webshops nach Hause liefern lassen.


Kommt in die Felder, Wiesen und Wälder!: 365 Gedichte für jeden Tag.

Illustration: Preston-Gannon, Frann, 320 Seiten, Verlag ars edition, 28,00 EUR    

Diese wunderschön gestaltete Sammlung klassischer und moderner Gedichte ist eine poetische Einladung an alle kleinen und großen Leser nach draußen zu gehen und sich an unserer schönen Natur zu erfreuen. Angeordnet nach den Monaten eines Jahres entdecken wir jeden Tag bekannte und vielfach unbekannte Kinderlieder und Reime von Autoren wie Christian Morgenstern oder James Krüss, Wolfgang Borchert oder Mascha Kaléko. Farbenfroh und stimmungsvoll illustriert regt dieses Hausbuch voll großer und kleiner Tiere und Pflanzen uns zum Vorlesen oder Auswendig-Lernen an. 


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Go, Heyjin: Schneeglück verschenken

44 Seiten, Verlag Atlantis, 15,00 EUR 

Das Bilderbuch Schneeglück verschenken ist eine zauberhafte Freundschaftsgeschichte für große und kleine Leser. Der Winter naht und der Bär verabschiedet sich von seinen gefiederten Freunden, die in den warmen Süden fliegen wollen und verkriecht sich in sein Bett. Unsanft aus seinem Winterschlaf geweckt von den anderen lauten Waldtieren, sieht der Bär zum ersten Mal Schnee! Er ist so beglückt und begeistert, dass er einen kleinen Schneemann baut, den er seinen Vogelfreunden mit der Post in den Süden schicken will. Dieses Paket sorgt für eine große Überraschung!

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Schärer, Kathrin: Da sein. Was fühlst du? 

64 Seiten, Verlag Hanser, 12,00 EUR        

Es sind gerade aufregende Zeiten für alle und auch unsere Kleinsten durchleben täglich viele verschiedene Gefühle. Das neue Bilderbuch der Schweizer Bilderbuch-Künstlerin Kathrin Schärer da sein. Was fühlst Du? fängt die einzelnen Emotionen in treffenden Bildern ein. Ein ängstlicher Bär tappt durch den dunklen Wald, ein wütender Hase schreit laut seinen Ärger heraus und ein unentschlossener Elefant hält ein ungeduldiges Wiesel am Eisstand auf. So viele Situationen, in denen die Kinder sich wiedererkennen können, so liebevoll umgesetzt! Es geht uns wie dem Hasen mit seinem spannenden Buch: in einer anderen Welt sein! Einfach sein!


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Burnett, Frances Hodgson
: Der geheime Garten

Übersetzung: Müller-Wallraf, Gundula, Illustration: Ingpen, Robert, 240 Seiten, Verlag Knesebeck, 30,00 EUR 

Der geheime Garten von Frances Hodgson Burnett zählt zu den beliebtesten englischen Kinderbuchklassikern. Erstmals 1911 erschienen, zieht die Geschichte des Waisenmädchens Mary und ihrer beiden neuen Freunde Colin und Dickon ihre Leser auch heute noch in ihren Bann. 


Die immer etwas missmutige Mary kommt nach dem Tod ihrer Eltern aus Indien zurück nach England in das Haus ihres Onkel und Vormunds, der sich nicht sonderlich für sie interessiert. Auf ihren einsamen Streifzügen über das weitläufige Anwesen freundet sie sich mit Dickon, dem kleinen Bruder eines Hausmädchens, an und gemeinsam entdecken sie hinter einer großen Mauer einen geheimen, arg verwilderten Garten, mit dem es eine traurige Bewandtnis hat. Die beiden kümmern sich fortan um den Garten und Mary entdeckt im Haus einen weiteren geheimen Gast, ihren kranken Cousin Colin, der ebenfalls von seinem Vater missachtet wird. Die drei Kinder werden Freunde und gemeinsam bringen sie Colin das Laufen wieder bei.


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Zimmermann, Laura: Meine Augen sind hier oben.  

Übersetzung: König, Barbara, 336 Seiten, Arctis Verlag, 18,00 EUR 

Die 15-jährige Greer mag es überhaupt nicht, im Mittelpunkt zu stehen und fühlt sich doch ständig so! Schuld daran ist ihre große Oberweite, die die Mitschüler zu anzüglichen Bemerkungen verleitet und ihr nicht nur beim Kleiderkauf im Weg ist. Greer trägt darum lieber weite Kapuzenpullis und versucht, auch ihre Gefühle zu verbergen. Doch dann passiert einiges Aufregendes in Greers Leben und sie  lernt, ihren Körper und vor allem sich selbst, zu lieben. Die Geschichte mit Jackson tut ein übriges und Greer entdeckt das Glück!

Ein witzig-ironischer Jugendroman, der sich sehr klug mit Körperwahrnehmung und Selbstbewußtsein auseinandersetzt. Nicht nur für Mädchen lesenswert!


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"Vom Wind verweht" in einem neuen Gewand

1936 ist Gone with the wind von Margaret Mitchell erstmalig in den USA erschienen, im Herbst 2019 kam der Text in einer neuen zeitgemäßen Übersetzung von Andreas Nohl und Liat Himmelheber bei Kunstmann als Leinenband mit Schutzumschlag heraus. In Vom Wind verweht wird die Geschichte um Scarlett O’Hara, einer aus den Südstaaten Nordamerikas stammenden, jungen, selbstbewussten Frau erzählt, die in den Wirrnissen des Bürgerkriegs erwachsen wird. Über die Herausforderungen der Übersetzungsarbeit und vieles mehr hat Marcus Dahmke mit Andreas Nohl gesprochen. 


Dahmke: Lieber Herr Nohl, Sie haben den Text modern eingekleidet, wenn ich das so sagen darf. Bedurfte er eines neuen sprachlichen Gewandes?

Nohl: In der neuen Übersetzung wirkt er sicherlich moderner als in der alten. Das hat damit zu tun, dass wir den journalistischen Stil von Margaret Mitchell übernehmen. Hinzu kommt, dass die erste Übersetzung den zeitbedingt impliziten Rassismus des Buchs unerträglich verstärkt hat, ganz besonders auch in den Dialogen, in denen die Sklaven als geistig minderbemittelt erscheinen, während Mitchell nur ihren Dialekt phonetisch möglichst genau wiedergegeben hat. Zusätzlich hat man als Übersetzer die Möglichkeit, die Ausdrucksweise dem heute akzeptablen Sprachgebrauch anzupassen, also negroes heißen bei uns „Schwarze“ etc. Nur wo Rassisten reden, gebrauchen diese auch eine rassistische Sprache, und das ist ganz im Sinne von Mitchell, die dezidiert kein rassistisches Buch schreiben wollte, auch wenn es von einer stark vom Rassismus geprägten Zeit handelt. Wenn wir aber von Modernität in einem noch tieferen Sinn sprechen wollen, dann müssen wir uns vor Augen führen, was der traditionelle Südstaatenroman bis dahin gewesen war – nämlich eine chauvinistische Beweihräucherung der Sklavenhaltergesellschaft. Damit hat Mitchell gebrochen.

Dahmke: 1937 kam bereits die erste und bisher einzige Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach heraus, die sie bereits angesprochen haben. Über 80 Jahre später folgt nun die nächste von Ihnen und Liat Himmelheber. Weiß man als Übersetzer, wann der richtige Zeitpunkt für eine Neuübersetzung gekommen ist? Und wie haben Sie sich die Arbeit zu zweit aufgeteilt?

Nohl: Naja, es war ein Zufall, dass ich in einem Kompendium über amerikanische Autoren und Autorinnen auf Mitchell gestoßen bin und begann, ihrem merkwürdigen frühen Tod nachzuforschen – sie wurde ja am helllichten Tag von einem Taxifahrer zu Tode gefahren. Dabei habe ich mir dann die alte Übersetzung angesehen und fand, dass man einem so wirkungsmächtigen Buch doch im Deutschen eine angemessenere Form geben sollte. – Wir, also meine Frau und ich, haben uns einfach Portionen geteilt, ich habe angefangen, dann hat Liat angeschlossen. Insgesamt hat sie den etwas größeren Teil übersetzt. Dafür habe ich dann das Nachwort und die aufwendigen Anmerkungen beigesteuert. Und unsere Texte haben wir gegenseitig lektoriert. Dabei haben wir uns natürlich auch immer intensiv ausgetauscht.

Dahmke: Viele trauern dem alten Titel hinterher, dem poetischen e im Vom Winde verweht. Ist das Nostalgie oder hat man sich einfach zu sehr an die alte Übersetzung gewöhnt?

Nohl: Dazu sollte man vielleicht wissen, dass Gone with the wind einem Gedicht des englischen symbolistischen Dichters Edward Dowson entstammt, es ist eine Art Klagelied über eine verlorene Geliebte namens Cynara. Dowson schrieb Ende des 19. Jahrhunderts, er wurde von Stefan George geschätzt, der drei seiner Gedichte übersetzt hat. George hätte niemals „vom Winde“ geschrieben, weil er ebenso wenig romantisch veranlagt war wie Dowson. Also auch hier geben wir einer sachlicheren Version den Vorzug. Außerdem, wenn Sie sich einmal das Metrum von Gone with the wind und Vom Wind verweht anschauen, werden Sie eine Übereinstimmung feststellen.

Dahmke: Wie Sie in Ihrem Nachwort schreiben, wollten Sie sich am journalistisch-unsentimentalen Zeitgeist der 30er Jahre orientieren, weg von Romantizismen und neoromantischen Formulierungen... durch die Literaturkritik und die Verfilmung wird der Text aber vielfach noch als romantisierend wahrgenommen, auch wenn das die Autorin vielleicht gar nicht wollte. Arbeitet man als Übersetzer für eine Neuinterpretation einer Geschichte?  

Nohl: Da die alte Übersetzung stark in den Text eingegriffen hat durch Kürzungen und eine Veränderung der ganzen Stilhaltung, kann man in unserem Fall tatsächlich von einer „Neuinterpretation“ sprechen. Das heißt, die innere ästhetische Logik des Originals wird in der Neuübersetzung ernst genommen und möglichst nah am Ursprungstext ins Deutsche transportiert. Die Verfilmung des Stoffs verkürzt ein reichhaltiges, historisch gut recherchiertes Werk auf die reinen Liebeswirren, so dass es kein Wunder ist, dass hier der Eindruck von reiner Kolportage entsteht, doch das tut dem Buch Unrecht.

Dahmke: Ein Aspekt, der in den Monaten nach dem Erscheinen der Neuübersetzung heiß diskutiert worden ist, sind die Rassismen, die im Original und in der ersten deutschen Übersetzung verwendet worden sind. In der Erzählstimme wurden diese durch andere Worte, wie z.B. „Schwarzer“ für „Neger“ ersetzt. In den Gesprächen der Protagonisten tauchen Rassismen wie „Darky“ immer noch auf. Was für ein Drahtseilakt es sein muss, allen Lagern in der Diskussion gerecht zu werden, kann ich mir vorstellen. Wäre es nicht einfacher gewesen, bei der ursprünglichen Textgestalt zu bleiben bzw. was gab den Ausschlag für die Anpassung? 

Nohl: Ja, hier war eine seltsame Erfahrung, dass die einen uns vorgeworfen haben, wir hätten einen rassistischen Roman übersetzt, während andere Beheim-Schwarzbachs radebrechende Dialoge vermissten. Beide Sichtweisen basieren auf einem grundlegenden Missverständnis: nämlich dass es ein Buch über Rassismus sei. Das Werk hat aber keine rassistische Agenda, der Rassismus ist nur die gesellschaftliche Folie, vor der sich der Bürgerkrieg und die Emanzipationsgeschichte von Scarlett O’Hara abspielt. Dass Scarlett als Tochter eines weißen Pflanzers die Vorurteile ihrer Zeit gegenüber Schwarzafrikanern teilt, überrascht weiter nicht. Aber es gibt Szenen in dem Roman, die dem üblichen Rassenklischee unmittelbar widersprechen. Und außerdem handelt es sich um eine großangelegte Kritik der Südstaaten.– Was die „Darkys“ betrifft, so sind wir ja extra bei der ursprünglichen Textgestalt geblieben! Dieser verniedlichende Begriff für schwarze Sklaven kommt aus dem Mund von Sklavenhaltern, die Rassisten sind: genau diesen Zynismus wollten wir in der Übersetzung gewahrt wissen. Dass wir das N-Wort konsequent ersetzt haben, ist nicht nur eine Frage des Takts Menschen mit dunkler Hautfarbe gegenüber, sondern macht das Buch in unseren Augen für das heutige Publikum überhaupt erst lesbar.

Dahmke: Vielen Dank, lieber Herr Nohl, für das sehr interessante Gespräch und herzlichen Dank an Antje Kunstmann, die das Interview ermöglicht hat!

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Vom Wind verweht - Produkt (buchkatalog.de)

Donnerstag, 17. Dezember 2020

 

„FERTIG! mein Alter!“ [1]

Marcus Dahmke sprach mit der Übersetzerin und Herausgeberin Elisabeth Edl über Gustave Flaubert und empfiehlt für die weihnachtliche Lektüre die von ihr jüngst übersetzten Lehrjahre der Männlichkeit.

Dahmke: Liebe Frau Edl, um mit einer unkonventionellen Frage zu starten: Madame Bovary oder die Lehrjahre? Darf man sich als Übersetzerin zu einem Lieblingstext bekennen und sich einem der großen Romane zuordnen? Oder sollte man sich seine Neutralität bewahren?

Edl: Nein, man muss sich überhaupt nicht neutral verhalten, kann es auch gar nicht! Und deshalb steckt man vielleicht auch am stärksten in dem Buch drin, in den Figuren, in den Szenen, an denen man gerade arbeitet. Aber auch mit einem gewissen Abstand gibt es immer noch persönliche Vorlieben. Madame Bovary oder die Lehrjahre? Da entscheide ich mich für die Lehrjahre: sie sind das vielschichtigere, kompliziertere Buch, breiter angelegt, enthalten eine Fülle von Leben, also von ganz unterschiedlichen Leben, Lebensversuchen. Ein Buch über eine Epoche, eine ganze Welt, ein großes Panorama, unerschöpflich. Aber wie so oft, wenn sich zwei streiten, darf sich der dritte freuen: den Drei Geschichten gehört meine besondere Zuneigung, weil sie so konzentriert sind, so unglaublich fein und poetisch gearbeitet. Und das Dienstmädchen Félicité, ganz besonders ihr weltberühmter Papagei Loulou sind nicht umsonst sprichwörtlich geworden für Flaubert – unvergesslich.



Dahmke: Im Herbst ist die Neuübersetzung der Éducation sentimentale bei Hanser erschienen. Zuvor sind bereits Madame Bovary und die Drei Geschichten erschienen, die Sie ebenfalls ins Deutsche übertragen haben. Was waren und sind die Schwierigkeiten bzw. Hürden bei der Übersetzung von Flaubert?

Edl: Der Stil. Die Sprache Flauberts. Das, womit er sich selbst am meisten herumgeplagt hat. Flaubert wollte nicht einfach nur eine Geschichte erzählen, einen Roman, eine spannende Handlung, seine Idee war es, ein Kunstwerk zu schaffen, am liebsten „ein Buch über nichts“, das nur durch seine Sprache, durch den Stil existiert. Das ist natürlich total übertrieben, aber trotzdem war sein einziges Ziel die Kunst. Denken Sie zum Beispiel an Madame Bovary, eine durchschnittliche Arztgattin hält sich zwei Liebhaber, immerhin nacheinander, ruiniert die Ehe, die Familie und bringt sich um. Trivial. Das hätte ein x-beliebiger Dienstmädchenroman werden können, wovon es Hunderte gibt. Flaubert aber hat Jahre damit verbracht, damit es kein Dienstmädchenroman wurde. Er wollte beweisen, dass es eine triviale Handlung gar nicht geben kann, wenn der Stil allerhöchsten Ansprüchen genügt. Und wenn Sie mich fragen, was die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen sind, dann wäre die Antwort kurzgefasst: Flauberts Anspruch muss auch in der deutschen Sprache erfüllt werden.

Foto: D. P. Gruffot



Dahmke: Bei der Éducation sentimentale war u.a. die Titelfindung mit einigen Überlegungen verbunden. Wie kam es zu den Lehrjahren der Männlichkeit und welche Rolle hat Goethes Wilhelm Meister für Flaubert und den neuen deutschen Titel gespielt? (Ist die Ironie zurück im Titel?)

Edl: Das Problem liegt im Adjektiv „sentimentale“; die bisherigen Übersetzungen variieren hier die Begriffe „Herz“, „Empfindsamkeit“, „Gefühl“. Im Grunde stimmt das aber alles nicht, es geht nicht nur um Gefühle, es geht um den gesamten Charakter eines jungen Mannes, der erwachsen werden soll. Es geht also um Charakterbildung. Damit sind wir bei Goethe, der einen großen Einfluss bereits auf den jungen Flaubert hatte. Und da lag es für mich sehr nahe, durch den Begriff „Lehrjahre“ – den es übrigens auch in früheren Übersetzungen schon gab – auf diese Verbindung zu verweisen.

Dahmke: Madame Bovary kann als Fallgeschichte gelesen werden, die Lehrjahre wiederum als Roman einer ganzen Generation. Sie erwähnen in Ihrem Nachwort den Begriff des Bildungsromans, den ebenfalls Goethe mitgeprägt hat. Tatsächlich verfolgen wir den Protagonisten Frédéric Moreau auf seinem Weg im und um das politisch umkämpfte Paris der 1840er Jahre. Ein Weg zu moralischer Erkenntnis, zu tiefen Einsichten in die Liebe, die Gesellschaft, ins Leben... Oder doch nicht?!

Edl: Da komme ich zurück auf die Frage der Ironie, die ich Ihnen noch nicht beantwortet habe. Denn ohne diese Ironie ist bei Flaubert die Frage nach dem Bildungsroman gar nicht zu beantworten, also die Frage nach der Entwicklung, nach den Einsichten eines jungen Mannes. Das alles soll der Bildungsroman darstellen, analysieren: den Weg eines jungen, romantischen Mannes zur seriösen und nützlichen Existenz eines Erwachsenen in der bürgerlichen Gesellschaft. Dazu gehört alles: die Liebe, die Ehe (was ja nicht ein und dasselbe ist), der Beruf, die Karriere, die sozialen Beziehungen usw., eben alles. Und der Witz, die Ironie bei Flaubert besteht eben darin, dass diese Lehrjahre zu nichts führen, eben auch nicht zu reifer, gesellschaftstüchtiger, ehetüchtiger Männlichkeit. Frédéric Moreau, der Held, ist als erwachsener Mann eben auch nicht klüger als zuvor. Flaubert hielt nicht allzu viel von bürgerlichen Idealen. Und bei Lehrjahre der Männlichkeit hat mir natürlich der Bezug auf Friedrich Schlegels Roman Lucinde gefallen – ein Zwinkern in Richtung deutsche Romantik.

Dahmke: „FERTIG! mein Alter!“ schreibt Gustave Flaubert an einen Freund, nachdem er seine Éducation sentimentale nach jahrelanger Recherche und Arbeit am Text beendet hat. Die Würdigung für seine Arbeit blieb jedoch aus, der Roman wird von vielen zeitgenössischen Zeitungen verrissen. Erst nach Flauberts Tod fand der Roman Anerkennung. Warum? Proust, Benjamin, Kafka und viele weitere wurden von Flauberts Éducation beeinflusst. Wie und warum konnte sich die Éducation vom 19. Jhd. bis heute im Kanon behaupten? Was ist so „modern“ an Flauberts Erzählstil und seinen Themen? 


Edl:
Der Einfluss von Flaubert auf die moderne Literatur ist so riesig, man hat sich so sehr gewöhnt an seine Innovationen, dass einem fast gar nicht mehr auffällt, was daran so neu und unerhört war. Denken Sie an das, was ich vorhin über Madame Bovary gesagt habe: Nach den Lehrjahren war es ganz ähnlich. Die Kritik war empört: Wie kann man – noch dazu mit solchem Aufwand, wie Monsieur Flaubert ihn treibt – einen anspruchsvollen Roman schreiben über triviale Figuren und mittelmäßige Versager wie Emma Bovary und Frédéric Moreau? Das war damals eine ganz normale Frage. Heute käme kein Mensch mehr auf die Idee, ein Kunstwerk müsse sich zwangsläufig mit besonders edlen, herausragenden, tragischen, lehrreichen, vorbildhaften Figuren beschäftigen. Im Gegenteil! Aber wenn wir heute von einem Roman erwarten, verlangen, dass er uns etwas über unsere, über die wirkliche Welt verrät, und nicht über idealisierte Kunstfiguren, dann – ob es uns bewusst ist oder nicht – haben wir das in Flauberts Lehrjahren der Männlichkeit gelernt.

Dahmke: Was darf uns im Flaubertjahr 2021 (200. Geburtstag!) noch erwarten? In Ihrem Nachwort schreiben Sie etwas zu einer Neuübersetzung der Memoiren eines Irren...

Edl: Im Frühjahr 2021 erscheint bei Hanser die große Flaubert-Biographie von Michel Winock, in der Übersetzung von Petra Willim und Horst Brühmann, ein Meilenstein für alle, die mehr über diesen Autor erfahren wollen. Und zum Geburtstag am 12. Dezember selbst die Memoiren eines Irren, ein kleiner Roman, geschrieben vom 17-jährigen Flaubert! Nach den großen Meisterwerken dachte ich, es sei keine schlechte Idee zu zeigen: Wo haben Flauberts eigene Lehrjahre begonnen? Nach Abschluss der Arbeit an den Lehrjahren kam Flauberts Stoßseufzer: „FERTIG! mein Alter!“ Die Memoiren zeigen einen Flaubert, der noch lange nicht „fertig“ ist, das ganze Leben liegt noch vor ihm.

Dahmke: Herzlichen Dank, liebe Frau Edl, für das Interview und den Blick auf Ihren Schreibtisch!


Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit, Hanser 2020, S. 602, 42 Euro.



[1] Flaubert an Jules Duplan. Vgl. Nachwort von Elisabeth Edl. In ebd. Herausgeberin: Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit, Hanser 2020, S. 602.

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Sehnsucht nach dem Mond

 

Über das Lob für unsere Youtube-Lesung mit Daniel Mellem eines Twitter-Nutzers haben wir uns sehr gefreut: "Tolles Beispiel für ein hochprofessionelles Lesungs- und Gesprächsvideo in einer Buchhandlung. Chapeau"! Als Zusatzmaterial finden Sie hier ein verschriftlichtes Interview zwischen Marcus Dahmke und Daniel Mellem über dessen Debütroman „Die Erfindung des Countdowns“.

Dahmke: Lieber Herr Mellem, in meiner Jugend habe ich liebend gerne den französischen Schriftsteller Jules Verne gelesen und gehört; unter anderem auch den Doppelband „Von der Erde zum Mond“ und „Die Reise um den Mond“. Auch der Protagonist, Hermann Oberth, in Ihrem Roman hat mit Jules Verne geträumt: von der Möglichkeit mit einem Flugobjekt unseren Trabanten zu erreichen. Wie stehen Sie zu Jules Verne? Hat er Sie vielleicht sogar zum Physikstudium inspiriert?

Mellem: Jules Verne habe ich in meiner Kindheit nicht gelesen, aber sicher hat die Fiktion auch bei meiner Begeisterung für die Physik eine Rolle gespielt. Ich habe in meiner Jugend zum Beispiel unheimlich gern Star Trek: The Next Generation geschaut, das damals täglich im Fernsehen kann. Captain Picard und seine Crew haben sich mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Fragestellungen herumgeschlagen und das hat auch mich damals inspiriert. Leider gibt es heute meinem Empfinden nach nur noch selten positive Science Fiction. Wir beschäftigen uns sehr mit Dystopien und natürlich liegen in neuen Technologien auch immer Gefahren. Aber wissenschaftliche Neugier ist nichts, was per se schlecht ist – das dürfen wir dabei nicht vergessen.

Dahmke: Wie sind Sie auf den historischen Hermann Oberth, der zwischen 1894 und 1989 tatsächlich gelebt hat, aufmerksam geworden? Und warum ist die Wahl auf die Gattung des Romans gefallen? 

Mellem: Bis vor etwa fünf Jahren kannte ich Oberth selbst gar nicht. Damals las ich über Frau im Mond und stieß dabei zwangsläufig auf ihn. Er hat mich sofort fasziniert mit einem Leben voller Sehnsüchte und Verfehlungen. Nachhaltig beindruckt hat mich, dass Oberth schon früh von der Raumfahrt träumte und dann selbst dabei war, als die ersten Menschen zu Mond flogen – er war ein Utopist, der die Erfüllung seiner Utopie erlebte. Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, ein solches Leben erlebbar zu machen. Zu zeigen, wie es sich angefühlt haben könnte für so eine Figur, die exemplarisch steht für einen Menschen, der nach etwas greift, das er eigentlich nicht erreichen kann. Um so eine Perspektive einzunehmen, muss man natürlich erfinden – was aber nicht heißt, dass die Recherche entfällt. Im Gegenteil: Ich muss über die Fakten Bescheid wissen, damit ich überhaupt erst erfinden kann. Dafür habe ich mich mit Oberths Werken beschäftigt, Biographien über ihn gelesen, Briefwechsel, habe wichtige Orte in seinem Leben wie Schäßburg und Peenemünde besucht. So habe ich versucht, mich dieser Figur zu nähern und einen Weg zu finden, von ihr zu erzählen. Im Großen bin ich dabei faktisch, im Kleinen fiktional. Heißt: Meilensteine, die die Figur Hermann abschreitet, ist die historische Person Oberth so oder ähnlich auch gegangen. Aber die Wahrnehmung der Welt, die vielen Begegnungen, die Dialoge, die Konflikte, die einzelnen Episoden bilden eine fiktive Wirklichkeit, die nicht identisch ist mit der historischen Wirklichkeit. Es ist nicht das Leben der historischen Person Hermann Oberth, sondern eine Möglichkeit davon.

Dahmke: Den Jungen, den wir am Anfang des Romans bei seinen Abenteuern in der Umgebung von Siebenbürgen in Österreich-Ungarn erleben und der mit Jules Verne im Gepäck rudern gegangen ist, wird zu einem einzelgängerischen Charakter; in sich gekehrt fängt er an zu studieren. Welche Bedeutung spielt diese soziale Abkanzelung für die Entwicklung des Protagonisten?  

Mellem: Oberths Einzelgängertum ist ganz zentral für seinen Lebensweg. Zum einen hilft ihm bei der Entwicklung seiner Ideen. Erst der Junge, der sich in sich selbst zurückzieht und in seinem Ruderboot von Verne träumt, kann eine Weltraumrakete erfinden und sich ihr ganz verschreiben. Zum anderen aber verunmöglicht genau diese soziale Abkanzelung, sich mit Verbündeten seiner Idee zusammenzutun. Es gab in den zwanziger Jahren einige Raketenenthusiasten, die sich für Oberths „Rakete zu den Planetenräumen“, diese sperrige Formelarbeit, begeistern konnten, nicht umsonst wurde 1927 der Verein für Raumschiffahrt gegründet. Aber Oberth gelang es nie, das für sich zu nutzen. Er war schüchtern, unfähig eine solche Bewegung anzuführen. Dazu war er ein Fanatiker seiner Idee, der nur schwer Kompromisse machen konnte – das führte zwangsläufig zu Konflikten mit beispielsweise Max Valier, der mit Fritz von Opel die Raketenautos baute.

Dahmke: Gleichzeitig beginnt das Zeitalter der Utopien. Höher, schneller, weiter wird zur Devise der Welt Anfang des 20. Jahrhunderts; Raketenautos starten, der Film verspricht Ausflüge in fremde Welten. Hermann Oberth muss mit obskuren Kreisen in Kontakt treten, um seine Forschung finanzieren zu können, da seine Ideen von der Wissenschaft abgelehnt werden. In was für Zeiten hat Oberth um Anerkennung gerungen?

Mellem: Oberths Arbeit fiel in den zwanziger Jahren auf fruchtbaren Boden. Die technologische Entwicklung hatte eine Sprung gemacht, Autos eroberten die Straßen, Flugzeuge die Luft. Auch in der Physik war auf einmal vieles denkbar: Quantenmechanik und Relativitätstheorie veränderten das Verständnis der Welt von Grund auf. Für Oberth und seine Idee war das ein Vorteil, weil auf einmal vieles möglich schien – eben auch eine Rakete, um in den Weltraum zu fahren. Gleichzeitig war es für ihn aber unheimlich schwer, sich von Scharlatanen abzugrenzen. Max Valier, der ein großer Vorkämpfer von Oberths Idee war, war überzeugter Anhänger der esoterischen Welteislehre von Hanns Hörbiger, die schon damals aus wissenschaftlicher Sicht Unsinn war. Oberth war es sehr wichtig, vor allem auch die Gelehrten von seiner Idee zu überzeugen – vermutlich nicht zuletzt wegen seiner Enttäuschung über die abgelehnte Doktorarbeit. Dass die Wissenschaft ihn nicht weiter ernst genommen hat, hat ihn verbittert. Auf der einen Seite gegenüber den Gelehrten und auf der anderen Seite gegenüber seinen Mitstreitern wie Valier, denen er vorwarf, nicht wissenschaftlich genug zu arbeiten.

Dahmke: Oberth war nicht nur in entscheidende Umbrüche des 20. Jahrhunderts verstrickt (für die Nationalsozialisten hat er die Raketentechnik vorangetrieben), er war auch Familienvater, eine Rolle, für die er nicht gemacht schien. Wie wichtig sind Empathie und Mitgefühl oder das Fehlen solcher Gefühle in dieser Zeit? Sollte man zwischen Oberth als Wissenschaftler und Oberth als Familienvater unterscheiden? Darf man das? Im Roman werden große moralphilosophische Fragen behandelt. Wie wichtig sind diese, um solch einen ambivalenten Charakter vor dem Panorama des letzten Jahrhunderts zu verstehen?

Mellem: Oberth hat für sich streng zwischen der beruflichen Verbitterung und seinem familiären Glück unterschieden. Ich persönlich halte das für schwierig. Denn: Seinen Traum zu verfolgen, bedeutete für ihn, ein unstetes Leben zu führen. Er musste oft umziehen, verlor seine Arbeit, kam in finanzielle Nöte – diese Sorgen haben zwangsläufig dann auch seine Familie berührt. Allgemein gesprochen: Ich halte es nicht für möglich, Wissenschaft von moralphilosophischen Fragen zu trennen. Es gibt keine kindliche Unschuld von Wissenschaft, für die Erkenntnis Selbstzweck ist – das ist ein nicht erreichbares Ideal. Wissenschaft wird von Menschen gemacht, die sich in sozialen, politischen, wirtschaftlichen Kontexten bewegen. Natürlich rückwirkt – wenngleich wohl meist unbeabsichtigt und unbewusst – auf die Forschung, die betrieben wird: Was wird geforscht? Wie wird geforscht? Wofür wird geforscht? Erst so ist es m.E. erklärbar, dass jemand wie Oberth mit seiner Rakete einerseits an den Weltraum dachte, andererseits aber auch an eine Waffe für die Nazis. Deshalb muss man bei Forschung die moralphilosophischen Fragen immer mitdenken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wenn Sie noch mehr zu Hermann Oberths Leben und Werk erfahren möchten, besuchen Sie uns gerne auf YouTube.

Das Buch können Sie über den Online-Shop oder direkt vor Ort erwerben.









Mittwoch, 23. September 2020

Das Sittenbild einer verkommenden Gesellschaft

Am Ufer des Sacrower Sees nahe Berlin wird 1932 der Sportwagen des Dr. Erich Mühe entdeckt. Der Arzt ist über Nacht verschwunden und die Mordkommission deckt ein Leben mit Abgründen auf. Was passierte mit diesem angesehenen Arzt am Vorabend der Diktatur? Autor Oliver Hilmes stand Robert Eberhardt für ein kurzes Interview zur Verfügung:


Eberhardt: Sie sind bisher als Sachbuchautor in Erscheinung getreten. Wie kam es zu einem erzählenden Text und inwiefern sind dort historische Fakten mit Fiktion verbunden?

Hilmes: Ich bin von Hause aus Historiker und Geschichte zu rekonstruieren heißt auch Geschichten zu erzählen. Und deshalb ist mir das Erzählerische in meiner Arbeit schon immer sehr wichtig gewesen. Daher ist der Schritt von meinen bisherigen erzählenden Sachbüchern zu einer nun romanhaften Darstellung nicht weit gewesen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und ich habe viel recherchiert, manches freilich aus dramaturgischen Gründen erdacht.

Eberhardt: Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden? Sie haben zuletzt einen Beststeller zur Olympiade 1936 veröffentlicht, sich illustren Figuren des 19. Jahrhunderts wie Cosima Wagner oder Bayernkönig Ludwig II. gewidmet. Wann spielt die Geschichte des Dr. Mühe?

Hilmes: Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1932 und endet Anfang der 50er-Jahre in Barcelona. Und das ist das Faszinierende daran: Dass sie sich über 20 Jahre erstreckt, in mehreren politischen Systemen spielt - in der Spätzeit der Weimarer Republik, der Nazizeit, der frühen Bundesrepublik und in der spanischen Franco-Diktatur. Das ist ein wirklich faszinierender Plot. Auf den Fall des Dr. Mühe aufmerksam geworden bin ich im Berliner Landesarchiv, als ich dort die polizeiliche Ermittlungsakte gefunden habe.

Eberhardt: Ist Ihr Buch ein Krimi?

„Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist auf der einen Seite ein ungelöster faszinierender Kriminalfall, auf der anderen Seite aber auch eine Erzählung über den Verlust von Anstand und Moral am Vorabend der Diktatur.  Das Sittenbild einer verkommenden Gesellschaft, einer sich verdüsternden Zeit. Und es ist eine Berlin-Saga, weil etwa die spezifischen Lebensumstände in der damaligen Reichshauptstadt eine große Rolle spielen.

Mehr Infos zum Buch: www.doktormuehe.de

Das Buch für 20 Euro im FELIX-JUD-Webshop bestellen - versandkostenfrei oder Abholung am Neuen Wall 13 in Hamburg am nächsten Tag (bei Bestellungen bis 17 Uhr). 









Freitag, 18. September 2020

Unbändige Kraft der Natur

Noch bis zum 26.9.2020 läuft bei uns die Ausstellung "Lichtspiele" von Hermann Reimer. Robert Eberhardt hat den Maler in seinem Berliner Atelier besucht.

Wer sich eine Landschaft oder ein "Baumporträt" von Hermann Reimer in die Wohnung hängt, kann sich einen Spaziergang sparen und in den heimischen vier Wänden "waldbaden". Intensiv ist das Licht- und Farbspiel, mit dem Hermann Reimer Naturstimmungen festhält. Er versteht es meisterhaft, das selbst für Fotografen schwer zu fassende, diffuse "Waldlicht" einzufangen: den starken Hell-Dunkel- Kontrast von Sonnenstrahlen und schattigen Partien, das durch das Blätterwerk gefilterte und durchgrünte Licht, die changierenden Optiken auf moosigem und belaubtem Waldboden. Zudem schwingt das Mythologische des Waldes stets mit: der Raum des Märchens, das Nicht-Urbane, das romantisch Geheimnisvolle. Die unbändige Kraft der Natur, das Sprießen und Durchdringen der unaufhaltsamen Pflanzenwelt, angefeuert von Licht und Sonnenkraft, schreibt sich in seine Bilder ein. Man versteht den Wald als Raum, der ganz anderen Gesetzen folgt wie Architektur und Wohnraum. 

Viele seiner kleinformatigeren Bilder malt Hermann Reimer im Freien. Als Meisterschüler von Klaus Fußmann steht er der realistischen wie naturverbundenen Malergruppe nahe, die mit Christopher Lehmpfuhl und Till Warwas derzeit ihre bekanntesten Vertreter findet. Große Formate fertigt Hermann Reimer in seinem Atelier in Berlin an, in einem alten Fabrikgebäude, das als Solitär auf freier Fläche nahe der Stadtautobahn steht und vom Senat komplett an Berliner Künstler vermietet wird. 

Hier entstehen auch Bilder mit Spiegelmotiven - neben Walddurchsichten eine bildnerische Spezialität von Reimer. In ungewöhnlichen Bildausschnitten zeigt er Landschaften in ihren anteiligen Spiegelungen in Wasseroberflächen von Seerosenteichen, Tümpeln oder Kanälen. Es ist das Robuste der Natur, das Materielle, die Konstruktion, was Reimer zu interessieren scheint. Nicht der liebliche, klassisch gesehene Landschaftssauschnitt, sondern die ungewohnte, ausschnitthafte Perspektive, in deren Zufälligkeit sich die starke, unverstellte Landschaft zeigt. Deshalb wirken seine Bilder: als ästhetischer Kraftausdruck der Natur.

Die Ausstellung "Lichtspiele" ist bei uns am Neuen Wall 13 noch bis zum 26.9.2020 zu sehen, von Montag bis Samstag 10 bis 18 Uhr. 










Mittwoch, 16. September 2020

Leere Flure, aber viel verlegerische Energie


Urlaub und Reisen in Deutschland - unser Mitarbeiter Marcus Dahmke hat Hamburg verlassen und den Kiwi-Verlag in Köln besucht: 

Leere Flure, verwaiste Zimmer, stickige Konferenzräume. Was sich so dramatisch anhört, war und ist teilweise noch traurige Verlagsrealität.

Am Freitagnachmittag sind die Verlagsräume von Kiepenheuer und Witsch nahe des Kölner Doms leer – typisch für einen Freitag; gleichzeitig ist in diesem Sommer nur wenig wie immer.

Mirjam Mustonen, Key Accounterin im Vertrieb, erzählt vom Alltag in Corona-Zeiten, während wir durch das nahezu menschenleere Stockwerk gehen; vorbei an geöffneten Türen, Glaskästen mit Lizenzausgaben von z.B. Frank Schätzing, Autorenfotos und (nur scheinbar!) wahllos zusammengestellten Bücherbergen.

Bei Kiepenheuer & Witsch hat man auf die schwierige Zeit flexibel reagiert. Homeoffice und Arbeiten im Verlagsgebäude – für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter wurde die Lösung gefunden, die zur Lebenslage passt und ein erfolgreiches und sicheres Arbeiten garantiert.

Wichtig beim Arbeiten im Verlag sei vor allem, dass die Sicherheitsabstände und Gesundheitsmaßnahmen eingehalten werden können. Risikos minimieren und MitarbeiterInnen schützen ist oberstes Gebot.

Viel Abstimmung ist nötig in diesen Tagen, immer noch: nicht nur verlagsintern, sondern auch mit dem Handel, den Großhändlern und der Auslieferung in Hamburg. Zum Glück gibt es inzwischen wieder so etwas wie einen Alltag.

Mitte März sah die Situation noch ganz anders aus. Viele Buchhandlungen haben ihre Aufträge storniert, Kontaktpersonen waren nicht erreichbar, niemand konnte sagen, wie es in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten weitergehen wird. Die ganze Arbeit, die in die Vorbereitung der Leipziger Buchmesse gesteckt worden ist, konnte durch die Absage nicht mehr umgesetzt werden, berichtet Mirjam. Für die Frankfurter Buchmesse, die im Herbst stattfindet, plane man nun mit einem Online-Programm. Einen Messestand wird der Verlag in diesem Jahr dort nicht haben. Man kann sich nicht 100-prozentig darauf verlassen, dass bis dahin alles überstanden sei. Wie um ihre Worte zu belegen, strömen hinter den Fenstern der Arbeitsräume des Verlages auf dem Bahnhofsvorplatz und am Kölner Dom Menschenmengen durch die Stadt. Wahrscheinlich ist diese kurzfristige Lösung wirklich die einzig richtige Entscheidung. Auch wenn das neue Format mit viel zusätzlicher bzw. ungewohnter Arbeit verbunden ist...

Die Umstellung zum Homeoffice sei anfangs durchaus ein Kraftakt gewesen, Programme mussten installiert, Hardware zur Verfügung gestellt, die Datensicherheit garantiert werden; einiges ließe sich trotzdem nicht ohne Probleme von zuhause aus richten. Zusammenarbeit sei das Zauberwort ... und Erreichbarkeit. Viele Probleme, die man selber aus dem Arbeitsalltag der letzten Monate kennengelernt hat, spricht Mirjam an. Und die vielen erfolgreichen Lösungen.

Zum Abschluss wenden wir uns vor der Bücherwand in ihrem Arbeitszimmer, natürlich mit 1,5 Meter Abstand, dem Herbstprogramm zu. Der neue Meyerhoff ist schon im Druck, Thomas Hettches neuer Roman wird gespannt erwartet (mich eingeschlossen).

Länger reden wir über die ehemalige Top-10 Weltranglisten Tennisspielerin Andrea Petković, von der Kiepenheuer und Witsch ihre ersten autofiktionale Erzählungen herausbringen wird. „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ heißt der Band, der Anfang Oktober in diesem Jahr erscheinen wird. Vieles aus ihrem eigenen Leben soll Petković verarbeitet haben, humorvoll und literarisch verdichtet, kleine Parabeln eines Sportlerinnenlebens. Also nicht nur für Tennisliebhaber ein interessantes Buch; schließlich gehe es auch im Leben immer wieder um Sieg und Niederlage und (vielleicht passender in dieser Zeit): um seltene Glückmomente. Wir dürfen gespannt sein. Ich bin es auf jeden Fall!


Ganz herzlichen Dank an Dich, Mirjam, für die Einladung und den herzlichen Empfang (sogar in den Verlagsräumen, womit ich in Corona-Zeiten nicht gerechnet habe) und die ausführlichen Antworten auf meine vielen Fragen. Dieser kleine Bericht wird dem Umfang nur in Ansätzen gerecht.